Homosexualität im Tierreich: Nebeneffekt eines evolutionären Vorteils?

16. Mai 2016, 17:00
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Schwedische Forscher glauben eine Erklärung gefunden zu haben, warum gleichgeschlechtliches Verhalten ein allgegenwärtiges Phänomen ist

Uppsala – Lange Zeit ignoriert oder tabuisiert und deshalb in Lehrbüchern verschwiegen, weiß man mittlerweile, dass Homosexualität im Tierreich ein omnipräsentes Phänomen ist: Es findet sich bei komplexen Organismen wie Säugetieren und Vögeln ebenso wie bei einfacheren – etwa Insekten. Letzteren haben sich Forscher der Universität Uppsala in Schweden gewidmet und berichten im Magazin "BMC Evolutionary Biology" über ihre Erkenntnisse.

Käfer als Modellorganismen

Das Team um David Berger beobachtete das Verhalten von Samenkäfern aus der Gattung Callosobruchus. Gleichgeschlechtliches Verhalten – die Forscher definieren es als Paarungen, Paarungsversuche oder Werbeverhalten – ist bei diesen Käfern nicht so weit verbreitet wie bei anderen Spezies. Die Forscher konnten die Quote jedoch durch gezielte Zucht erhöhen.

Anschließend beobachteten sie das Verhalten sowohl männlicher als auch weiblicher Käfer mit und ohne genetische Anlagen zu stärkerer gleichgeschlechtlicher Neigung. Es zeigte sich ein interessanter Effekt: In einer Zuchtlinie mit häufiger homosexuell agierenden Männchen wiesen die mit ihnen verwandten Weibchen einige günstige Eigenschaften auf, etwa höhere Mobilität und höhere Fortpflanzungsrate.

Tauziehen zwischen Vor- und Nachteilen

Bergers Team vertritt die Hypothese, dass die zugrundeliegenden genetischen Eigenschaften sich auf die Geschlechter unterschiedlich auswirken. Das gleiche komplexe Zusammenspiel verschiedener Gene, das beim einen Geschlecht unter anderem die Neigung zu Homosexualität fördert, erbringt beim anderen zufälligerweise Ergebnisse, die den Fortpflanzungserfolg erhöhen. Ein – rein an der Zahl der zu erwartenden Nachkommen gemessener – Nachteil wird durch einen Vorteil aufgewogen, die Forscher sprechen von einem "genetischen Tauziehen".

Laut den Forschern könnte die Veranlagung zu Homosexualität deshalb so weit verbreitet und von der Evolution nie ausgesiebt worden sein, weil sie untrennbar mit anderen Vorteilen verknüpft ist. Die schwedische Studie ist zwar nur auf Callosobruchus-Käfer bezogen, Berger glaubt aber, dass die Ergebnisse verallgemeinerbar sein könnten. Zumindest ist die Diskussion über biologische Grundlagen der Homosexualität um eine Facette reicher. (red, 16. 5. 2016)

  • Männliche Samenkäfer bei gleichgeschlechtlichen Paarungen, darunter Weibchen bei der gleichen Aktivität.
    foto: ivain martinossi-allibert

    Männliche Samenkäfer bei gleichgeschlechtlichen Paarungen, darunter Weibchen bei der gleichen Aktivität.

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    foto: ivain martinossi-allibert
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