Mauthausen-Gedenken: Der gemeinsame Auszug aus der Hölle

15. Mai 2016, 12:00
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Feier zur Befreiung des Konzentrationslagers vor 71 Jahren – Neue Gedenkstrategie und Präsentation eines Gedenkbuches

Mauthausen – Wieder einmal hat Aba Lewit überlegt, nicht zu kommen. Lieber ein stilles Gedenken – ein Gebet, ein Innehalten auf dem Appellplatz. Eine Kerze im Krematorium. Und doch ist der heute 94-Jährige auch heuer zu der großen Befreiungsfeier angereist. So wie jedes Jahr. Lewit ist einer der letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Mauthausen. Rund 6.000 Menschen feierten am Sonntag in der heutigen Gedenkstätte die Befreiung vor 71 Jahren – am 5. Mai 1945.

Befreiung als Katastrophe

Aba Lewit nimmt auf einem einfachen Klappstuhl Platz. Gleich in der ersten Reihe neben den Vertretern aus Politik. Inmitten hunderter Ehrengäste. Und doch scheint der alte Mann ganz weit weg zu sein von dem Gedenktrubel. Sein Blick schweift die hohen Steinmauern hinauf, den Stacheldraht entlang, über den Appellplatz bis zu dem mächtigen Eingangstor. Für so viele Menschen war es das Tor zu Hölle, für nur wenige im Frühling 1945 das Tor zur Freiheit. Aba Lewit war einer der Glücklichen. Der 94-Jährige war froh, am Leben zu sein, dennoch sei die Befreiung "die nächste Katastrophe" gewesen. Lewit: "Ich habe ja nicht einmal gewusst, wo ich bin. Und wir hatten nichts. Vor allem kein Essen. Wir haben geschnorrt und gebettelt. Und sie können sich ja vorstellen: Die Österreicher waren alle irrsinnig nett zu uns."

Europas größte Gedenkfeierlichkeit stand heuer unter dem aktuellen Motto "Internationale Solidarität". Für die Häftlinge in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten habe die internationale Solidarität einen wichtigen Stellenwert gehabt, erläutert Willi Mernyi, Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich. "Die KZ-Häftlinge erkannten sehr bald, dass Widerstand gegenüber der Lager-SS nur erfolgreich sein konnte, wenn auf möglichst breiter Basis und unter Überwindung von nationalen und weltanschaulichen Differenzen kooperiert wurde."

Kritik an der Flüchtlingspolitik

In seiner Rede mahnte Mernyi vor den politischen Vertretern – allen voran Bundespräsident Heinz Fischer – deutlich mehr Solidarität ein: "Wenn sich Rechtsextremismus europäisch organisiert, kann unsere Antwort nur eine internationale Antwort sein. Wenn heute Menschen vor dem Krieg nach Europa flüchten müssen, sind viele Regierungen solidarisch. Solidarisch im Wegschauen und im Nichtstun." Hier fordere man echte und internationale Solidarität ein. Mernyi: "Die Überlebenden haben uns gezeigt, was internationale Solidarität bedeutet, ich würde mich schämen, wenn ich diesen Menschen sagen würde, das geht heute nicht.

Neue Gedenkregie

Der Ablauf der Feierlichkeiten wurde übrigens erstmals nach über 40 Jahren geändert: Anstelle des Einmarsches der nationalen und internationalen Delegationen bildete heuer der gemeinsame Ausmarsch durch das große Lagertor am Ende des Festaktes den berührenden Höhepunkt des Gedenktreffens.

Präsentiert wurde im Anschluss an die offizielle Gedenkfeier noch ein dreibändiges Gedenkbuch für die Toten des KZ Mauthausen. Abgeschlossen wurde mit der Publikation eine zehnjährige Forschungsarbeit. Über 250 internationale Autoren erinnern darin in persönlichen, literarischen oder wissenschaftlichen Texten an die vielen Toten der NS-Mordmaschinerie. 84.270 Menschen, deren Identität oft nur mühevoll rekonstruiert werden konnte, sind in dem Buch namentlich angeführt. Ihnen wurde mit dem Gedenkbuch ein beeindruckendes Denkmal gesetzt. (Markus Rohrhofer, 15.5.2016)

  • Österreichs Spitzenpolitiker legen Kränze nieder.
    foto: apa/bundesheer/peter lechner

    Österreichs Spitzenpolitiker legen Kränze nieder.

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