Die Besonnenen und die Wütenden

Kommentar16. Mai 2016, 17:57
311 Postings

Phantomkanzler Kern braucht rasch ein starkes Team – noch vor der Stichwahl

Das Streitgespräch zwischen Norbert Hofer und Alexander Van der Bellen ohne Moderator war ein interessantes und sehenswertes TV-Format. Es wird aber wohl nicht wahlentscheidend sein, trotz einer sehr beachtlichen Quote, die ein weiterer Beleg dafür ist, dass das Interesse an Politik (oder dem, was derzeit als solche verkauft wird) so ausgeprägt ist wie kaum zuvor. Auch die Zugriffszahlen auf derStandard.at bewegen sich seit Wochen auf Rekordniveau – von der vielbeschworenen Politikverdrossenheit offenbar keine Spur.

Der Präsidentschaftswahlkampf und die daraus resultierende Umbildung des SPÖ-Regierungsteams samt neuem Kanzler stoßen auf reges Interesse – möglicherweise nur in jenem Teil der Bevölkerung, der sich noch interessieren lässt und nicht resigniert hat. Ob Hofer und Van der Bellen auch jene mobilisieren können, die im ersten Wahlgang nicht gewählt oder einen anderen Kandidaten ihre Stimme gegeben haben, wird für die Stichwahl entscheidend sein.

Souverän haben beide Kandidaten in dieser TV-Auseinandersetzung nicht gewirkt. Einen Bundespräsidenten, der drübersteht, der gelassen und überlegt agiert, der in seinen Anliegen glaubwürdig wirkt, den hat man hier im TV-Studio nicht gesehen – eher zwei kleine Buben in der Sandkiste, die ums Schauferl streiten. Van der Bellen hat sich von den gezielten Provokationen Hofers aus der Fassung bringen lassen, untergriffige Argumente hatten beide rasch zur Hand.

Die Konfrontation verlief entlang der Schmerzgrenze, zeitweise blitzte der blanke Hass auf. Auch wenn die beiden in der Lage sind, gesittet zu diskutieren und Sachargumente auszutauschen, was streckenweise durchaus der Fall war, merkten die Fernsehzuschauer, wie viele Emotionen dahinterstecken. Die beiden mögen einander nicht – und politisch stehen Welten zwischen dem Grünen und dem Freiheitlichen.

Wer sich da aus dem politischen Spektrum des Landes einordnen möchte, hat keine ganz leichte Wahl. Die SPÖ-Granden positionieren sich mehrheitlich für Van der Bellen, auch prominente Namen aus dem bürgerlichen Lager, darunter etliche ehemalige ÖVP-Chefs, deklarieren sich für den Grünen. ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner hält sich bedeckt, auch Irmgard Griss weist allen Anschein einer Wahlempfehlung weit von sich. Hofer dagegen kann mit so gut wie gar keinen prominenten Unterstützern aufwarten, er weiß aber eine breite Masse an Verdrossenen, die sich vom Establishment im Land abgewandt haben, hinter sich. Diese Wahl droht das Land zu spalten – nicht nur in links und rechts, sondern auch in die Besonnenen und die Wütenden.

Diese Auseinandersetzung findet vor dem Hintergrund eines Interregnums statt. Werner Faymann hat die Tür laut zugeworfen, Christian Kern ist derzeit der Phantomkanzler, auf dem Papier führte zwischendurch ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner die Republik. Es wird an Kern liegen, die Lage rasch zu stabilisieren, dazu braucht er erst eine neue Regierungsmannschaft, die Aufbruch signalisiert, ohne Hast und Chaos zu verbreiten.

Dass der designierte Kanzler und SPÖ-Chef über das lange Pfingstwochenende erst einmal mit Absagen – vor allem von Frauen – zu kämpfen hatte, ist kein allzu gutes Zeichen. Ein starkes, glaubwürdiges Team noch vor dem Wahlwochenende wäre ein wichtiges Signal – sowohl an die Besonnenen als auch an die Wütenden. (Michael Völker, 16.5.2016)

Share if you care.