West Side Story: Von Liebesdingen und Bandenkriegen

14. Mai 2016, 16:10
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Kurzkritik zu Bernsteins West Side Story bei den Salzburger Pfingstfestspielen

Salzburg – Es war eine prickelnde Überraschung, als die künstlerische Leiterin und Sängerin Cecilia Bartoli kundtat, sie würde nach Opernbarock und Frühromantik nun just das Musicaljuwel "West Side Story" ins Zentrum der Salzburger Pfingstfestspiele rücken. Sowohl der Stil- und Epochensprung wie auch die Rolle der Maria bargen gewisse Risiken.

Bekannt für umsichtige und konzeptuell interessante künstlerische Erwägungen hat Bartoli indes einen Weg finden lassen, dem Meisterwerk ziemlich gerecht zu werden.

In einer Art fast halluzinatorischem Rückblick imaginiert Tonys älter gewordene Herzensdame die Ereignisse, die zum frühen Ende der Beziehung geführt hatten. Eine dreistöckige Bühnekonstruktion bietet in der Felsenreitschule reichlich Zimmer und also Möglichkeiten für Simultanszenen. Und treffen einander die Jets und die Sharks zu unfreundlicher Besprechung oder eskalierender Rauferei, teilt sich das Ambiente und öffnet Räume für bunte Choreografien (Liam Steel). Das gute Ensemble wird getragen von Norman Reinhardt, der als Tony stimmlich kultiviert alle Hürden nimmt. Herausragend eigentlich aber Karen Olivo als Anita; Gut George Akram als Bernardo und vor allem Dan Burton als Riff.

Regisseur Philip Wm. McKinley lässt Bartoli als ältere Maria durch die Inszenierung wandern und punktuell wehmütig an ihr teilhaben. Sie singt – um intensiven Ausdruck bemüht – auf spezielle Art überzeugend, während Michelle Veintimilla quirlig die junge Dame gibt, aber sich auf dem Sprechpart konzentriert. Wie zumeist bei Bartoli, ist der Einsatz des Vibrato dem Charme der von ihr behutsam modellierten Linien nicht über die Maßen zuträglich.

Bartoli jedoch kompensiert das mit ihrer Musikalität. Ihren Tony trifft sie schließlich im einer höheren Sphäre wieder, so suggeriert es jedenfalls der Schluss, nachdem sich die reife Maria offenbar auf Gleisen dem Freitod hingibt. Überflüssige Pointe. Gustavo Dudamel und das Simon Bolivar Orchestra treffen jedenfalls den latinjazzigen Tonfall ebenso wie die bigbandlastigen und die poetischen Momente mit Leichtigkeit und diskreter Verve. Applaus für alle. (Ljubisa Tosic, 14.5.2016)

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