Kare-Gründer: "Da war kein Rock 'n' Roll im Möbelmarkt"

20. Mai 2016, 17:18
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Kare sucht weitere Standorte in Österreich. Peter Schönhofen über den Lockruf der weiten Welt und einstweilige Vergnügungen

Wien – "Da war kein Rock 'n' Roll. Der Möbelmarkt damals war verstaubt und eingefahren, ohne unkonventionelle Töne." 35 Jahre ist es her, dass Peter Schönhofen den Sprung ins Unternehmertum wagte. Mit der Absicht, Farbe in eine Branche zu bringen, die von deutschen Regionalkaisern dominiert war.

Gemeinsam mit Jürgen Reiter gründete er die Einrichtungskette Kare. Aus einem kleinen Geschäft der beiden Studenten in München wuchs ein Netz an Filialen in 46 Ländern heran. Jahr für Jahr stoßen weitere dazu. Terrain gewinnt Kare vor allem in Südamerika.

Schönhofen gilt als bodenständig und zugänglich. Weder Reiter noch er seien Machtmenschen. Er lege keinen Wert auf ein prunkvolles Leben. Was man verdiene, fließe ganz konservativ ins Unternehmen zurück.

Auch Gelüste, an finanzstarke Investoren zu verkaufen, habe er nie verspürt. "Warum sollten wir verkaufen? Damit diese dann Kare nach einiger Zeit mit Profit wieder weiterreichen? Dafür ist uns das Ganze zu schade."

Vier bis fünf Monate im Jahr ist Schönhofen im Dienst des Handels auf Reisen. Dessen müde sei er nie geworden, sagt der 59-Jährige, der, wie er erzählt, schon mit 14 durch die Welt trampte – "keine Ahnung, mit welchem Geld".

46 Länder

Derzeit zieht es ihn oft über den Atlantik. Kare fasste nach Brasilien, Venezuela und Ecuador auch in Kolumbien und Costa Rica Fuß. Neben Mexiko wollen die Deutschen in die Karibik. In Asien konzentrieren sie sich auf Länder wie Korea und Japan.

Nur vorsichtig tasten sie sich an China heran: Die Zeit dafür sei noch nicht richtig. Hürden fehlen nicht. Krisen seien unabwendbar, wie derzeit etwa in Russland, wo sich die Preise seit dem Vorjahr für zuvor erschwingliches Möbeldesign verdoppelten und die Kaufkraft einbrach. Es sei halt ein ständiges Auf und Ab, sagt Schönhofen, letztlich jedoch eine normale kaufmännische Aufgabe.

Kare setzt mit seinen 1.150 Mitarbeitern – 400 davon sind in Garching-Hochbrück – nach eigenen Angaben rund 100 Millionen Euro um. Die Hälfte der 200 Standorte ist an Franchisepartner vergeben. Die vier Münchner und drei Wiener Filialen werden selbstgeführt. Alle übrigen sind Shops-in-Shops bei großen Handelspartnern.

Heikler Balanceakt

Wie Kare den riskanten Balanceakt zwischen eigenen Geschäften und Lieferungen an Mitbewerber schafft? Der Großhandel habe es ermöglicht, die Stückzahlen zu multiplizieren, sagt Schönhofen.

In Abhängigkeit großer Ketten habe er sich aber nie begeben, auch nie um jeden Preis irgendwo den Einstieg gesucht. "Wenn einer hustet, bekommen wir kein Fieber. Wir sind von keinem Kunden, keinem Markt abhängig." In der Bilanz stünden Gewinne.

Nach Österreich kam Kare 1994. "Was wir damals an Papierkram ausfüllen mussten, um einen Lkw über die Grenze zu schicken! Jeder Salzstreuer musste beim Zoll deklariert werden", erinnert sich Schönhofen. Heute sieht er hierzulande Potenzial für zwei bis drei weitere Standorte.

Im Herbst starte der Webshop. Parallel dazu übe sich Kare im Objektgeschäft – mit Inneneinrichtung für Hotels und Studentenwohnungen. Die Österreicher seien insgesamt farbenfroher, mutiger als die Deutschen.

Viel Achselschweiß

Kare lässt überwiegend in China und Indien produzieren. Beide Länder stehen, was Arbeitsbedingungen betrifft, vielfach auf schwarzen Listen. Es sei ein über Jahrzehnte aufgebautes Netzwerk an kleinen Werkstätten und Industriebetrieben, mit denen er kooperiere, versichert Schönhofen, und das nicht "auf Teufel komm raus billig".

Viele Designer und Händler, die zeitgleich mit Kare loslegten, sind mittlerweile Geschichte. Um bestehen zu bleiben, brauche es unbändige, langanhaltende Energie, meint der ehemalige Jungunternehmer mit Blick auf Start-ups schlicht. "95 Prozent des Jobs sind mit Achselschweiß verbunden."

Vorbei sind die Zeiten, in denen Kare mit provokanter Werbung jene des Konkurrenten Ikea persiflierte. "Schraubst du noch oder wohnst du schon?", stand da einst in der Werbung geschrieben, mit blau-gelbem Kare-Logo. Ikea fand das nicht lustig, die einstweilige Verfügung war programmiert. "Intern nannten wir die Kampagne einstweilige Vergnügung." (Verena Kainrath, 20.5.2016)

Wissen

Viel Macht in wenigen Händen

Österreichs Möbelhandel ist fest in den Händen dreier Konzerne. Lutz, nach wie vor im Eigentum der Brüder Seifert, und Leiner/Kika, Teil der südafrikanischen Gruppe Steinhoff, besetzen gut 55 Prozent des Marktes. Ikea, in vielen Ländern Platzhirsch, muss sich mit Platz drei zufriedengeben. Es ist eine in Europa einzigartig hohe Konzentration. Und sie setzt sich in der Industrie fort. Alle drei Ketten bauen eigene Marken stark aus. Hersteller dahinter werden austauschbar, kleine Zulieferer zur Minderheit.

In Summe geben die Österreicher für Einrichtung jährlich rund 4,5 Milliarden Euro aus, auf einer Verkaufsfläche, die addiert an die Größe des Fuschlsees heranreicht.

Heuer wurde gespart. Die Branche verbuchte in den ersten Monaten laut KMU-Forschung real deutlich sinkende Umsätze. Erhoffte Effekte aus der Steuerreform blieben bisher rund um Investitionen in Haus und Heim aus.

Saugten die großen Möbelketten einst Vertriebskonzepte von Geschirr bis Heimtextilien auf, holen nun andere Spezialisten Terrain zurück. Das Dänische Bettenlager expandierte. Depot, Kare, Interio, Butlers mischen mit, auch Webhändler wie Westwings buhlen um Kunden. (vk)

  • Peter Schönhofen wird des Reisens nicht müde. Der gebürtige Deutsche baut mit Partnern neben Europa in Südamerika und Asien ein Netz an Standorten auf. In Abhängigkeit weniger Konzerne hat sich Kare als Großhändler nie begeben.
    foto: andy urban

    Peter Schönhofen wird des Reisens nicht müde. Der gebürtige Deutsche baut mit Partnern neben Europa in Südamerika und Asien ein Netz an Standorten auf. In Abhängigkeit weniger Konzerne hat sich Kare als Großhändler nie begeben.

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