Van der Bellen: "Dann fließt eben Blut – metaphorisch gesprochen"

Interview16. Mai 2016, 16:29
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Die Nerven habe er nicht verloren. "Zwischendurch ergrimmt" sei er gewesen. Präsidentschaftskandidat Alexander Van der Bellen über ein TV-Duell mit Hofer als "Gladiatorenkampf"

STANDARD: 45 Minuten, kein Moderator: Das ATV-Duell mit Ihrem Konkurrenten Norbert Hofer von der FPÖ am Sonntag hat vor allem einen Eindruck hinterlassen: Sie können einander nicht ausstehen.

Van der Bellen: Na ja, wie diskutieren Sie mit jemandem, der nur auf die Zerstörung des Gesprächs abzielt? Das beherrscht Hofer perfekt. Klar war auch: Hier stehen sich zwei unterschiedliche politische Grundkonzepte gegenüber – und zwei Personen, die das jeweils verkörpern. Am kommenden Sonntag findet eine Richtungsentscheidung statt: zwischen konstruktiv und destruktiv.

STANDARD: Übriggeblieben ist, dass das ein desaströser Auftritt war. Was ist da schiefgelaufen?

Van der Bellen: Ich lade alle, die das so sehen oder so kommentieren, ein, sich einmal mit jemandem, der nur NLP-Crash-Rhetorik verwendet, hinzusetzen und zivilisiert zu diskutieren.

STANDARD: Ihnen sind ja die Nerven auch durchgegangen, oder?

Van der Bellen: Man wird schon zwischendurch ergrimmt, sage ich einmal. Aber die Nerven sind mir nicht durchgegangen.

STANDARD: Hat dieses Fernsehduell der Politik geschadet?

Van der Bellen: Die Sendung war ein Experiment, und es ist das herausgekommen, was sich viele aus der Medienwelt wünschen: eine Art Gladiatorenkampf. Dann fließt eben Blut – metaphorisch gesprochen. Und das wird auf einmal beklagt? Was haben Sie erwartet?

STANDARD: Hand aufs Herz: Rennt der Wahlkampf auf einem Niveau ab, das Sie sich erwartet haben?

Van der Bellen: Nein. Ich bin schon überrascht. Ich hätte mir eine andere Art der Auseinandersetzung gewünscht. Aber wenn Hofer es für richtig hält, so zu agieren ...

STANDARD: Es liegt also am Gegner?

Van der Bellen: Das ist ein Richtungswahlkampf, und da treffen die Meinungen und die Persönlichkeiten hart aufeinander. So wie das inszeniert war, braucht sich doch niemand wundern.

STANDARD: Die Präsidentschaftswahl wurde gerade vom Abgang Werner Faymanns als Kanzler und SPÖ-Vorsitzenden etwas an die Seite gedrängt. Geht es mit der Koalition weiter, oder rechnen Sie mit baldigen Neuwahlen?

Van der Bellen: Ich erwarte mir, dass diese Regierung unter neuer Führung und wohl neuer Zusammensetzung besser zusammenarbeitet, sich Prioritäten setzt und bis zu den Wahlen 2018 die dringlichsten Probleme angeht – darunter vor allem die hohe Arbeitslosigkeit in Österreich.

STANDARD: ÖVP-Klubchef Reinhold Lopatka husst aber schon ständig.

Van der Bellen: Da müssen Sie Herrn Lopatka fragen, was er damit bezweckt. Ich stehe jedenfalls für Zusammenarbeit und Kooperation.

STANDARD: Kann Christian Kern die SPÖ konsolidieren?

Van der Bellen: Ich hoffe es im Interesse Österreichs – und dass es insgesamt besser geht als in den letzten zwei Jahren.

STANDARD: Hofer sagt, er wäre "sehr vorsichtig" bei einer Angelobung von jemandem wie der Wiener Stadträtin Sonja Wehsely als Ministerin. Als Grund nennt er die islamischen Kindergärten in Wien. Sein gutes Recht?

Van der Bellen: Hofer lässt immer wieder sein autoritäres Amtsverständnis durchschimmern. Ich würde annehmen, dass Heinz Fischer, so Wehsely überhaupt vom Kanzler vorgeschlagen wird, das akzeptiert. Das wäre auch richtig.

STANDARD: Ein Thema, das alles zu berühren scheint, ist die Flüchtlingsfrage. Ist man gefangen zwischen Willkommenskultur und Ausländer-raus-Rufen? Wie sieht ein vernünftiger Mittelweg aus?

Van der Bellen: Der Mittelweg ist das, was die Caritas, die Diakonie, das Rote Kreuz und Tausende von einfachen Leuten machen: nämlich Menschen in Not zu helfen. Das andere ist, auf der internationalen Ebene zu versuchen, die Gründe für das Flüchtlingsdrama zu beseitigen: also Fokus auf Syrien, auf den Waffenstillstand dort und auf den irgendwann einsetzenden Wiederaufbau.

STANDARD: Gibt es ein europäisches Beispiel auf Staatsebene im Umgang mit Flüchtlingen, das Ihnen gefällt?

Van der Bellen: Es läuft derzeit nirgends perfekt, weil wir von der Geschwindigkeit überrascht worden sind. Was zu tun ist, liegt auf der Hand: Bildung, Bildung, Bildung, Sprachkenntnisse usw. Und die Lehrer und Lehrerinnen in diesen Fragen nicht alleine lassen.

STANDARD: Sie haben die Caritas auch als Grund genannt, wieder der Kirche beizutreten ...

Van der Bellen: Ja, und?

STANDARD: Dies vor einem Wahlgang zu sagen ist doch auffällig.

Van der Bellen: Jahrzehnte später finde ich, dass ich aus den falschen Gründen ausgetreten bin. Vielleicht sollte ich wieder eintreten, aber sicher nicht jetzt, weil ich weiß, wie das ausgelegt wird: als Opportunismus im Wahlkampf. So blöd bin ich nicht!

STANDARD: Sie haben es thematisiert.

Van der Bellen: Wenn ich gefragt werde, antworte ich. Herr Hofer kommt mit seiner Christlichkeit. Vom Papst abwärts sind aber alle Christen anderer Meinung als die Freiheitlichen.

STANDARD: Mit der Flüchtlingsfrage werden oft die mehr als 400.000 Arbeitslosen vermengt. Was tun?

Van der Bellen: Als Bundespräsident würde ich Gespräche mit den zuständigen Ministern und Experten suchen und schauen, ob wir da auf gute Ideen kommen. Grundsätzlich geht es darum, das Wirtschaftswachstum wieder zu befeuern. Aber klar ist: Ein Bundespräsident ist nicht der Ersatzbundeskanzler oder der Ersatzfinanzminister. Ich kann Impulse geben.

STANDARD: Sie denken darüber nach, den Amtssitz des Bundespräsidenten temporär in andere Bundesländer zu verlegen. Wie stellen Sie sich das vor?

Van der Bellen: Der Anstoß war, dass der Bundespräsident ständig mit der Chiffre "Hofburg" verknüpft wird. Eigentlich war das eine spontane Idee. Das müsste man dann prüfen. Aber warum soll es nicht möglich sein, eine Woche in einer Landeshauptstadt sein Amt führen zu können? (Peter Mayr, 16.05.2016)

Alexander Van der Bellen, Jahrgang 1944, ist im Kaunertal in Tirol aufgewachsen. Der Ökonom war von 1997 bis 2008 Grünen-Chef. Bei der Hofburg-Wahl tritt er als "Unabhängiger" an, wird aber von den Grünen unterstützt.

Kommentar von Michael Völker: Die Besonnenen und die Wütenden

  • Präsidentschaftskandidat Van der Bellen über die Auseinandersetzung mit Konkurrent Hofer: "Das ist ein Richtungswahlkampf, und da treffen die Meinungen und Persönlichkeiten hart aufeinander."
    foto: apa/hochmuth

    Präsidentschaftskandidat Van der Bellen über die Auseinandersetzung mit Konkurrent Hofer: "Das ist ein Richtungswahlkampf, und da treffen die Meinungen und Persönlichkeiten hart aufeinander."

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