Fluorid: Auf den Zahn fühlen

14. Mai 2016, 12:00
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Lange Zeit galten Fluortabletten als Medizin gegen Karies. Heute empfehlen Zahnärzte nur noch fluorhaltige Zahnpasten – noch effektiver wäre Zuckerkarenz

Sie waren klein, süß und wurden regelmäßig in der Schule ausgeteilt: Fluortabletten waren jahrzehntelang die Waffe im Kampf gegen Karies, der häufigsten Infektionskrankheit weltweit. 99 Prozent der Erwachsenen sind davon betroffen, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Forscher gehen davon aus, dass das Problem vor etwa 11.000 Jahren begann, als der sesshafte Mensch begann, Gräser wie Weizen, Mais und Reis anzubauen. Die daraus gewonnenen Lebensmittel verändern die Mundflora und schafften ideale Bedingungen für Streptococuus mutans, dem Hauptverursacher von Zahnkaries.

Mitte des 18. Jahrhunderts verschärfte sich die Situation: Der deutsche Chemiker Andreas Sigismund Marggraf entdeckte den Zuckergehalt der Zuckerrübe und legte damit den Grundstein für die industrielle Gewinnung. Immerhin versüßt sich heute jeder Österreicher mit durchschnittlich 37 Kilogramm pro Jahr sein Leben. Ein gefundenes Fressen für Bakterien, die Karies hervorrufen können. Denn zuckerhaltiges und kohlehydratreiches Essen ist der ideale Nährboden für die problematischen Mundbewohner, die dem Zahnschmelz Mineralien entziehen und ihn schwächen.

Vergiftungsängste

Fruktose, Glukose und Laktose werden von den kariogenen Bakterien verstoffwechselt und in Säure umgewandelt. Das führt zur unerwünschten Demineralisierung der Zähne. Dieser Prozess kann zwar durch den Speichel abgeschwächt werden, indem er die Säuren verdünnt und die in ihm enthaltenen natürlichen Mineralstoffe wieder an den Zahnschmelz abgibt, doch der moderne Mensch schluckt zu oft und zu viel Zucker. Die einfachste Kariesprophylaxe ist deshalb: zweimal täglich mit fluoridhaltiger Zahncreme putzen.

Auf diese simple Formel lässt sich zumindest der Forschungsstand zum Zähneputzen zusammenfassen. Je früher die Mundhygiene zur Routine wird, desto besser: "Wenn der erste Zahn zum Vorschein kommt, sollte er vorsichtig mit einem Wattestäbchen oder einer Fingerbürste gepflegt werden. Ab dem ersten Lebensjahr kann auch mit Kinderzahnpaste geputzt werden", sagt die Wiener Zahnärztin Barbara Marchl.

Kollegin Karin Assadian empfiehlt eine erbsengroße Menge fluoridierter Zahncreme mit maximal 500 parts per million (ppm), "wenn bereits die ersten Zahnschneidekanten sichtbar sind. Denn sobald sich ein Zähnchen durch das Zahnfleisch schiebt, kann es durch Säure zerstört werden." Fluorid, das in den Zähnen natürlicherweise vorkommt und in geringen Mengen im Trinkwasser oder in Schwarz- und Grüntee enthalten ist, sorgt jedoch auch für Verunsicherung. So wird auf Internetseiten vor den Gefahren des Spurenelements gewarnt. Konkret ist von Diabetes, Herzinfarkt und tödlichen Vergiftungen die Rede.

Reines Wasser einschenken

Tatsächlich nachgewiesen ist: Eine langjährige hohe Fluorid-Aufnahme von zehn bis 25 Milligramm pro Tag kann zu erhöhter Knochenbrüchigkeit führen. Extrem hohe Fluoridaufnahmen zwischen 300 und 600 Milligramm über mehrere Monate schädigen die Nieren, wie das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung festhält. Allerdings werden solche Werte erst durch den täglichen Verzehr von mehreren Tuben Zahncreme oder exorbitanten Mengen an fluoridiertem Speisesalz erreicht.

"Bis zum Alter von acht Jahren kann es zu Zahnschmelzflecken, der sogenannten Fluorose, kommen", ergänzt Barbara Marchl. "Deshalb werden Fluoridtabletten aus zahnärztlicher Sicht auch nicht mehr empfohlen. Eine Überdosierung durch fluoridhaltige Pasten ist deshalb sehr unwahrscheinlich", sagt Karin Assadian. Worüber sich Experten noch einig sind: Die Fluoridierung kann Karies nicht gänzlich verhindern. Es kommt auch darauf an, was wie oft im Mund landet: "Ich habe in meiner Ordination immer wieder mit Kindern zu tun, denen pures Wasser als Durstlöscher völlig fremd ist – die ausschließlich Eistee, Limonade oder Fruchtsaft trinken", berichtet Marchl. "Selbst verdünnte Säfte sind pH-sauer. Werden sie häufig getrunken, trägt das dazu bei, die Zähne von Kleinkindern aufzulösen", warnt Assadian.

Die Zahnärztinnen empfehlen deshalb, den Nachwuchs möglichst früh an das Trinken von reinem Wasser zu gewöhnen. Ein weiterer Tipp: Eltern sollten ihrem Kind bis zum zehnten Lebensjahr die Zähne putzen. Solange ein Kind nicht in Schönschrift schreiben kann, muss es auch nicht allein für seinen Mundraum verantwortlich sein. (Günther Brandstetter, 14.5.2016)

  • "Vor dem Schlafen, nach dem Essen: Zähneputzen nicht vergessen": lernen Kinder seit Jahrzehnten, gilt immer noch.
    foto: istock

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