ORF-General Wrabetz: Redakteure sollen ihre Chefs abwählen können

Interview13. Mai 2016, 08:47
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Mehr Rechte für Redakteure, mehr Millionen für ORF 3, mehr Rechte für ORF-Direktoren – und real gesunkene Rundfunkgebühren

ORF-Redakteure sollen künftig nach einem Jahr über neue Führungskräfte abstimmen können – und sie mit großer Mehrheit auch bindend abwählen: Das erklärt Alexander Wrabetz im STANDARD-Interview. Wrabetz will im August als erster ORF-General der Geschichte für eine dritte Amtszeit in Serie wiederbestellt werden.

Abwahl nach einem Jahr

Wrabetz nimmt eine Forderung des ORF-Redakteursrats auf, die er bisher links liegen ließ: Die Redakteursvertreter verlangen das Recht, Ressortchefs, Chefredakteure und andere Führungskräfte mit Zweidrittelmehrheit abwählen zu können. Bisher stimmen die Redakteure über Kandidaten ab, bevor der ORF-General sie bestellt – er ist an das Votum der Mitarbeiter nicht gebunden. Die Ressortchefs der Radio-Innenpolitik und der Radio-Wirtschaft besetzte Wrabetz etwa gegen das deutliche Abstimmungsergebnis.

"Tiefe Eingriffe in öffentllich-rechtliche Sender"

Wrabetz erklärt das so: "Von Polen über Ungarn bis Kroatien folgen politischen Veränderungen sehr rasch tiefe Eingriffe in die Strukturen öffentlich-rechtlicher Sender. Daher ist es wichtig, Redakteursrechte ordentlich abzusichern. Wahrscheinlich bedeutet das einen Komfortverlust, und vielleicht bereue ich das auch einmal. Aber gerade in Zeiten, wo rundherum alles im Fluss ist, werden demokratische Legitimation und stärkere journalistische Unabhängigkeit noch wichtiger.

Hier geht es zur Passage über Redakteursrechte

Direktoren sollen gemeinsam entscheiden

Auch in der ORF-Geschäftsführung will sich Wrabetz ein kleines Stück seines Spielraums als Alleingeschäftsführer nehmen: Er kündigt im STANDARD-Interview eine neue Geschäftsordnung für das ORF-Management an, die in großen Richtungs- und Rechteentscheidungen, bei großen Investitionen, aber auch bei den jährlichen Budgets "gemeinschaftliche Entscheidungen" der Direktoren und des Generals verlangt.

Der General bleibt natürlich Alleingeschäftsführer, so lange das Gesetz nicht geändert wird. Aber wenn der General die Direktoren mit einem Dirimierungs- und/oder Vetorecht overruled, soll dieser Vorgang gegenüber dem Stiftungsrat offengelegt und dokumentiert werden, sagt Wrabetz. "Da geht es um gemeinsame Verantwortung", erklärt der ORF-General: "Ziel ist: Man verständigt sich auf einen gemeinsamen Kurs, der umso breiter mitgetragen wird."

Hier geht es zur Passage über neue Entscheidungsregeln in der ORF-Führung

Im ausführlichen STANDARD-Interview liefert Wrabetz noch einige Neuigkeiten mehr – das Wichtigste im Überblick mit Links zu den Interviewpassagen:

Gutachten zu ORF-Generalswahl: Nachnominierungen möglich

Das Rechtsgutachten zur ORF-Generalswahl ergab: Der Stiftungsrat kann Nachnominierungen (wie jene von Wrabetz 2006 gegen Monika Lindner) nach Ende der Bewerbungsfrist für den ORF-General nicht ausschließen, er kann aber die Rahmenbedingungen (etwa eine Nachfrist) festlegen. Die SPÖ wollte Nachnominierungen ausschließen, die ÖVP, die sich Finanzdirektor Richard Grasl als General wünscht, war für diese Möglichkeit.

Hier geht es zum Gutachten über Nachnominierungen.

Mehr Millionen für ORF 3

Der Info- und Kulturspartenkanal ORF 3 soll weit mehr Budget und Mitarbeiter bekommen: Heuer wurde er von 7 auf 13 Millionen Euro aufgestockt, in drei Jahren sollen es 20 sein. Wissenschaft und Wirtschaft würden verstärkt, sagt Wrabetz.

Mehr zum "Investitionsschub" hier.

Bonus-Tracks, Archiv, hinter ORF-Kulissen: ORF beantragt Youtube-Kanal

Wrabetz bestätigt: Der ORF wird eine eigene Präsenz auf Youtube bei der Medienbehörde beantragen. Der ORF-Chef über die Inhalte: "Sehenswertes aus dem Archiv als auch Blicke hinter die Kulissen von aktuellen ORF-Produktionen und diverse Bonus-Tracks zu ORF-Programmen und –Aktionen".

Mehr zu den ORF-Youtube-Plänen hier.

Restart-Knopf für TVthek, App-Regeln von Höchstrichter bestätigt

Die TVthek soll noch zur EURO einen praktischen Restart-Button bekommen – er führt direkt zum Beginn der Sendung oder Übertragung, wenn man später in die "ZiB" oder das Match einsteigt.

Der General sieht den ORF vom Verwaltungsgerichtshof bestätigt: Zwar muss der ORF App-Inhalte auch parallel als Web-Angebot bereitstellen – aber er darf ruhig Web-Angebote auch zu genau diesem Zweck neu erstellen. Das Bundesverwaltungsgericht verlangte noch, es müssten bestehende, nicht eigens für Apps gebaute Web-Angebote sein. Die Höchstrichter widersprachen dem, freut sich Wrabetz.

Mehr zu TVthek und Apps hier.

Jenseits von Bobostan: "Guten Morgen Österreich" als Marketingaktion

Der ORF-Chef sieht nur unwesentliche Mehrkosten durch das mobile Studio für die neue Frühschiene "Guten Morgen Österreich": "Das Hinausgehen zu den Menschen ist als große Marketingaktion des ORF gut investiert. Als überzeugter Wiener finde ich es großartig, Landschaften und Menschen außerhalb des medialen Bobostans in einer nationalen Sendung zu Wort kommen zu lassen."

Mehr zur neuen ORF-Frühschicht hier.

Servus TV-Wirren bestätigten öffentlich-rechtliche Sender

Was schließt Wrabetz aus der plötzlichen Einstellung von Servus TV – und wie sich Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz ebenso plötzlich wieder umstimmen ließ? "Servus TV ist ein Schulbeispiel dafür, dass öffentlich-rechtliche Institutionen diesen Public Service erbringen sollten. Nur sie sind demokratisch kontrolliert, Mitarbeiter und Redakteure haben Mitbestimmungsrechte, sie berichten einem Stiftungsrat, dem Parlament und dem Rechnungshof und sie können nicht aus einer Laune eines einzelnen heraus von einem Tag auf den anderen zugesperrt werden."

Mehr über das "Schulbeispiel" Servus TV hier.

Gefälschte Radio-Reichweiten: "Kann Einfluss ausschließen"

Wrabetz weist jeden direkten oder auch nur indirekten Einfluss des ORF auf die "Glättung" der Radio-Reichweitendaten bei GfK – die vor allem zu Gunsten von Ö3 ausfiel.

Wrabetz zum Radiotest hier.

Real gesunkene Rundfunkgebühren

Im Herbst muss der ORF eine Anpassung der Gebühren beantragen. Vor der Generalswahl hält sich Wrabetz sehr bedeckt – auch, ob die Erhöhung unter 10 Prozent bleibt. Nur soviel sagt er: Real seien die Rundfunkgebühren in den vergangenen fünf Jahren gesunken.

Das Interview in voller Länge

Und hier geht es zum Interview im Wortlaut – zum Einstieg über Wrabetz' Lieblingskandidaten für die SPÖ-Spitze, Politik im Programm und eine Verschiebung der Generalswahl.

  • ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im August 2015 im ORF-Zentrum, Küniglberg.
    foto: robert newald photo

    ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz im August 2015 im ORF-Zentrum, Küniglberg.

  • Alexander Wrabetz im Rahmen einer PK zum 'Flimmit Launch Event' im März 2015.
    foto: apa/georg hochmuth

    Alexander Wrabetz im Rahmen einer PK zum 'Flimmit Launch Event' im März 2015.

  • ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz und ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner im Rahmen der Romy Gala im April 2016.
    foto: apa/herbert p. oczeret

    ORF-Generalintendant Alexander Wrabetz und ORF-Fernsehdirektorin Kathrin Zechner im Rahmen der Romy Gala im April 2016.

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