Blutige Rohkost für Hinterwäldler

13. Mai 2016, 17:57
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Die ersten Filme im Wettbewerb überzeugen durch Unberechenbarkeit. Bruno Dumont entwirft in "Ma Loute" eine grelle Groteske um Kannibalen, Cristi Puiu durchleuchtet in "Sieranevada" meisterhaft ein Familiengefüge

Anstellen und auf Einlass warten ist das, was in Cannes nach den Filmen selbst wahrscheinlich die meiste Zeit des Tages füllt. Dabei lernt man zumindest seine Umgebung gut kennen. Unweit des Festivalpalastes hängt etwa ein Plakat von Maren Ades Wettbewerbsbeitrag Toni Erdmann, auf dem nur büschelweise Haare zu sehen sind. Da ein Zopf, dort eine Strähne – je länger man darauf starrt, desto mehr verknotet sich das Gehirn. Es gibt kein Mittel, dieses Bild aufzulösen, es führt vielmehr in eine kubistische Irre.

Gedankenmassage anderer Art haben die ersten Wettbewerbsfilme ausgelöst. Ein starker Beginn, denn kaum ein Film ließ es bisher an originellen Manövern fehlen. Bruno Dumonts Ma loute bespielt zwar eine Welt, die an seine schrullige TV-Serie P'tit Quinquin erinnert, spitzt diese dann aber noch um einige irrwitzige Ein- fälle zu.

Das Personal der Gemeinde in einer nordfranzösischen Ebbelandschaft ist nicht nur höchst auffällig, sondern richtig beschränkt. Ein Kommissar von beträchtlicher Körperfülle rollt hier buchstäblich Dünen hinunter, um eine rätselhafte Serie von Vermissten aufzuklären.

Slapstick wird auch in der Darstellung der degenerierten Bourgeoisie der 1920er-Jahre großgeschrieben. Fabrice Luchini, Valeria Bruni-Tedeschi und eine völlig hysterische Juliette Binoche spielen Familienmitglieder, die sich mit tönender Sprache und körperlichen Ticks überschlagen. Und dann gibt es noch diesen Fischerclan, der sich am liebsten mit Rohfleisch selbst erlegter Touristen ernährt.

Wahnwitz mit Buckeln

Ma loute ist eine Groteske, die vor lauter Wahnwitz aus allen Nähten platzt. Dumont bleibt dennoch ein strenger Zeremonienmeister. Er zeigt uns Körper, die von ihrer sozialen Rolle überfordert, sogar deformiert erscheinen. Ihre Eigenschaften tragen sie wie einen Buckel mit sich herum.

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Das will nicht nur witzig sein, sondern auch entlarvend. Hinter der Verzerrung schillern Klassenunterschiede. Die Bürgerlichen betrachten die Einheimischen als pittoreske Figuren, solange sie nicht den Mund aufmachen. Deren Verschlagenheit kommt schon in ihren stumpfen Blicken zum Vorschein. Der Film ergreift keine Partei, sondern sieht dieser seltsamen Gesellschaft so lange zu, bis sie implodiert – und der kugelrunde Kommissar zu fliegen beginnt.

Eigenbrötlerisches Kino mit Subversion im Detail, das ist auch Alain Guiraudies Rester Vertical. Wie Dumont ist Guiraudie ein regionaler Filmemacher, seine "Normandie" ist Südfrankreich, in diesem Fall die Lozère. Leo (Damien Bonnard), ein Drehbuchautor auf Motivmission, verliebt sich dort in eine Schäferin und zeugt mit ihr ein Kind.

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Von da an wird der Film jedoch immer unberechenbarer, denn die Figuren folgen ungewöhnlichen Begierden. So macht der Vater der Schäferin Leo Avancen, der dann wiederum so weit geht, einem alten Spinner durch Analverkehr das Sterben zu erleichtern. Guiraudie vermag wie schon in L'inconnu du lac auf ganz lapidare Art nicht Naheliegendes zu tun und dabei umso geheimnisvoller zu wirken. Der Film will gängige Formen der Zweisamkeit, des Familiensinns und der Kinderaufzucht hinterfragen. Nicht dozierend, sondern als Abenteuer, bei dem ganz neue Allianzen entstehen.

Cristi Puius Sieranevada mag angesichts der beiden anderen Filme eher traditionelles Terrain beschreiten. Der rumänische Regisseur, der in Filmen wie Der Tod des Herrn Lazarescu große Gegenwartsdiagnosen seines Landes angestellt hat, dringt hier beharrlich in das morsche Gefüge eine Familie vor. Lary (Mimi Branescu) kehrt aus Paris nach Bukarest zurück, um an einer Erinnerungsfeier an seinen unlängst verstorbenen Vater teilzunehmen.

Blick eines Toten

Auf dem engen Raum einer Wohnung sehen wir die immer wieder verzögerten Vorbereitungen dazu. Flur-, Küchen und Wohnzimmergespräche entstehen, die genauso um familiäre Konflikte kreisen, wie sie von dem Versuch erzählen, die politische Gegenwart zu verstehen. Die Kamera bleibt bei alldem ein stiller Beobachter in leichter Distanz zu den Figuren – Puiu erklärte diesen Blick in Cannes als den eines Toten. Die große Kunst des Films ist die Beiläufigkeit, mit der er einen an der Trauergemeinschaft teilhaben lässt. Wenn die Männer nach drei Stunden befreit auflachen, muss man es fast genauso tun. (Dominik Kamalzadeh, 13.5.2016)

  • "Ma loute" ist eine Groteske, die vor lauter Wahnwitz aus allen Nähten platzt: Regisseur  Bruno Dumont zeigt uns Menschen, die ihre Eigenschaften wie einen Buckel mit sich herumtragen.
    foto: festival de cannes

    "Ma loute" ist eine Groteske, die vor lauter Wahnwitz aus allen Nähten platzt: Regisseur Bruno Dumont zeigt uns Menschen, die ihre Eigenschaften wie einen Buckel mit sich herumtragen.


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