Jamala – Mit Uromas Leid zum Sieg

16. Mai 2016, 19:06
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Der Song Contest und das wirkliche Leben – das ist thematisch ein Evergreen. Aufgrund des Sieges der ukrainischen Sängerin Susana Alimiwna Dschamaladinowa, die sich zur Freude aller Song-Contest-Moderatoren Jamala nennt, wird einmal mehr darüber diskutiert. Russland fühlt sich vor den Kopf gestoßen, weil das Siegerlied der 35-jährigen Sängerin 1944 politisch gefärbt ist. Russland und die Ukraine sind verfeindete Nachbarländer, seit Russland 2014 die Krim annektiert hat.

Jamalas Lied bezieht sich im Titel auf das Jahr, in dem hunderttausende Krimtataren auf Befehl Josef Stalins deportiert wurden; viele wurden auf dem Weg nach Zentralasien zu Tode geschunden. Unter ihnen befand sich auch Jamalas Urgroßmutter. Jamalas Eltern kehrten erst 1991, nach dem Zusammenbruch der UdSSR, zurück in die alte Heimat, auf die Krim. Mit 17 übersiedelte Jamala für ihr Gesangsstudium nach Kiew, seit der Annexion fährt sie nicht mehr zurück auf die Krim.

Im Vorfeld des Song Contests interpretierte Russland das Lied noch als persönliche Geschichte; nach Jamalas Sieg ging das nicht mehr. Nun ist Moskau offiziell verschnupft und beklagt politischen Missbrauch des Bewerbes. Schon ist die Rede von einem Boykott des Singsangs im nächsten Jahr. Das ist drollig, da populäre Musik seit Anfang des 18. Jahrhunderts auch politische Inhalte transportiert und spätestens seit Nicoles Sieg für Deutschland mit Ein bisschen Frieden (1982) eine harmlose Version des Protestliedes sogar beim Song Contest Einzug hielt.

Die 1983 in Osch geborene Jamala pflegt, so betrachtet, nur eine schwache Tradition, denn auch der 61. Song Contest war natürlich weitgehend frei von Botschaften, die über Begehrlichkeiten rund um Amore hinausgehen. Jamala ist das Kind eines Moslems und einer Christin und gilt als erste Muslimin, die den Bewerb gewonnen hat. Sie ist ein jugendlich-dramatischer Sopran. Dementsprechend expressionistisch war die Darbietung ihres Liedes, in dem sie den Refrain auf Krimtatarisch vortrug, was diese Sprache erstmals vor den Vorhang des Song Contests führte.

Vier Alben hat Jamala bisher veröffentlicht; stilistisch umarmt sie dabei Jazziges, die sogenannte Weltmusik und reichert sie mit Elementen aus Klassik und Gospel an. Schon einmal wollte sie beim Contest antreten. Nach Manipulationsvorwürfen bei der Abstimmung in der Qualifikation (2011) zog sie ihre Bewerbung für die Ukraine jedoch von sich aus zurück. (Karl Fluch, 17.5.2016)

  • Sängerin Jamala gewann beim 61. Song Contest  für die Ukraine.
    foto: afp photo / jonathan nackstrand

    Sängerin Jamala gewann beim 61. Song Contest für die Ukraine.

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