"Niemand bei den Gemeinnützigen hat etwas gegen das Passivhaus"

17. Mai 2016, 08:57
23 Postings

Fritz Klocker, Geschäftsführer der Wien-Süd und ihrer Tochter Gewog Arthur Krupp, über teure Normen und die "heißen Themen" Brandschutz und Barrierefreiheit

Fritz Klocker, Chef der Wien Süd und ihrer Tochter Gewog Arthur Krupp, sieht viel Sparpotenzial bei Brandschutz und Barrierefreiheit. Am Passivhaus stören ihn die "kilometerlangen Zu- und Ableitungen ".

Standard: Sie haben bei der Gewog Arthur Krupp Ges. m. b. H. mit Sitz in Berndorf 700 Vormerkungen. Was macht die Politik, um ausreichend Wohnraum in der Form, wie man ihn hier im Süden Wiens benötigt, zu schaffen?

Klocker: Die Politik hat es – auch im Bereich des sozialen Wohnbaus – immer schwerer, Lösungen zu finden. Zum einen stehen immer weniger Grundstücke zur Verfügung, die sich aufgrund des Preises und der Lage für den sozialen Wohnbau eignen. Zum anderen steigen die Wohnbaubudgets auch nicht gerade üppig. In Zeiten, in denen man Banken und Versicherungen, die sich verspekuliert haben, finanzieren muss, geht halt das Geld woanders ab. Dazu kommt: Wir haben eine Flut an Normen, und die Politik tut sich sehr schwer, diese wieder zu reduzieren. Man greift sich manchmal an den Kopf, was sich da und dort aus dieser Situation ergibt.

Standard: Beispiele?

Klocker: In Teesdorf bei der Alten Spinnerei haben wir Fenster, die bis zum Boden gehen. Da darf man unten am Parapet keine ebene Fläche schaffen, sondern muss das abschrägen. Denn es könnte ja jemand aus dem Fenster fallen, wenn er da raufsteigt. Allerdings sprechen wir vom Erdgeschoß. Wie gesagt: Solche Auflagen verteuern einerseits den sozialen Wohnbau. Andererseits stelle ich mir die Frage, ob man Menschen nicht so viel Eigenverantwortung zumuten kann, dass Fensterstürze unterbleiben. Andere wollen da vielleicht Blumen hinstellen, das geht dann aber auch nicht. Was man auch nicht in den Griff kriegt, ist das Thema Energieeffizienz. Ein Passivhaus ist in der Errichtung deutlich teurer als ein Niedrigenergiehaus und kostet im Betrieb das Doppelte. Diese Kosten sind in den gesetzlichen Rücklagen nirgends abgebildet, denn die sind auf andere Systeme ausgerichtet. Was machen wir also, wenn wir die aufwendigen Lüftungssysteme in zehn Jahren alle auswechseln müssen, weil sie verdreckt oder verschimmelt sind? Kein Mensch kann einem heute sagen, wie das finanziert werden soll.

Standard: Es gibt aber andererseits auch Gemeinnützige, die nur noch Passivhäuser bauen.

Klocker: Ja, grundsätzlich bauen auch wir zumeist Passivhäuser. Dadurch, dass diese Passivhäuser immer teurer werden, muss man versuchen, das maximale Volumen an Wohnbauförderung auszuschöpfen. Und das geht nur mit der besten Energieeffizienz, unter 25 kWh Heizwärmebedarf. Der Unterschied zwischen Passiv- und Niedrigenergiehaus ist aber eine Geschmacksfrage. Der Verband der gemeinnützigen Bauvereinigungen, bei dem ich in Niederösterreich im Vorstand bin, hat 2014 eine Studie machen lassen, bei der rauskam, dass der Unterschied im Energieverbrauch im Echtbetrieb zwischen Passivhaus und Niedrigenergiehaus marginal ist. Man kann diese Mehraufwendungen also gar nicht mehr richtig begründen. Das Passivhaus rechnet sich meiner Ansicht nach genau einmal, nämlich dann, wenn man den Energieausweis braucht. Kein Mensch schaut sich dann noch an, wie's im Echtbetrieb ausschaut.

Standard: Das ist ja auch ein Fehler im System: Oft wird nicht überprüft, ob die Passivhäuser wirklich Passivhäuser sind.

Klocker: Ja, und das ist bei vielen auch besser so. Wir haben andererseits in Wien schon einmal ein altes Haus auf ein Passivhaus saniert und da wirklich sehr viele Dinge gemacht, für die wir dann sogar mit Preisen ausgezeichnet wurden. Zum Beispiel haben wir Einzellüftungsgeräte statt komplexer Zu- und Abluftanlagen eingebaut. Da bekommt man fast dieselben Energiewerte, aber mit vielen anderen Vorteilen. Es kostet weniger, man braucht nicht die vielen Leitungen im Haus, und die Leute können individuell einstellen, wie viel Luft sie reinblasen wollen. Man kann auch den Filter leicht selber wechseln, es muss also niemand in die Wohnung kommen, der dann vielleicht die Wohnung verdreckt. Denn über solche Dinge beschweren sich unsere Mieter ja dann wieder bei uns. Und allein der Betrieb solcher Anlagen – wissen Sie, was das kostet? Ich weiß nicht, ob die Energieeinsparung diesen Aufwand rechtfertigt.

Standard: Das beste Haus wäre aus Ihrer Sicht also ein Niedrigstenergiehaus?

Klocker: Das war tendenziell das Ergebnis der Studie, ja. Damit Sie mich nicht missverstehen: Ich habe überhaupt nichts gegen das Passivhaus. Niemand bei den Gemeinnützigen hat etwas gegen das Passivhaus. Und übrigens hat in Österreich niemand mehr Passivhäuser gebaut als die Gemeinnützigen. Aber wir bräuchten kreativere Lösungen, damit das Ganze auch im Service und bei den Kosten handhabbar bleibt. Man müsste beispielsweise einfach überall in Österreich Einzelgeräte zulassen. Denn wenn wir von dem System der kilometerlangen Zu- und Ableitungen der kontrollier- ten Wohnraumlüftungen wegkämen, dann würde überhaupt nichts gegen das Passivhaus sprechen. Die Wien Süd hat das erste Niedrigenergiehaus Europas im sozialen Wohnbau entwickelt und errichtet. In dem Haus im zweiten Bezirk sind 500 Sensoren eingebaut. Alle zehn Minuten werden 16 verschiedene Werte gemessen. Dieses Haus hat alle wissenschaftlichen Grundlagen für Niedrigenergie- und Passivhauskonzepte geliefert. Der Architekt war Harry Glück. Wir wissen also wirklich, wie niedrige Energieverbräuche funktionieren. Diese Häuser haben wir übrigens auch mit Schwimmbädern und Saunen ausgestattet, weil wir glauben, dass es bei einem Niedrigenergiehaus auch darauf ankommt, dass die Leute ihre Freizeit in der eigenen Anlage verbringen können und nicht mit dem Auto woanders hinfahren müssen und so die Gesamtenergiebilanz verschlechtern. Das Haus ist jetzt ungefähr 20 Jahre alt und funktioniert perfekt.

Standard: Aber wäre es nicht besser, statt bei der Energieeffizienz bei anderen überbordenden Normen zu sparen, etwa beim Brandschutz oder der Barrierefreiheit?

Klocker: Das wäre eine Möglichkeit, ja. Aber das sind heiße Themen, die Sie da ansprechen. Bei der Barrierefreiheit gibt es, wie Diskussionen zeigen, wenig Verständnis bei den Behindertenvereinen. Ich verstehe die Sicht der Betroffenen ja auch, die sagen: Wir wollen dieses Recht haben. Aber mit einem Kompromiss könnte man sich da viel Geld ersparen, da haben Sie recht. Die Behindertenparkplätze sind zu 99 Prozent ungenutzt. Das sind alles Kosten. Es gäbe ja andererseits auch die Möglichkeit, einen Sozialtopf aufzustellen, aus dem dann der eine oder andere Umbau finanziert werden kann.

Standard: Was die Normen beim Brandschutz betrifft, gab es im Vorjahr ein gemeinsames Vorgehen von gewerblicher und gemeinnütziger Bauwirtschaft. Ist Besserung in Sicht?

Klocker: Der Brandschutz in Wien ist ein ganz heißes Thema. Viele Projekte sind schon gestorben, weil die Auflagen viel zu teuer sind. Da herrscht aus unserer Sicht weitgehend Praxisferne, da könnte man wirklich viel Geld sparen. Bei unserem letzten Großprojekt, den ehemaligen Mautner-Markhof-Gründen in Wien-Simmering, hatten wir immense Kosten durch die Brandschutzauflagen. Das ist ein Riesenhaus mit einem ebenso riesigen Stiegenhaus, das musste alles druckbelüftet werden. Da war man auch technisch an der Grenze des Machbaren. Und jetzt können Sie sich vorstellen, was das kostet. Sogar Fachleute von der Feuerwehr sagten uns aber, dass das alles hinterfragenswert ist.

Standard: Was lässt sich dagegen unternehmen?

Klocker: Die Wohnungswirtschaft müsste im Normungsinstitut – das ja eine private Firma ist, die an den Normen verdient – viel mehr lobbyieren. Darauf hat sich vor allem die gemeinnützige Wohnungswirtschaft aber nicht eingestellt. Jetzt bestimmen halt andere Lobbys dort. Das Abstruse ist ja: Diese Normen sind rechtlich nicht bindend. Aber sollte einmal etwas passieren, ist man dran. Deswegen machen immer alle alles, es wird immer teurer, dauert immer länger, und alle jammern, dass es immer umständlicher und teurer wird. Wir mussten mal in Niederösterreich Häuser auf Stelzen stellen, weil es rechnerische Modelle gab, dass es unter bestimmten Bedingungen dort zwei Zentimeter (!) Hochwasser geben könnte – obwohl es dort noch nie Hochwasser gab. Das Haus verteuerte sich dann um 200 Euro je Quadratmeter. Und das müssen dann natürlich die Mieter zahlen! Allerdings muss ich hier die Politik bis zu einem gewissen Grad in Schutz nehmen. Wenn man als verantwortlicher Politiker sagt: "Lassen wir das weg" – und dann passiert etwas, dann war's das mit der Karriere. Die Folge: Die Politik lässt es laufen und die sogenannten Experten oder die Verwaltung hat das Sagen. (Interview: Martin Putschögl, 14.5.2016)

Friedrich Klocker (61) studierte Kommunikations- und Rechtswissenschaft und war von 1981 bis 1995 Büroleiter im Bundeskanzleramt. Seit 1996 ist er Mitglied des Vorstandes der Gemeinnützigen Bau- u. Wohnungsgenossenschaft Wien Süd, seit 1997 auch von ihrer Tochter Gewog Arthur Krupp Ges. m. b. H. mit Sitz in Berndorf.

  • Passiv- oder Niedrigenergiehaus? "Marginaler Unterschied."
    foto: wien-süd

    Passiv- oder Niedrigenergiehaus? "Marginaler Unterschied."

  • Mautner-Markhof-Areal: "brandschutztechnisch an der Grenze."

    Mautner-Markhof-Areal: "brandschutztechnisch an der Grenze."

  • Fritz Klocker kämpft gegen Normen und Lüftungsleitungen.
    foto: putschögl

    Fritz Klocker kämpft gegen Normen und Lüftungsleitungen.

Share if you care.