Basis der SPÖ: Nicht mehr nur Stimmvieh sein

15. Mai 2016, 08:00
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Der Stammwähler stirbt aus – doch es gibt sie noch: die, die immer rot wählen. Vier Vertreter einer raren Spezies

Wien – Ein paar Freunde gebe es schon, die "nicht verstehen, dass ich mich für etwas einsetze, was mich oft ärgert", sagt Julia Raffalt. Seit sie wählen darf, macht die 25-jährige Wienerin ihr Kreuz bei der SPÖ. Manchmal, wie bei der letzten Nationalratswahl, mit Bauchweh, bei Wien-Wahlen "aus Überzeugung", und dann, wie beim absehbar glücklosen Kandidaten Rudolf Hundstorfer, mit Wehmut. Es geht ums Prinzip. Raffalt ist Stammwählerin. Damit gehört sie einer aussterbenden Spezies an.

Liebe, aber auch Wut

Stammwähler wissen schon vor dem Wahlkampf, wo sie das Kreuz machen. Sie wählen einfach immer dasselbe. Das klingt simpel, ist aber kompliziert: Raffalts Liebe zur Sozialdemokratie ist vermischt mit einer Menge Wut über die Zustände in der Partei. "Es hat sich viel aufgestaut", sagt die Jus-Doktorandin, die seit vier Jahren auch Parteimitglied ist und sich bei einer Sektion im dritten Bezirk engagiert. Seit Beginn der Faymann-Ära sei wenig weitergegangen in der Regierung, zu oft seien die Roten eingeknickt. Endgültig "das Fass zum Überlaufen gebracht" habe Werner Faymanns Schwenk in der Asylpolitik. Sie, die als Freiwillige am Hauptbahnhof Kleiderspenden schlichtete und Asylrecht erklärte, hatte in der Flüchtlingshaltung des Kanzlers zuvor Rückendeckung verspürt. Die sei im Jänner weggebrochen. Das ärgerte sie. Und mit diesem Ärger, das zeigte sich am 1. Mai in Wien, war sie nicht allein.

Christian Kern "gebe ich eine Chance", sagt sie, auch wenn sie, die seit vier Jahren Parteimitglied ist, gerne mitbestimmt hätte, wer die Roten anführen soll. Trotzdem sei sie "so motiviert wie nie zuvor, weil sich gerade viel tut".

Emanzipiert

Wer heute noch Stammwähler ist, ist entweder alt oder aber jung und engagiert. "Die Bürger wollen nicht mehr Stimmvieh sein", sagt Politologe Anton Pelinka. Das sei ein gutes Zeichen, es spreche für einen Emanzipationsprozess der Gesellschaft: Nur immer brav dasselbe zu wählen, "ohne in der Partei umzurühren, ist irrational".

Demzufolge hat Kourosh Khosravi am 1. Mai äußerst rational gehandelt, als er Faymann ein rotes "Rücktritt!"-Taferl entgegenstreckte (siehe Bild). Der 26-jährige Volkswirtschaftsstudent ist in der roten ÖH-Fraktion VSStÖ und in einer Leopoldstädter Sektion aktiv und glaubt fest daran, dass die Sozialdemokraten einst wieder absolute Mehrheiten schaffen können. Die Zutaten dafür: Schlüsselressorts wie das Finanzministerium zurückholen, radikale Sozialpolitik machen, klare Bedingungen für Koalitionen definieren, notfalls in Opposition gehen.

Autoritärer Kurs

Faymanns Rücktritt böte eine "historische Chance", glaubt Khosravi, doch die sei mit Kerns Nominierung "hinter verschlossenen Türen" zum Teil vermasselt worden. Dieser autoritäre Kurs sei "eine Farce". Er selbst habe "den Geist des Sozialismus als Baby aufgesogen", als seine Mutter sich mit ihm auf dem Arm ins Kondolenzbuch Bruno Kreiskys eintrug. Das war 1990. Heute nerve es ihn, "dass man Kreisky nachheult, aber nicht die Zügel in die Hand nehmen will". Stattdessen lasse sich die SPÖ vor der FPÖ hertreiben und stimme "absurden" Gesetzen wie der Asyl-Notstandsermächtigung zu. Da er daran glaubt, dass die SPÖ sich wieder ihrer Wurzeln besinnen kann, bleibt er ihr treu.

"Aus Hausverstand" wählt hingegen Linda Ma die SPÖ – und das schon seit Jahrzehnten. "Wenn es vielen Menschen gutgeht, haben wir sozialen Frieden. Wenn es vielen schlecht geht, bringt das Wut und Gewalt. Dann kommen immer Unschuldige zum Handkuss", sagt die pensionierte Bibliothekarin.

Die SPÖ sei immer noch eine linke Partei. Dass sich viele Arbeiter zur FPÖ hingezogen fühlen, versteht sie nicht. "Sie sitzen im Gemeindebau und wählen blau", sagt die 64-Jährige. "Ich bezweifle, dass sich andere Parteien dermaßen für sozialen Wohnbau engagieren würden wie die SPÖ."

Die Argumente blau wählender Arbeiter kennt Martina Holey (Name geändert, Anm.) nur zu gut. Immer wieder streite sie mit anderen Lehrlingen. "Auf die Frage, warum sie Strache wählen, heißt es oft: weil er fesch ist. Ich sag immer: Schönheit macht keine Politik." Die 25-Jährige Niederösterreicherin ist ausgebildete Köchin, derzeit macht sie eine Verwaltungslehre. Rot wähle sie, weil sie aus einer Arbeiterfamilie komme. "Die SPÖ kümmert sich drum, dass man auch ohne reiche Eltern eine Ausbildung machen kann." Der FPÖ seien die Benachteiligten egal. "Das sieht man ja jetzt in Oberösterreich" Auch Holey engagiert sich bei den Roten, ist bei der Jungen Generation aktiv. "Immer nur meckern ist typisch österreichisch", findet sie. "Und ändern sollen es dann die anderen."
(Maria Sterkl, 15.5.2016)

  • Junge Stammwähler sind meist in der Partei engagiert. Oft sind sie unbequem – wie der 26-jährige Kourosh Khosravi
    foto: ap/zak

    Junge Stammwähler sind meist in der Partei engagiert. Oft sind sie unbequem – wie der 26-jährige Kourosh Khosravi

  • "So motiviert wie nie",  sich zu engagieren: Julia Raffalt.
    foto: fischer

    "So motiviert wie nie", sich zu engagieren: Julia Raffalt.

  • Wählt die SPÖ seit Jahrzehnten – "aus Hausverstand": Linda Ma.
    foto: cremer

    Wählt die SPÖ seit Jahrzehnten – "aus Hausverstand": Linda Ma.

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