Paul Verhoevens Filme: Trash oder große Kunst?

User-Diskussion20. Juni 2016, 13:25
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Das Filmmusseum Wien widmete im Juni dem umstrittenen Regisseur eine Retrospektive – ein Anlass, um über Verhoeven und seine Filme zu diskutieren. Waren zeitgenössische Kritiken oftmals streng, haben viele seiner Filme heute Kultcharakter. Was halten Sie von seinem Schaffen?

Ein Mann der leisen Töne und sanften Bilder ist Paul Verhoeven wirklich nicht. Dafür sind seine Filme umso einprägsamer. Die "New York Times" schrieb in ihrer Besprechung von "Basic Instinct" 1992, egal was Paul Verhoeven mache, er werde wohl niemals beschuldigt werden, nicht zu wissen, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums fesselt. Sharon Stones Beinüberschlag ist legendär, am Film selber schieden sich die Kritikergeister. Vor allem die nicht sonderlich fein gezeichneten und klischeebeladenen Frauenfiguren waren Stein des Anstoßes.

nick b.
Schwuppdiwupp.

Überhaupt hat sich Verhoeven oft mit dem Vorwurf auseinandersetzen müssen, menschenverachtend und insbesondere misogyn zu sein. "Sexuell aggressive Frauen" scheinen eine seiner Obsessionen zu sein, bemerkte einmal die "Zeit".

Noch zweifelhafter fiel das Urteil bei "Showgirls" (1995) aus, der Streifen wurde schlicht verrissen. Der Vorwurf: Pornografisch und obszön sei die Geschichte um die Tänzerin Nomi inszeniert. Verhoeven selber entschuldigte sich 20 Jahre später gar bei der Hauptdarstellerin Elizabeth Berkley dafür, ihre Karriere damit zerstört zu haben. Mittlerweile genießt der Film jedoch Kultstatus, die DVD-Verkäufe liefen hervorragend, und die unfreiwillige Komik begeistert Fankreise. Ob die Komik tatsächlich unfreiwillig war oder es sich schlicht um Satire handelt, ist – wie so oft bei Verhoeven – schwer zu sagen.

"Melrose Place" im Weltall

Verhoeven fällt also selten durch Subtilität auf. Wenn in "Starship Troopers" (1997) schöne Menschen (die Hauptfiguren waren zuvor großteils in "Melrose Place" und "Beverly Hills, 90210" zu sehen) riesige Käfer zu Matsch schießen oder von riesigen Käfern in sämtlichen Varianten aufgespießt werden, ist das zwar ekelhaft, aber recht vergnüglich. Hinter den teils bizarren Gewaltszenen des Science-Fiction-Spektakels steckt aber anerkannterweise doch mehr. So attestierte der "Spiegel" dem Film, er sei ein "Meisterwerk faschistischer Lichtspielkunst", genauer: Er nehme Propagandafilme des Zweiten Weltkriegs zum Vorbild und übersetze stur deren simpel gestrickte Rollenbilder.

Die Imitation sei aber gleichzeitig das größte Problem: Unfreiwillig, so die Befürchtung, könne der Film vermitteln, dass Faschismus okay sein kann. Nur für aufgeklärte Zuseher sei der Schmäh zu verstehen. In dieser durchaus elitären Deutung liegt zumindest einer der Gründe, wieso Verhoeven so polarisiert. Er schafft oft Filme für die Masse, und das Satirische ist erst zu erkennen, wenn man sich durch mehrere Metaebenen gekämpft hat. Oder eben auch nicht.

Es gehe in Verhoevens Filmen, fasst es ein Artikel des Filmmuseums Wien zusammen, implizit immer auch um die Frage "wo genau – zwischen Genre und Experiment, Unterhaltung und Subversion, Kommerz und Obsession – ein Künstler im Medium Film seinen Platz finden kann". Durch sein beharrliches Überschreiten moralischer Grenzen habe er regelmäßig alle Seiten gleichzeitig gegen sich aufgebracht: sowohl "Geldgeber und Zensurbehörden" wie auch subkulturelle Bewegungen.

Krieg und Moral

Auf den Fernsehfilm "Black Book" (2006) konnten sich jedoch die meisten Kritiker einigen. In dem Widerstandsthriller bearbeitet Verhoeven die Zeit des Zweiten Weltkriegs, die der 1938 geborene Regisseur in seiner Kindheit noch selbst erlebte. Auch das düstere "Flesh and Blood" (1986) gilt als Meilenstein in seinem Schaffen.

Soeben wurde "Elle" abgedreht, in dem eine Frau eine Affäre mit ihrem Vergewaltiger beginnt. Das Filmmuseum Wien widmete im Juni dem umstrittenen Regisseur eine Retrospektive, und wir nehmen das zum Anlass, über Verhoeven und seine Filme zu diskutieren.

Was sagen Sie zu den Filmen des Enfant terrible?

Im Text wurden nur einige der Filme genannt, die Paul Verhoeven in gut 50 Jahren auf die Leinwand gebracht hat. Regelmäßig pendelte er dabei zwischen trashiger Obszönität und hervorragender Satire. Welche weiteren Werke halten Sie für diskussionswürdig? Wie stehen Sie allgemein zum filmischen Schaffen des Niederländers? Welche waren seine besseren, welche seine schwächeren Werke? Treffen die oben angerissenen Vorwürfe zu? (jmy, 20.6.2016)

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