Platonows "Tschewengur": Ritt durch Sowjet-Absurdistan

13. Mai 2016, 21:24
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Festwochen-Auftakt aus Stuttgart: Frank Castorfs "Tschewengur"-Inszenierung im Museumsquartier

Wien – In seinem schier grenzenlosen Hunger nach Romanstoffen ist Frank Castorf, Direktor der Berliner Volksbühne, auf ein verschollen geglaubtes Werk gestoßen. Andrej Platonows "Tschewengur" schildert das sowjet-russische Gesellschaftsexperiment der 1920er-Jahre. In Wahrheit denkt sein Autor jedoch nur die Konsequenzen der kommunistischen Utopie zu Ende. Was tun, wenn die Klassenfeinde endlich beseitigt sind, ein Ende der materiellen Not sich dennoch nicht abzeichnet?

Platonow (1899-1951) wurde zu Lebzeiten kaum verlegt. Seine eifrigsten Leser waren Stalins Zensoren. Und es nimmt sich wie ein kleines Wunder aus, dass der Mann, der zum Schluss als einfacher Hauswart arbeitete und den eigenen Sohn an den Terror verlor, selbst eines "natürlichen" Todes starb. Dabei waren die Repressionen, denen Platonow unterlag, um nichts weniger surreal als die Verhältnisse, die sein Buch auf hinreißend kuriose Weise schildert.

Sowjetwelt auf der Drehbühne

Ein sowjetischer Don Quijote reitet auf seinem Pferd "Proletmacht" durch Russlands Steppe, auf der Suche nach Rosa Luxemburgs Grab. Er trifft auf Schwätzer, Hysteriker, falsche Propheten. Bauern und Revolutionäre werden zu Pilzessern, Magiern und Terroristen.

Im Wiener Museumsquartier, Halle E, hat das Stuttgarter Schauspiel Einzug gehalten. "Tschewengur" wurde von Castorf tatsächlich im Schwabenland inszeniert. Auf der Drehbühne von Aleksandar Denic ragt eine Windmühle mächtig empor. Am Giebel prangt das Bild der Luxemburg. Ganz allmählich gibt die Drehbühne eine komplette Sowjetwelt zur Besichtigung frei. Man blickt auf eine Werkkantine, Maschendraht zäunt einen Gulag-Garten. Ein aufgebockter Moskwitsch wird als Dialogzelle gebraucht. Vor allem anderen aber dominiert die Front einer Sowjetlokomotive das Stillleben. Die gepanzerte Echse sendet ohne Unterlass Rauch in die Nacht. Finster ist das gelobte Land aller Werktätigen, sehr finster!

Mit den hoch animierten Schauspielern des Stuttgarter Ensembles gelingt Regisseur Castorf ein prächtiger Festwochen-Auftakt. Vor der Pause dominieren Huldigungsszenen an Platonow die Szenerie. Wer Castorfs Manier der szenischen Zergliederung kennt, wird sich kein lineares Erzählen erwarten. Frauen auf hochhackigen Pumps monologisieren mit den Herren der Schöpfung um die Wette. Platonow selbst (Andreas Leupold) nimmt hinter dem Steuer des Sowjetautos Platz.

Theater als Zentrifuge

Bereits vor der Pause treten die Protagonisten in Erscheinung. Kopenkin (Astrid Meyerfeldt) und das weggelegte Kind Dvanov (Johann Jürgens) bilden ein Paar wie Quijote und Sancho Pansa. Wiederum gelangt das Castorf-Prinzip zur Wirkung: Man muss Thesenromane wie den vorliegenden einfach kräftig durchschütteln. Man muss die Werkzeuge der herrlich aufgedrehten Schauspieler wie Filter benützen. Dann kann man Momente von höchster Geistesgegenwart erzeugen, einen flirrenden Zustand, der das Theater (samt Handkamera für künstliche Innenräume) in eine Zentrifuge verwandelt.

Heraus kommt prächtigste Kunst, reich an Gedanken, platzend vor Assoziationen, vollgepackt auch mit Geschwätz, aber so ist das Leben. Ein berechtigter Hinweis darauf, wie beschämend wenig wir stolzen Europäer über den Genius des slawischen Ostens wissen.

Vorderhand: brillantes Theater. Die Längen gehören zum Prinzip. (Ronald Pohl, 13.5.2016)

  • Auftakt der Wiener Festwochen: "Tschwengur".
    foto: thomas aurin

    Auftakt der Wiener Festwochen: "Tschwengur".

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