Martin Walker: Das ganze Leben und der Tod

18. Mai 2016, 10:27
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Der Autor wird zu den Innsbrucker Wochenendgesprächen anreisen, die im Zeichen der Kriminalliteratur stehen. Doch was wollen Krimis?

Kein literarisches Genre hat so viele Subgenres wie der Kriminalroman. Da wäre der Detektivroman, der wiederum seine eigenen Spielarten hat, etwa in Gestalt des einsamen, aber brillanten Bürgers Sherlock Holmes oder des kriegsversehrten Aristokraten Lord Peter Wimsey oder des ehrenhaften, wenn auch harten Kerls Philip Marlowe.

Es gibt Schauergeschichten wie Edgar Allan Poes Der Doppelmord in der Rue Morgue, das Gerichtsdrama oder den Polizeikrimi, neuerdings auch mit der Genreerweiterung im Bereich der Pathologie.

Es gibt die Mordgeschichten im Landhaus, in Zügen, auf Schiffen, in Flugzeugen, Morde mit dem Messer, mit Gift, mit Feuerwaffen oder Sprengstoffen, aber auch Geschichten über Raub und Betrug, über Winkeladvokaten und gefälschte Testamente, Verbrechen aus Leidenschaft oder aus Rache, langsam und planvoll ausgeführt.

Das Genre ist sehr alt. Die erste unvollständige Sammlung der Geschichten aus Tausendundeine Nacht geht auf das 9. Jahrhundert zurück, darin enthalten Die drei Äpfel, der schaurige Fall eines in Stücke geschnittenen Frauenleichnams, der in einer Kiste aus dem Tigris gefischt wird. Scheherezade erzählte uns auch mit Die Geschichte vom buckligen Zwerg das erste Gerichtsdrama, in dem sich zwölf Personen vor Gericht verantworten müssen, angeklagt wegen des Mordes an des Königs liebstem Hofnarren.

Das Genre ist auch international. Neben den persisch-arabischen Geschichten der Scheherezade haben wir die lange chinesische Tradition der Gong'an-Literatur, Gerichtsreportagen, deren erste auf das 14. Jahrhundert der Yuan-Dynastie zurückdatieren und die sich fortsetzen im Bao Gong'an während der Ming-Dynastie sowie in den beliebten Richter-Di-Geschichten des 18. Jahrhunderts, die manche Ableger im Westen hervorgebracht haben.

Krimis sind vor allem populär. Laut einer Studie des US-amerikanischen Marktforschers Mediaworks fallen elf Prozent aller 2,6 Milliarden in englischer Sprache herausgegebenen Bücher in die Rubrik Kriminalromane. Das populärste Genre ist mit 39 Prozent Kinderliteratur, gefolgt von Romanliteratur mit 29 Prozent (wovon rund die Hälfte aus Klassikern besteht) und Fantasy/Science-Fiction mit 19 Prozent.

Offenbar wurde eine großzügige Definition von Romanliteratur zugrunde gelegt. Nach einem Bericht von Simba Information wurden auf dem US-amerikanischen Buchmarkt (2014) 80 Millionen Dollar für Horrorliteratur, 590 Millionen für Fantasy/Science-Fiction und 720 Millionen für religiöse Erbauungsliteratur ausgegeben, getoppt nur von Krimis, die 728,2 Millionen Dollar Umsatz erzielten, und dem Marktführer, dem (trivialen) Liebesroman mit einem Umsatz von 1,44 Milliarden Dollar. (Fragt sich, ob Mediaworks in der Studie dieses Subgenre der Romanliteratur zugerechnet hat.)

Die Popularität kann kaum verwundern. Krimis haben zahlreiche "eingebaute" Vorteile. Sie beschreiben eine logische, kohärente Abfolge von Ereignissen und entsprechen somit einer erfolgreichen Fahndung. Da wird ein Verbrechen begangen, bezüglich dessen man ermittelt, und der Täter wird überführt.

Solche Geschichten folgen der klassischen Forderung nach der Einheit von Zeit und Raum. Sie enden, wenn nicht glücklich, so doch zumindest auf zufriedenstellende Weise, insofern, dass die Wahrheit ans Licht kommt und der Gerechtigkeit Genüge getan wird. Für gewöhnlich enthalten sie Elemente eines Rätsels, das der Leser bzw. die Leserin wie die ermittelnde Person zu lösen versucht. Es gilt Indizien, Täterprofile und mögliche Motive zu analysieren und den mutmaßlichen Tathergang zu rekonstruieren.

Helden oder Antihelden

Kriminalromane eignen sich außerdem vorzüglich als Vehikel für gesellschaftliche Beobachtungen und Kommentare, zur Darstellung unterschiedlicher Lebensweisen und Örtlichkeiten, sozialer Schichten und ethnischer Gruppen. Ein guter Krimi vermittelt für gewöhnlich einen deutlichen Eindruck vom Ort des Geschehens; so evoziert beispielsweise Raymond Chandler das Los Angeles der 1930er-Jahre, Arthur Conan Doyle das viktorianische London, Martin Cruz Smith in seinen Arkadi-Renko-Romanen das sowjetische Moskau oder Ian Rankin das Edinburgh unserer Tage.

Kriminalgeschichten passen auch gut in ein historisches Setting. Lindsey Davis lässt ihren ausgekochten Privatdetektiv Falco in Rom zur Zeit des Kaisers Vespasian ermitteln. C. J. Sansoms buckliger Anwalt Matthew Shardlake führt uns das London von König Heinrich VIII. vor Augen.

Vor allem ist da der Ermittler, der Detektiv. Krimiautoren haben außergewöhnlich große Freiheiten im Entwurf ihrer Kriminalisten. Diese können Helden sein, Antihelden oder Schurken, männlich oder weiblich, sehr alt oder sehr jung, bevollmächtigt als Polizeibeamte oder zivile Hobbyermittler wie Miss Marple, Journalisten wie Stieg Larssons Mikael Blomkvist oder einsame Wölfe wie seine Lisbeth Salander.

Es können auch Mönche sein wie Chestertons Pater Brown, Alkoholiker wie Jo Nesbøs Harry Hole oder glücklich Verheiratete wie Donna Leons Brunetti, Exzentriker wie Agatha Christies Hercule Poirot, Körperbehinderte wie Perry Mason oder sogar solche, die im Krankenhaus liegen wie Josephine Teys Detective bei Scotland Yard, der sich daranmacht herauszufinden, ob Richard III. wirklich so böse war, wie von Shakespeare geschrieben, und tatsächlich die beiden Prinzen im Tower ermordete. Sie können auch Gourmetköche sein wie mein Bruno Corrèges oder sich wie Inspektor Morse fast ausschließlich von Bier und Fertigsandwiches ernähren.

Ein guter Krimi kann bewirken, dass wir uns darin wie zu Hause fühlen und uns glauben machen, an fremden Orten, unter dem Eindruck monströser Verbrechen und in Gesellschaft sympathischer oder unangenehmer Detektive Altvertrautes wiederzuerkennen. Darin liegt der Reiz vieler solcher Geschichten: in den unendlichen Variationen von Verbrechen, von Tatorten und den ermittelnden Persönlichkeiten.

Der größte Reiz aber liegt in uns selbst, den Lesern, die instinktiv verstehen, dass es in jedem Krimi letztlich um uns selbst geht: um unsere Leidenschaften und Schwächen, um unsere Versuchungen und Täuschungen, um unsere Werte und Normen und unseren Sinn für Gerechtigkeit. Alles menschliche Leben steckt darin – unter anderem der Tod, der uns alle früher oder später ereilen wird. (Martin Walker, Album, 16.5.2016)

Hinweis: Zum 39. Mal finden heuer von 19. bis 21. Mai die Innsbrucker Wochenendgespräche statt. Dieses Jahr steht die Veranstaltung im Zeichen der Kriminalliteratur. Moderiert von Eva Rossmann, begeben sich u. a. Bernhard Aichner, Oliver Bottini, Franzobel, Sunil Mann, Stefan Slupetzky und Martin Walker auf Spurensuche. Letzterer vermengt in seinen Bruno-Romanen Geschichte, die politische Kultur Frankreichs und Eigenheiten der Provinz.

  • Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und arbeitete  25 Jahre für die britische Tageszeitung "The Guardian". Er ist im Vorstand eines Thinktanks in Washington und Senior Scholar am Woodrow Wilson Center, Washington, D.C. Seine "Bruno"-Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen (u. a. bei Diogenes).
    foto: toppress austria/schöndorfer

    Martin Walker, geboren 1947 in Schottland, ist Schriftsteller, Historiker und Journalist. Er lebt in Washington und im Périgord und arbeitete 25 Jahre für die britische Tageszeitung "The Guardian". Er ist im Vorstand eines Thinktanks in Washington und Senior Scholar am Woodrow Wilson Center, Washington, D.C. Seine "Bruno"-Romane erscheinen in fünfzehn Sprachen (u. a. bei Diogenes).

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