Julya Rabinowich: Ausziehende Großkinder

Kolumne13. Mai 2016, 18:15
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Die Wohnung ist ungewohnt leise. Vier Wochen nach tränenreichem Auszug läutet es an der Eingangstür

Wenn ein Kind beschließt, in die weite Welt zu ziehen, geht eine große Sorge und eine ebenso große Erleichterung durch die meisten Elternherzen.

Durch die Elternhirne geht eine kleine Überschlagsrechnung, die, je nach Ausgangslage, in weniger oder mehr dramatische weitere Überlegungen mündet. Was die eigene Studentenwohnung damals kostete und was für ordentliche Sümmchen heute für wenig ordentliche Wohnungen in noch unordentlicheren Lagen verlangt werden. Dazu noch Provision. Und Maklerzuckerln.

Also: Zuckerln für, nicht von. Das Kind ist aber zu allem bereit. Das Kind geht nächtens surfen in das weltweite Netz. Auf der Suche nach neuer Heimat. Sogar mittellausige WG-Zimmer sind schon voll solide zu berappen.

Das Kind geht tagsüber durch die Gassen und sieht nach leerstehend aussehenden Wohnungen und notiert die Hausverwaltungen. Genau so hat mal vor Jahrzehnten der Vater sein Atelier gefunden.

Die gute alte Zeit ist aber offensichtlich schon wieder vorbei. Das Kind bildet konspirative semiverzweifelte Gruppen mit anderen Studierenden. Das Elternteil schlachtet seine Sparschweine und versucht, Bilder von enthemmten Massenorgien und zwielichtigen Drogenfesten aus seinem Bewusstsein zu verdrängen, die sich dort völlig unabhängig von eigener adoleszenter Erfahrungslage gnadenlos manifestieren.

Iris, Peter und Sabine setzen sich schließlich auf dem Wohnungsmarkt durch und eröffnen neue Chancen samt leerem Kabinetterl. Das Kind zieht aus. Kaum ist das ehemalige Kinderzimmer entrümpelt, alles dort Angesammelte sentimental durchgekaut und entweder entsorgt oder in Andenkkistchen gestapelt – die Andenkkistchen überwiegen die Müllsäcke zumeist bei weitem -, der Kindertisch verschenkt und das Sofa mit schönem Gästeüberwurf für etwaige Auslandsgäste übergeworfen, melden sich alle eingeladenen Gäste wieder ab.

Der Blumenstrauß auf dem unbenutzten Gästezimmertisch welkt ungeniert vor sich hin. Die Wohnung ist ungewohnt leise. Vier Wochen nach tränenreichem Auszug läutet es an der Eingangstür. "Sabine schnarcht, Peter zickt, und Iris ist weggefahren. Darf ich die Woche bei dir wohnen?" (Julya Rabinowich, 14.5.2016)

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