Dicke Schweine, hässliche Vetteln

Kolumne13. Mai 2016, 17:00
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Vorsicht bei böser U-Bahn-Schelte

Heute erzählt der Krisenkolumnist der Leserschaft eine Geschichte, welche nebst der Erbauung auch der Warnung dient. Mitgeteilt wurde sie mir auf einer Abendgesellschaft von einem weitläufig Bekannten, der mehrere Jahre beruflich in Island verbracht hat und daher des Isländischen tadellos mächtig ist.

Vor einiger Zeit kam der Herr in einer Wiener U-Bahn zufällig gegenüber zwei Damen zu sitzen. Die Damen waren jung, die Damen waren hübsch, die Damen waren Isländerinnen, und die Damen waren böse. Denn sobald sich die U-Bahn in Bewegung gesetzt hatte, begannen sie, ohne ihre Unschuldsmienen auch nur im Mindesten zu verziehen, die U-Bahn-Passagiere auf Isländisch in den abschätzigsten Tönen auszurichten.

Siehst du den pickligen Typen dort an der Türe? Unfassbar, ist der vielleicht ekelhaft. Und die triefäugige Vettel neben ihm. Was für ein grausiger Rock. Hat sie sicher im Mist gefunden. Dieses dicke Schwein da am Fenster. So was hält man doch im Kopf nicht aus. Möchte nicht wissen, was der zusammenfrisst, wenn der Tag lang ist. Und der mit dem roten Schädel erst!

In diesem Stil gingen die Damen die gesamte U-Bahn-Belegschaft durch, aber als sie sich gerade meinem Bekannten näherten, da sprach sie dieser in seinem besten Isländisch an und meinte, er sei gespannt, was sie denn an seinem Äußeren Hübsches zu kommentieren hätten.

Hei, da zog aber bei beiden eine ordentlich rote Gesichtsfarbe auf! Die Lektion, die sie gerade erfahren hatten, ließ sie ebenso perplex zurück wie weiland die spottlustige Prinzessin im Märchen vom König Drosselbart!

Hier nun die Warnung des Krisenkolumnisten. Sollten Sie je in einem fernen Lande unterwegs und der Meinung sein, sie könnten sich ungeniert im sprachlichen Inkognito bewegen: Geben Sie lieber acht!

Denn der körperlich wohlbestallte Sumo, den Sie im Gespräch mit ihrem Reisebegleiter in einer U-Bahn in Tokio respektlos als "fette Sau" titulieren, hat vielleicht ein berufliches Vorleben in Bruck an der Mur hinter sich, während der Mafioso, den Sie in einem öffentlichen Autobus in Palermo eine "potthässliche süditalienische Krätzn" nennen, womöglich jahrelang als Ferialpraktikant in Klagenfurt tätig war. In beiden Fällen würden Sie dann schnell an ein altes Sprichwort erinnert: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." (Christoph Winder, Album, 13.5.2016)

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