Um jeden Preis an die Uni?

16. Mai 2016, 10:00
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Studiengänge, die auf die Bedürfnisse der Wirtschaft getrimmt werden, der Ruf nach mehr Akademikern: Wohin führen diese Trends?

Ein Universitätsstudium gilt in den meisten Ländern Europas noch immer als das höchste Gut. Zu Unrecht, hieß es unlängst bei einer Tagung an der Universität Wien. Sie widmete sich dem Spannungsfeld zwischen beruflicher und akademischer Bildung. Aktuell werden berufliche Ausbildungen fortlaufend akademisiert – beispielsweise die Lehrerausbildung oder Programme im Gesundheitssektor. Gleichzeitig sollen Unis auf die Employability ihrer Studiengänge achten, also darauf, dass die Kenntnisse der Absolventen bei den Unternehmen gut ankommen. Ein gesamteuropäisches Phänomen – mit teils paradoxen Auswirkungen.

So zeigte der Schweizer Ökonom Rudolf Strahm in seiner Rede auf, dass Deutschland, Österreich und die Schweiz – Länder mit dualer Ausbildung – mitunter die geringste Jugendarbeitslosigkeit in Europa aufweisen. Im Gegensatz zu (südeuropäischen) Ländern, in denen es ein derartiges Berufsbildungssystem nicht gibt, sind in der DACH-Region bedeutend weniger Junge ohne Job. Die duale Ausbildung ist dort ein Modell mit langer Tradition, wie Strahm erklärt: "Die Meisterlehre, die Wandergesellen gab es schon im Spätmittelalter." Noch heute funktioniert das System prächtig – andere Länder wollen es kopieren.

Maßstab Akademikerquote

Trotzdem ist es immer noch der Uniabschluss, der hoch angesehen ist. "Es heißt immer: Wir befinden uns in einer Wissensgesellschaft, wir brauchen noch mehr Akademiker." Auch Österreich versucht stetig, ihre Akademikerquote – wie von der OECD gefordert – zu erhöhen. Die Titelhascherei, die Bemühungen, möglichst viele Junge an die Uni zu bringen, geht also letztendlich komplett an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes vorbei. "Es braucht auch Leute, die das Wissen praktisch umsetzen können", sagt Strahm. Länder mit hoher "skilled workforce" (qualifizierten Arbeitskräften) seien auch innovativer und wirtschaftlich erfolgreicher. "Gerade in der Industrie 4.0 braucht es sie." Anstatt die Akademikerquote als Erfolgsmaßstab zu hinterfragen, unterwirft man sich ihm.

Damit einher gehe eine Abwertung der berufsnahen Bildung, handwerkliches Können sei schlechter angesehen. In den Köpfen der Menschen heiße es: "Das Schulsystem produziert Verlierer, und das Berufsbildungssystem nimmt sie auf", sagt Strahm. Die Tendenz, körperliche Leistungen geringer zu bewerten als geistige, sieht Pädagoge Matthias Burchardt von der Universität Köln in der Antike begründet. "Damals hat man Sklaven für sich arbeiten lassen, wenn man etwas auf sich gehalten hat." Aber: Die Anzahl an Uniabsolventen sei keineswegs repräsentativ für das Bildungsniveau einer Gesellschaft, betonen die Vortragenden. Praktische Kenntnisse seien ebenso wertvoll.

Aufwerten, aber trennen

Wie also herauskommen aus der Akademisierungsfalle? Die berufliche Ausbildung dürfe nicht länger als Stigma, als "Abstellgleis" gesehen werden – "wir müssen stolz auf diese nationale Besonderheit sein", sagt Burchardt. Es brauche eine bessere Durchlässigkeit, mehr Möglichkeiten für Weiterbildungen nach der Lehre. Ökonom Strahm hält das Modell der "höheren Berufsbildung", wie es in der Schweiz existiert, für geeignet. Es ermöglicht Lehrabsolventen, sich noch in höherem Alter, oft berufsbegleitend, zu spezialisieren. Burchardt plädiert zudem für mehr Angebote im tertiären Sektor. "Der Fokus der Ausbildungen sollte zudem weg von Kompetenzen hin zu fachlichem Können gehen." Die berufliche Ausbildung könnte auch aufgewertet werden, "indem man Ausbildungsberufe steuerlich besserstellt und so attraktiver macht", meint Burchardt. "Es ist wichtig, dass junge Leute sehen, dass sie damit auch eine Zukunft haben."

Die Universitäten wiederum sollten sich auf ihren wissenschaftlichen Charakter besinnen, sagt der Pädagoge. Studiengänge gelte es qualitativ aufzuwerten ("Momentan sind Unis nicht mehr akademisch"), das Personal besser zu bezahlen.

Schließlich geht es Burchardt auch darum, "keinen zum Studieren zu drängen, der lieber mit seinen Händen arbeiten will". (Lisa Breit, 16.5.2016)

  • Artikelbild
    foto: apa/herbert neubauer
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