Cohn-Bendit: "Wir sind ja alle schizophren"

Interview13. Mai 2016, 12:28
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Der frühere Europaparlamentarier Daniel Cohn-Bendit hat ein Faible für Fußball. Im ballesterer-Interview spricht er über fehlende Vorbilder, zu viel Geld im Spiel und seinen Wetteinsatz für die EM

"Ich bin seit frühester Kindheit mit dem Fußball verbunden. Meine Alphabetisierung hat eigentlich dadurch begonnen, dass ich immer wissen wollte, was unter den Bildern der Sportzeitung L’Equipe steht", sagt Daniel Cohn-Bendit beim ballesterer-Gespräch in einem französischen Bistro in Frankfurt am Main. Tatsächlich hat er schon ein Interview mit dem brasilianischen Star Socrates geführt, Diskussionsrunden auf ARTE zu Fußballthemen geleitet und während der WM 2014 Dokus in Brasilien gedreht. Bekannt geworden ist Cohn-Bendit aber nicht als Fußballjournalist, sondern als führender Aktivist bei den Studentenprotesten im Pariser Mai 1968 und als Kommunal- und Europapolitiker der deutschen und französischen Grünen. Zum Interview kommt er leicht verspätet, seine trotz Politpension noch immer zahlreichen Termine, die er mittels zweier Handys zu koordinieren versucht, halten ihn auf Trab.

ballesterer: Es ist immer wieder von der Terrorgefahr bei der EM die Rede. Sollte man als Besucher besondere Vorsichtsmaßnahmen ergreifen oder besser gar nicht kommen?

Daniel Cohn-Bendit: Ich weiß es nicht. Die Gefahr eines Anschlags ist gegeben. Ob tatsächlich etwas passiert, hängt von vielen Faktoren ab: Da spielt die Qualität der Zusammenarbeit der europäischen Sicherheitsbehörden eine Rolle, aber auch der Zufall. Ich verstehe das Unbehagen der Fans, aber man sollte nicht vergessen, dass auch abseits dieses Events immer etwas passieren kann: Sie steigen jetzt in den ICE nach Wien und haben nicht die Gewissheit, dass Sie gut am Ziel ankommen. In Europa müssen wir lernen, mit dieser Situation zu leben. Man sollte sich aber nicht einschüchtern lassen und sein Leben ganz normal weiterführen.

ballesterer: Sehen Sie die französischen Behörden gut aufgestellt, um möglichen Bedrohungen entgegenzuwirken?

Cohn-Bendit: Ich habe keinen Einblick in die Geheimdienstaktivitäten, ich möchte in der aktuellen Lage aber keinesfalls Innenminister sein. Es gibt ja nur zwei Ausgänge: Passiert nichts, waren die Vorbereitungen gut, passiert etwas, muss er die Verantwortung tragen.

ballesterer: Im FIFA-Museum in Zürich wird der WM-Titel Frankreichs von 1998 unter zwei gesellschaftspolitischen Aspekten dargestellt. Der erste ist die Akzeptanz des Sports auch bei den kritischen Intellektuellen.

Cohn-Bendit: Es hat immer schon solche und solche Intellektuelle gegeben. Ich möchte hier auf Albert Camus verweisen, der schon Jahrzehnte vorher gemeint hat, dass er alles, was er über Moral wisse, auf dem Fußballplatz gelernt habe.

ballesterer: Und zweitens die Schlagwörter black, blanc, beur. Also die Versöhnung der drei großen Bevölkerungsgruppen, der Schwarzen, Weißen und Maghrebiner. Glauben Sie, dass ein neuerlicher Titelgewinn die Atmosphäre von damals wiederholen könnte?

Cohn-Bendit: 1998 waren unter den zwei Millionen Feiernden auf dem Champs-Elysees tatsächlich alle Gesellschaftsschichten dabei, bei der ebenfalls sehr großen Demo nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo im Vorjahr waren die Banlieues nicht vertreten. Heute ist die Situation für viele Menschen noch viel härter, zudem ist die Lage seit den Attentaten angespannter. Ob sich ein kollektives Freudengefühl wiederholen lässt, ist fraglich. Wenn die Nationalmannschaft toll aufspielt, würde ich es aber auch nicht ausschließen.

ballesterer: Beziehen die französischen Nationalspieler zu politischen Themen Stellung?

Cohn-Bendit: Da fällt mir natürlich zuallererst Lilian Thuram ein, der ja eine ganz starke antirassistische Intervention macht. Dann gibt es noch Vikash Dhorasoo, der sich viel um benachteiligte Kids aus den Banlieues kümmert, und Emmanuel Petit, der schon öfters sozialpolitische Statements abgegeben hat. Aber diese Spieler sind Ausnahmen – und sie haben ihre Karrieren allesamt beendet.

ballesterer: Aber würde das überhaupt funktionieren, wenn sich jemand wie Karim Benzema für die Banlieues engagieren würde?

Cohn-Bendit: Wenn er was anderes in der Birne hätte, ja. Man sollte von Fußballern nicht zu viel verlangen, aber ich wünsche mir, dass sie sich sozial engagieren. Mit dem ganzen Geld, das sie verdienen, könnten sie etwas gesellschaftlich Wertvolles auf die Beine stellen.

ballesterer: Frankreich richtet nach der EM 1984, der WM 1998 und der Rugby-WM 2007 bereits das vierte sportliche Großereignis innerhalb von 32 Jahren aus. Gibt es hier keine Finanzierungsprobleme? Und wie sieht es bei den Neubauten mit der Nachhaltigkeit aus?

Cohn-Bendit: Die Regierung hat wieder zwei Milliarden für den Neubau und die Adaptierung bestehender Stadien ausgegeben. Das ist eine hohe Summe, aber die Franzosen nehmen es mit der Fiskaldisziplin nicht so streng wie die Deutschen. Der Nachhaltigkeitsaspekt hat bei der EM keine Rolle gespielt, erst jetzt bei der Bewerbung für die Olympischen Spiele 2024 hat die Pariser Bürgermeisterin grüne Spiele versprochen und ein brauchbares ökologisches Konzept vorgelegt.

ballesterer: In anderen europäischen Ländern gibt es zunehmend Widerstand gegen solche Sportevents. Sind die Franzosen sportfreundlicher und weniger ökobewusst?

Cohn-Bendit: Von beidem wahrscheinlich ein bisschen etwas, aber es gibt auch in Frankreich Proteste. Die Grünen haben in Lyon gegen den Stadionneubau am Stadtrand protestiert, wo auch eine Menge Bäume gefällt werden mussten. Ebenso hat sich eine Bürgerinitiative in Paris zur Erhaltung eines Parks formiert, der im Zuge der Ausbauarbeiten des Tennisstadions Roland Garros in Mitleidenschaft gezogen wird. Aber es stimmt schon: Würde man in Frankreich Volksabstimmungen machen, würde sich die Mehrheit vermutlich für Sportveranstaltungen entscheiden – egal ob es jetzt eine EM oder Olympische Spiele sind.

ballesterer: In der französischen Meisterschaft scheint Paris Saint-Germain auf Jahre uneinholbar, auch dank der Gelder aus Katar. Wie kann man da gegensteuern?

Cohn-Bendit: Wenn Sie sich die großen Ligen anschauen, sehen Sie, dass wir im europäischen Fußball ein Geldproblem haben. Sagen wir es doch mal so: Wir sind alle schizophren. Wenn ich über das geschäftliche Umfeld im Fußball nachdenke, ist es grauenhaft. Allein schon die Idee, eine WM nach Katar zu vergeben, ist ein Skandal. Russland in seinem aktuellen Zustand ist genauso ein Skandal. Und was die nationalen Meisterschaften betrifft: Wenn es keine Begrenzungsregeln für ausländische Investoren gibt, wird der Verein, der unbeschränkt aus dem Vollen schöpfen kann, Dauerabonnent auf den Titel. Der Fußball wird vom Geld regelrecht aufgefressen. Das hat auch Auswirkungen auf die Psyche der Spieler, wenn man sich die diversen Eskapaden anschaut. Die verlieren bei den verdienten Summen ja komplett den Bezug zum realen Leben. Es ist daher verständlich, wenn man als Unbeteiligter seine Zeit nicht mehr mit dieser surrealen Welt vergeuden will. Das ist die eine Seite.

ballesterer: Und die andere?

Cohn-Bendit: Es gibt eben immer wieder Spiele von einer ungeheuren Qualität und Dramatik – wie zuletzt die Begegnungen zwischen Bayern und Juventus. Davon ist man fasziniert. Und obwohl man weiß, dass Lionel Messi und Neymar weiter steuerlich bescheißen wollen und Luis Suarez den Gegenspieler beißen möchte, bleibt man von Barcelonas Traumsturm fasziniert. Das ist die Schizophrenie, in der wir leben.

ballesterer: Kommen wir zur Sportpolitik. Die FIFA hat einen neuen Präsidenten, die UEFA wird noch dieses Jahr einen wählen müssen. Wie beurteilen Sie die diversen Skandale?

Cohn-Bendit: Die WM 2006 war gekauft, das steht fest. Franz Beckenbauer hat sich in der Sache sehr ungeschickt verhalten. Hätte er gleich gesagt, dass man aufgrund der korrupten Strukturen in der FIFA eine WM ohne Bestechung gar nicht erhalten hätte, wäre er noch immer der Held. Aber dieses permanente Lügen hat ihn in eine komplizierte Lage manövriert. Was ich besonders schrecklich finde, sind die Verträge, die die FIFA den Veranstalterländern aufzwingt: Der FIFA-Präsident muss wie ein Staatsgast behandelt werden. Dann gibt es das FIFA-Land, also die Bannmeile um die Stadien, in der nicht die staatlichen Gesetze, sondern die der FIFA gelten. Das zeigt, welche Macht sich dieser Sportverband dank seiner TV- und Sponsorengelder anmaßt. Das ist absurd.

ballesterer: Michel Platini ist tief in den Korruptionssumpf verstrickt. Wie sehen Sie seine Rolle?

Cohn-Bendit: Michel Platini hat mich enttäuscht. Er ist als großer Reformer angetreten, hat den Weg für die kleineren Vereine in die Champions League erleichtert und das Financial Fair Play eingeführt. Das sind alles Dinge, die einem Beckenbauer nie in den Sinn gekommen wären. Am Beispiel Platini sieht man sehr gut: Wenn du in einem System bist, das Korruption ermöglicht, wirst du leicht davon erfasst.

ballesterer: Haben Sie Ideen, wie man gegensteuern kann?

Cohn-Bendit: Ich hatte im Vorfeld der EM ein Gespräch mit der damaligen Sportministerin und habe ihr vorgeschlagen, eine Ticketkategorie für benachteiligte Schichten zu ermöglichen. Ganz generell müsste man im Fußballbusiness eine Geldbremse einziehen. Da würde ich zunächst bei den TV-Verträgen ansetzen. Die Free-TV-Sender sollten wieder alle Spiele übertragen dürfen, weiters sollten Deckelungen der Summen für TV-Übertragungsrechte und dann in weiterer Folge auch bei Spielergehältern eingeführt werden. Auch bei der Ausbildung der Jugendlichen sollte es einen Investitionsschutz geben. Man muss viel klarer regulierend eingreifen.

ballesterer: Was kann man tun, um die Schere zwischen den vielen mittelgroßen und kleineren Teams und den etwa 20 Spitzenvereinen, die in der Champions League Stammgast sind, zu schließen?

Cohn-Bendit: Ich fürchte, da sind wir zu spät dran. Die Großen haben sich Vorteile im finanziellen und sportlichen Bereich verschafft, die nicht mehr aufzuholen sind. Ich wäre aber dafür, dass alle Landesmeister eine fairere Chance bekommen, an der Champions League teilzunehmen. Es bleibt uns das Hoffen auf Überraschungen, wie sie auch immer noch vorkommen, wenn wir uns das Beispiel Leicester in England anschauen.

ballesterer: Was erwarten Sie sportlich von der EM? Wie sehen Sie die Titelchancen Frankreichs? Die letzten beiden Heimturniere wurden ja gewonnen.

Cohn-Bendit: Sie haben natürlich eine Chance, aber es wird nicht einfach. Die Spiele ab dem Achtelfinale sind sehr eng, da ist alles möglich. Wenn ich mich an 1998 zurückerinnere, fällt mir ein, dass wir gegen Paraguay mit Müh und Not in der Verlängerung gewonnen haben. Das beste Spiel war das Finale. Insgesamt war da schon eine gehörige Portion Glück dabei, ohne Glück gewinnst du kein Turnier.

ballesterer: Und Deutschland? Joachim Löw hat ja gemeint, die EM sei nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur WM in Russland.

Cohn-Bendit: Er ist Realist und sieht, dass seine Mannschaft im Moment nicht so stark ist. Philipp Lahm ist weg, Bastian Schweinsteiger ist verletzt, Mesut Özil ist ein Mysterium, manchmal ist er da, manchmal nicht, Ilkay Gündogan ist nicht in Bestform. Dazu kommen noch Probleme links und rechts in der Defensive. Es wird nicht leicht für sie werden, aber sie sind ja bekanntlich eine Turniermannschaft.

ballesterer: Wen haben Sie noch auf Ihrer Liste als Titelaspiranten?

Cohn-Bendit: Die Spanier, wobei man schauen muss, wie sie den Umbau in der Mannschaft nach der schlechten WM verkraften. Dann die Engländer, die jetzt nach langer Zeit wieder eine wirklich gute Mannschaft haben. Auch den Belgiern ist einiges zuzutrauen. Wenn ich 1.000 Euro Wettkapital hätte, würde ich es auf viele Mannschaften verteilen.

ballesterer: Wie sehen Sie die Chancen des österreichischen Teams?

Cohn-Bendit: Im Normalfall hat es alle Chancen, Gruppenzweiter hinter Portugal zu werden. Dann erscheint das Viertelfinale möglich. Außerdem kann sich die Mannschaft ja an Dänemark und Griechenland orientieren, die schon einmal bewiesen haben, dass bei so einem Turnier alles möglich ist. (Robert Florencio, 13.5.2016)

Daniel Cohn-Bendit (71) war und ist als Aktivist, Politiker, Publizist, Moderator, Schauspieler, Literaturkritiker und Kindergartenbetreuer tätig. Der in Montauban geborene deutsch-französische Doppelstaatsbürger wird während der EM für einen Pariser Radiosender allmorgendlich seine Kommentare zu den Spielen abgeben.

  • Inhalte des ballesterer (http://ballesterer.at) Nr. 112 (Juni/Juli 2016) – Seit 13. Mai im Zeitschriftenhandel und digital im Austria-Kiosk (https://www.kiosk.at/ballesterer)
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    foto: ballesterer

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  • Daniel Cohn-Bendit: "Die WM 2006 war gekauft, das steht fest. Franz Beckenbauer hat sich in der Sache sehr ungeschickt verhalten."

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