"Steinzeit an der Enns": Funde aus mehreren 100.000 Jahren

15. Mai 2016, 14:15
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Forscher tragen Fundstücke aus mehreren Privat- und Gemeindesammlungen zusammen, Publikation geplant

Haidershofen – Von "neuen Forschungsergebnissen von internationaler Bedeutung" berichtet Geoarchäologe Alexander Binsteiner beim Projekt "Steinzeit an der Enns". Die ältesten Fundstücke aus mehreren Privat- und Gemeindesammlungen im Bezirk Amstetten datieren 500.000 bis 600.000 Jahre zurück. Sie stammen aus der altsteinzeitlichen Kultur des Acheuléen, die an der Grenze von Altpäläolithikum und Mittelpaläolithikum angesiedelt ist.

Altsteinzeitliche Artefakte auf dem Lehberg bei Haidershofen lagern auf der Hochterrasse der sogenannten Günz-Eiszeit rund 80 Meter über dem heutigen Flussniveau, erklärte Binsteiner. Die dort entdeckten Faustkeiltypen zählen demnach zu den ältesten Formen in Europa. Eine einmalige Geländesituation habe auf den Schotterterrassenlagen der Enns Funde aus der Steinzeit konserviert.

Jüngere Funde

In Ernsthofen wurden Hunderte Geräte aus Hornstein in der typischen Herstellungsweise (Levallois-Technik) der Neandertaler gefunden. Das lasse auf ein Freilandlager schließen, das vor über 40.000 Jahren vermutlich von Jägern dort angelegt worden war, hielt Binsteiner fest. Über mehrere Jahrtausende lebten moderne Menschen (Homo sapiens) demnach auch an Donau und Enns neben ihren Cousins, bis die Neandertaler verschwanden.

Aus einer jungsteinzeitlichen Befestigungsanlage der bayerischen Chamer Kultur in Haidershofen stammen laut dem Geoarchäologen Gefäßfragmente mit Verzierungen und Hunderte von geschliffenen Steinbeilen aus Serpentinit. Die Chamer gewannen das der Jade nahe verwandte Gestein aus den Schottern der Enns und verarbeiteten es direkt dort. Um 3000 vor unserer Zeitrechnung bildeten sich Binsteiner zufolge in und um Haidershofen Werkstätten, die über den Eigenbedarf der ortsansässigen Bevölkerung hinaus produzierten und Handel mit ihren Beilen bis ins heutige Mühlviertel betrieben.

Publikation kommt

Aktuelle Ergebnisse werden nach Pfingsten in einem bebilderten Farbband in den "Linzer Archäologischen Forschungen" veröffentlicht. Das interdisziplinäre Forscherteam um den Geoarchäologen Binsteiner und den Linzer Stadtarchäologen Erwin Ruprechtsberger hofft laut der Aussendung, fossile Knochen ausgestorbener Menschenarten in den Ablagerungen der Ennsterrassen zu finden, von Neandertalern und vielleicht sogar von direkteren europäischen Nachfahren des Homo erectus. (APA, red, 15. 5. 2016)

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