Exkursion an Nicht-Orte: "Damit die Wirklichkeit geiler wirkt"

18. Mai 2016, 11:55
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Tankstellen findet Künstler und Edeka-Hero Friedrich Liechtenstein "supergeil"

Berlin/Wien – Der Sinn hinter den "Tankstellen des Glücks" ist pornografischer Natur, sagt Friedrich Liechtenstein. Eine pornografische Sicht auf die Dinge zu haben meine, dass "alles ein bisschen größer, schöner, härter und glänzender ist. Dann werden selbst profane Dinge wie Preistafeln, Zapfhähne zum Lustobjekt", sagt Liechtenstein. "Mein Blick auf die Tankstellen ist eine Überhöhung, eine Verklärung. Damit die Wirklichkeit geiler wirkt, als sie ist." Spätestens ab jetzt – ab der ersten Folge der Webserie zum Thementag "Tankstellen-Träume" – wird der Zuseher alles etwas anders sehen.

Am Pfingstmontag ab 11.30 Uhr kurvt der Schauspieler und Künstler Friedrich Liechtenstein mit einem güldenen Mercedes-Oldtimer in bester "Wahlfahrt"-Manier durch Europa. Nur dass er keine Politiker durch die Gegend kutschiert wie das ORF-Pendant. Liechtenstein, der Hero aus der Edeka-Werbung "Supergeil", sucht Tankstellen auf, die er für die "romantischsten Orte unserer Zeit" hält. Arte strickt um die zehn Folgen einen Thementag mit Filmen und Dokus zum Thema Tankstellen.

edeka

"Tankstellen sind Nicht-Orte, die man sonst nicht wahrnimmt", sagt Christian Beetz, Produzent der "Tankstellen des Glücks". "Als ich mit Friedrich Liechtenstein darüber gesprochen habe, kamen unheimlich viele Kindheitserinnerungen hoch. Der erste Urlaub im Süden, der Geruch von Öl, die erste Liebe – es hörte überhaupt nicht mehr auf."

Der Nicht-Ort als Sehnsuchtsort

Die Idee dahinter ist, den Foucault‘schen Nicht-Ort als Sehnsuchtsort darzustellen. Denn die Nicht-Orte hätten einen "doppelten Boden", sagt Beetz: "Das eine sind diese Erinnerungen, das andere betrifft eine kritische Komponente: Durch Tankstellen fließen die Adern unserer mobilen Gesellschaft. Warum verbrennen wir Abertausende von Tonnen Erdöl, das Millionen von Jahren alt ist, wo wir doch wissen, dass das in den Untergang führt? Wir wollten einen anderen Weg gehen: die Tankstellen umarmen, indem wir hinschauen, wo wir uns tagtäglich aufhalten."

gebrueder beetz filmproduktion

Beetz und Liechtenstein kannten einander schon lange vor Edeka aus Auftritten des Künstlers in Berliner Clubs, und beide hatten schon Großes vor: "Wir wollten eine große Untergangsshow machen", skizziert Beetz im Gespräch mit derStandard.at. "Mit Gästen, Liechtenstein tritt auf und singt, geht in den Pausen in den Hinterhof und trifft dort ein sterbendes Tier, von dem er sich verabschiedet. So ungefähr." Doch das war vor Edeka, Liechtenstein ein Unbekannter, die Sendersuche gestaltete sich schwierig, und so wurde der Untergang aufgeschoben.

foto:zdf / © zdf/konrad waldmann

Dann kam ein Cover in der "Süddeutschen Zeitung". "Da wusste ich: Jetzt oder nie!", erinnert sich Beetz. Die konkrete Idee entstand an einem Abend mit viel Champagner: "Friedrich beschäftigt sich schon länger mit Tankstellen, da war uns klar: Mensch, das ist ein Topos, der ist noch nie bearbeitet worden!"

Die Arbeit daran war aufwendig. Recherchieren, reisen, entdecken: Designertankstelle von Arne Jacobson in Luxemburg an Europas größtem Tankstellenstrich, wo alle über die Grenze kommen und billig tanken. Beim Thema Wien kommt Beetz ins Schwärmen: "Wien ist das Mekka der Tankstellen! Es gibt so wunderschöne alte Tankstellen, die zum Teil außer Betrieb sind." Insgesamt wurden 26 Tankstellen besucht, 8000 Kilometer abgefahren, mehr als 1000 Liter getankt, viele Menschen getroffen, Musiker, Köche und Prominente.

Tankstellenuniversum, verdichtet

Entstanden ist schließlich ein ziemlich unterhaltsames Kompendium aus "Nicht-Gesprächen" an "Nicht-Orten". Und es ist dem Kultursender Arte zu verdanken, dass die Ausstrahlung am Stück erfolgt und damit das Tankstellenuniversum verdichtet zu erleben ist. Der ORF zeigt als Koproduktionspartner am 29. Mai eine 75-minütige Fassung.

foto: gebrueder beetz

Der Berliner Produzent Beetz ist mit seiner Gebrueder Beetz Filmproduktion Spezialist für hochwertige Dokumentationen und transmediale Projekte, etwa "Make Love" für ARD, "Lebt wohl, Genossen" oder die Kunst-App "Wagnerwahn".

"Uploading Holocaust"

In diese Richtung geht auch in Zukunft die Reise weiter: Beetz entwickelt derzeit "Uploading Holocaust" über junge Israelis, die sich auf den Weg nach Europa machen und das erste Mal in ihrem Leben an Gedenkstätten gehen, mit der Vergangenheit konfrontiert werden. Das Besondere daran: Die jungen Menschen filmen sich selbst, "wie sie das erste Mal Wald, Schnee erleben, wie sie Trauer, aber auch nichts fühlen", sagt Beetz. Zusammen ergibt das "zehntausende Stunden auf Youtube". Die verarbeitet der Produzent nun zu konsumierbaren Einheiten.

foto: zdf/konrad waldmann

Kunst emotional erfahrbar machen will Beetz mit einem transmedialen Museumsprojekt, das sich etwa neuester 3-D-Scan-Techniken bedient: "Kultur, Kunst und Film lassen sich nicht in Formeln packen", sagt Beetz.

Zum Thementag am Montag gibt es auf www.arte.tv eine achtteilige Webserie und ein 360-Grad-Video mit einem ein veritablen Hit: "Tausend Liter tanken", trällert Liechtenstein. Der Sommer kann kommen. (Doris Priesching, 15.5.2016)

gebrueder beetz
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