"West Side Story": Ein Musicalbesuch der reifen Dame

16. Mai 2016, 19:31
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Premiere von Leonard Bernsteins "West Side Story" bei den Salzburger Pfingstfestspielen. Regisseur Philip Wm. McKinley lässt Cecilia Bartoli als älter gewordene Maria ihre Liebschaft mit Tony imaginieren

Salzburg – "Wonnen der Wehmut" versprechen die Salzburger Pfingstfestspiele für 2017. Allerdings hätte dieses Motto auch heuer gepasst – wie Romeo zu Julia. Die künstlerische Leiterin und singende Hauptattraktion des Kurzfestivals, Cecilia Bartoli, ist in dieser West Side Story, Leonhard Bernsteins Meisterwerk (dem auch im Sommer bei den Festspielen zu begegnen sein wird), eine melancholisch zurückblickende Dame in Schwarz.

Der diesbezügliche Kunstgriff von Regisseur Philip Wm. McKinley: Er verdoppelt Maria, stellt dem verliebten Teenager eine zweite, erwachsene Maria zur Seite. Die Juvenile (charmant Michelle Veintimilla, die ein paar Noten singt, ansonsten aber nur den Sprechpart umsetzt) ist das unbeschwerte Mädchen, das schließlich durch Tonys Dahinscheiden Hass und Verzweiflung kennenlernt, um sich doch für Friedfertigkeit zu entscheiden.

Die reife Maria, also Bartoli, durchwandert als teilnehmende Beobachterin quasi halluzinatorisch ihre eigene Geschichte; im Rückblick durchleidet sie jene Ereignisse, die zum frühen Ende der Beziehung mit Tony geführt haben. Ein dreistöckiges Stahlgerüst wird dabei in der Felsenreitschule zur "Herberge" kleiner Räume, die den intimeren Szenen auch etwas Geborgenheit und Kontur geben können.

Geht es allerdings um die zwei New Yorker Jugendgangs der 1950er-Jahre, die Jets und die Sharks, die so leichtsinnig einem letalen Showdown entgegenprovozieren, teilt sich die Bühnenkonstruktion, und es öffnet sich ein Raum der Choreografien (Liam Steel). Sie bezeugen gutes Handwerk; die West Side Story wird auch durch sie zum gediegen im Mainstream-Stil inszenierten sozialkritischen Musical.

Jede Geste stimmt

Das durchwegs professionelle Ensemble wird dominiert von Norman Reinhardt, der zwar als Tony ein bisschen zu erwachsen wirkt. Stimmlich jedoch meistert er alle Hürden so kultiviert wie intensiv. Herausragend eigentlich aber Karen Olivo als Anita: Bei ihr stimmt jede Geste, jedes Timing, und die Melodien erlangen die nötige Schärfe und Pointiertheit. George Akram (als Bernardo) und vor allem Dan Burton (als Riff) sind flexible Darsteller und Teil eines sehr respektablen Kollektivs. Bartoli singt – um innigen Ausdruck bemüht – auf ihre ganz spezielle Art überzeugend. Wie bisweilen bei ihr ist der Vibratoeinsatz dem Gehalt der behutsam modellierten Linien nicht sonderlich zuträglich. Bartoli jedoch kompensiert das mit delikater Musikalität. Ihren Tony trifft sie in höheren Sphären wieder. So suggeriert es jedenfalls der Schluss, nachdem sich die reife Maria – hoch oben auf dem Gerüst, wo die Gleise sind – dem Freitod hingibt. Eine eher überflüssige Pointe.

Dirigent Gustavo Dudamel und das Simón Bolívar Orchestra treffen jedoch den latinjazzigen Tonfall ebenso wie die bigbandlastigen und die poetischen Momente mit Leichtigkeit und diskreter Verve. Applaus für alle.

Die Pfingstfestspiele (2. bis 5. Juni) werden übrigens 2017 Händels Ariodante szenisch präsentieren (Regie Christof Loy) und damit also aus dem 20. wieder in das 18. Jahrhundert zurückkehren. (Ljubisa Tosic, 16.5.2016)

  • Geblieben sind offenbar nur Erinnerungen: Cecilia Bartoli (als Maria) in Bernsteins "West Side Story" in Salzburg.
    foto: lelli

    Geblieben sind offenbar nur Erinnerungen: Cecilia Bartoli (als Maria) in Bernsteins "West Side Story" in Salzburg.


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