Barrierefreiheit beim Song Contest: "Twelve Points" für Österreich

13. Mai 2016, 14:55
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Wien schlägt Stockholm in Sachen Barrierefreiheit – eine späte Ehre für den Veranstalter des Song Contest 2015

Stockholm/Wien – Österreich ist im Vorjahr beim größten europaweiten Gesangswettbewerb leer ausgegangen, die Makemakes erhielt beim Song Contest null Punkte. Ein Jahr später kann sich Wien aber freuen. Nachträglich wird der Veranstalterstadt viel Lob zuteil – und zwar dafür, wie barrierefrei das Event angelegt war.

"Was hatte man sich in Wien alles ausgedacht, um den Eurovision Song Contest so barrierefrei wie möglich zu machen, auch für akkreditierte behinderte Journalisten", schreibt die Deutsche Christiane Link in ihrem Blog "Stufenlos" auf "Zeit Online". "Es gab Rampenkonstruktionen, die in einem Rampenbauerwettbewerb definitiv 'twelve points’ bekommen hätten." Außerdem sei immer jemand an der Rampe gestanden, um behilflich zu sein. "Es gab ein Sicherheitskonzept, wie Rollstuhlfahrer durch die Sicherheitsschleuse kommen, Tische am Rand, die für Rollstuhlfahrer reserviert waren ..."

"Wien war ein toller Gastgeber"

Außerdem spricht Link – die Journalistin sitzt selbst im Rollstuhl – die vielen Freiwilligen an, "die hilfsbereit, aber nicht aufdringlich waren und dazu noch überall sichtbar". Sechs bis sieben weitere Rollstuhlfahrer und auch noch andere behinderte Journalisten hätten im Pressezentrum in Wien gearbeitet. "Wien war ein toller Gastgeber, und ich hatte keine Zweifel, dass Stockholm nicht dahinter zurückfallen will."

Heuer besuchte die deutsche Journalistin den Song Contest in Stockholm – und ist alles andere als begeistert, zumal Schweden ja eigentlich dafür berühmt ist, bei Barrierefreiheit die Nase vorn zu haben. Doch weder ist der Eingang zum Pressezentrum behindertengerecht ("ungefähr die abenteuerlichste Rampenkonstruktion, die ich je in einem europäischen Land gesehen habe"), noch funktionieren die Aufzüge in der U-Bahn-Station einwandfrei. Die freiwilligen Helfer fühlen sich nicht zuständig, Unterstützung anzubieten, berichtet Link.

Routinierter Veranstalter

Sie führt das darauf zurück, dass sich bei der Planung des Gesangwettbewerbs in Stockholm Routine eingeschlichen hat. "Die Schweden richten das zum x-ten Mal aus, und man glaubt, sie haben das sowieso alles im Griff." Zu Abba-Zeiten habe man mit behinderten Journalisten nicht unbedingt zu rechnen gehabt – heute gebe es die aber sehr wohl. "Wien hat sich so gefreut, endlich einmal gewonnen zu haben, dass man alles richtig machen wollte", sagt Link zum STANDARD.

Die Mobilitätsagentur der Stadt Wien, die den ORF vergangenes Jahr in Sachen Barrierefreiheit beraten hat, freut sich über das Feedback. "Unsere Tipps hat der Veranstalter weitestgehend umgesetzt", sagt Maria Grundner. Man sei mit der Stadthalle konfrontiert gewesen – einem nicht sehr einfachen Gebäude. Ein wichtiger Teil des Konzepts sei die Schulung der Volunteers gewesen. "Damit kann man bauliche Nachteile organisatorisch wettmachen", so Grundner. Die Freiwilligen waren informiert, Menschen im Rollstuhl oder mit Gehschwäche zu unterstützen.

Teilnehmerin mit Behinderung

Einen Minuspunkt hat es im vergangenen Jahr dennoch gegeben, sagt die Expertin der Mobilitätsagentur: Die Bühne war nicht barrierefrei zugänglich. Die Teilnehmerin aus Polen, die auch im Rollstuhl sitzt, konnte die Bühne nicht über die Stufen betreten. Gelöst worden sei das, indem sie von hinten hinaufgeschoben wurde. "Bei der Fernsehübertragung war nichts zu merken", sagt Grundner.

Was es heuer in Stockholm wie letztes Jahr in Wien gibt, ist die Übersetzung der Lieder in internationale Gebärdensprache. Schwedens öffentlich-rechtlicher Fernsehsender SVT ist es gewohnt, entsprechende Maßnahmen zu setzen. Rund 80 Prozent aller Sendungen, die auf SVT zu sehen sind, sind untertitelt und damit auch für Gehörlose zu konsumieren. Schwedische Gebärdensprache kommt bei rund 1,5 Prozent aller Sendungen zum Einsatz. (Rosa Winkler-Hermaden, 13.5.2016)

  • Maria Kuszynska trat im vergangenen Jahr für Polen an. Sie konnte nur von hinten auf die Bühne gelangen. Trotzdem wird dem Veranstalter Österreich ein gutes Zeugnis ausgestellt.
    foto: apa/georg hochmuth

    Maria Kuszynska trat im vergangenen Jahr für Polen an. Sie konnte nur von hinten auf die Bühne gelangen. Trotzdem wird dem Veranstalter Österreich ein gutes Zeugnis ausgestellt.

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