Christoph Nußbaumeder: "Das Drama ist auch ein Text zum Lesen"

Interview13. Mai 2016, 09:51
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In dem Stück "Das Wasser im Meer" will ein 80-jähriger Sudetendeutscher in seine alte Heimat Tschechien zurückkehren. Der Autor über sein Drama, das am Freitag in Linz uraufgeführt wird

STANDARD: Ihr Stück "Das Wasser im Meer" handelt von ererbter Lebensgeschichte am Beispiel der aus der Tschechoslowakei vertriebenen Sudetendeutschen. Haben Sie einen persönlichen Bezug dazu?

Nußbaumeder: Nein, das nicht, also keinen familiären Hintergrund. Aber ich beschäftigte mich schon länger mit der Idee, ein Stück über Heimatvertriebene zu schreiben. Dann kam zufällig die Anfrage vom Landestheater Linz.

STANDARD: Ihre Stücke sind oft regional verortet ...

Nußbaumeder: Na ja, Theater ist schließlich Kaffkunst, so hat das Sloterdijk zumindest mal formuliert. Aber ich könnte Das Wasser im Meer natürlich mit wenigen Pinselstrichen auch auf westdeutsche Verhältnisse umarbeiten, auf Menschen, die nach dem Krieg in Deutschland landeten.

STANDARD: Ist es Ihnen ein Anliegen, für ein konkretes Publikum zu schreiben?

Nußbaumeder: Das Sudeten-Thema ist in Oberösterreich gewiss relevant, aber es geht ja auch um die Generation danach. Die Kinder des 80-jährigen Stefan Riedl können mit seiner Vergangenheit zunächst wenig anfangen, weil sie nie wirklich damit konfrontiert wurden. Ich denke, dass sie herausfinden werden, dass diese Vorgeschichte sehr eng mit ihnen verknüpft ist. Allein schon weil die Erziehungsmethoden ihres Vaters, des Flüchtlings, die sehr leistungsorientiert und auf Assimilierung aus waren, Spuren an ihnen hinterlassen haben.

STANDARD: Die Enkelgeneration in Ihrem Stück ist sehr prägnant gezeichnet. Sie ist weniger befangen.

Nußbaumeder: Die Auseinandersetzung fällt ihnen leichter, sie haben eine natürliche Distanz dazu. Jedoch werden Familiengeheimnisse aufgedeckt, in die auch sie schicksalhaft verstrickt sind.

STANDARD: Haben Sie mit Vertriebenen gesprochen? Wie recherchiert?

Nußbaumeder: Ich habe Fachliteratur gelesen, allerdings gibt es gar nicht so viel Wissenschaftliches dazu, da viele Zeitzeugen bis ins hohe Alter nicht darüber sprechen wollten. Zusätzlich habe ich mich natürlich auch mit Betroffenen über Vertreibung und Flucht unterhalten. Auch der Dokumentarfilm Nemci Ven! – Deutsche raus von Simon Wieland war für mich eine spannende Quelle.

STANDARD: Sie werden als jemand geschätzt, der die Tradition des Volkstheaters à la Fleißer, Kroetz und Sperr fortsetzt. Was hat Sie an dem Genre interessiert?

Nußbaumeder: In erster Linie war das für mich Literatur. Ich hatte keine Präferenz für Gattungen. Das Feuilleton hat es natürlich gern, wenn man Autoren klar verorten kann, aber es ist ja nicht so, dass ich nur Volkstheaterstücke schreibe. Sicherlich haben mich diese "süddeutschen" Autoren schon früh begleitet, auch aufgrund ihrer politischen Haltung, aber ich lebe seit 17 Jahren in Berlin, auch das hat mich nachhaltig geprägt. Manche meiner Stücke weisen durchaus eine Affinität zu Müller oder Brecht auf.

STANDARD: Hängt wohl auch mit den Stoffen zusammen?

Nußbaumeder: Klar. Also ich suche nach Antinomien, wo zwei gleichberechtigte Prinzipien gegeneinanderknallen. Auch bei Das Wasser im Meer gibt es dieses Moment. Der Alte, der in der böhmischen Heimat seiner Eltern bestattet werden möchte, und die Tochter, die ihm entgegenhält: "Das waren doch Nazis, das kannst du nicht machen!"

STANDARD: Moralische Widersprüche?

Nußbaumeder: Genau. Seine Eltern waren veritable Nazis. Aber hat er nicht trotzdem das Recht, sie zu lieben? Es ist komplex, man kann es nicht pauschal mit Ja oder Nein beantworten. Es ist der Glutkern des Konflikts. Die Krux bei dem Vertriebenenthema ist, dass die Betroffenen oft ihre Trauer zu unterdrücken hatten, sie schien moralisch nicht gerechtfertigt. Das sogenannte Wirtschaftswunder nach dem Krieg basierte ja, nebenbei gesagt, zu großen Teilen auf dieser klaglosen Leistungsbereitschaft von Flüchtlingen.

STANDARD: Ihre Stücke weisen alles auf, was am zeitgenössischen Theater immer wieder totgesagt wird: Es gibt Figuren, die ihre eigenen Texte sprechen, Handlung und Entwicklung samt Anfang und Ende. Warum haben Sie keine Skepsis gegenüber dem Realen?

Nußbaumeder: Weil jede Bühnenrealität zu einer eigenen Realität wird, sie ist per se künstlich. Zudem liegt mir wenig daran, Thesen abzusondern oder Kommentare zu formulieren, also meine Meinung verkünden zu lassen. Dafür wäre ein Essay dienlicher. Der Realismus in meinen Texten sollte nicht als Aufforderung verstanden werden, ihn eins zu eins auf die Bühne zu hieven. Nichtsdestotrotz notiere ich manche Regieanweisungen präzise. Das Drama ist eben auch ein Text zum Lesen; ich möchte, dass man Theaterstücke weiterhin liest. Aber zu Ihrer Anmerkung: Das meiste Repertoire wird ja nach wie vor vom klassischen Drama bestritten.

STANDARD: Stimmt, aber es gibt heute nicht viele junge Dramatiker, die sich klassische Figurenreden und Handlung zutrauen.

Nußbaumeder: Daran kann ich auch nichts ändern.

STANDARD: Ihre Figuren haben manchmal sehr exponierte Positionen, etwa Peter, der 25-jährige Enkel, der rechtspopulistische Phrasen drischt und die heutigen Flüchtlinge als "Zigeuner, Araber oder Neger" bezeichnet. Warum so mit dem Zaunpfahl?

Nußbaumeder: Erstens weiß ich, dass es solche Menschen tatsächlich gibt. Und zweitens will der natürlich provozieren. Das ist ein Typ, der unsicher ist. Er kennt seine Wurzeln nicht, er wurde immer irgendwie abgewiesen und vertröstet. Diese Parolen sind für ihn das Instrument, in Kontakt zu kommen. Und das klappt ja auch.

STANDARD: Hat die Flüchtlingsnot im Vorjahr in Ihr Schreiben hineingespielt?

Nußbaumeder: Ja, sicher. Das Wasser im Meer speist sich eigentlich aus drei Flüchtlingsströmen: den Heimatvertriebenen, den Familienangehörigen, die nach Palästina flüchten mussten, und der aktuellen Massenflucht nach Europa.

STANDARD: Sie haben in Pretoria in einer Autofabrik gearbeitet. Wie kam es dazu, und was haben Sie dort gelernt?

Nußbaumeder: Nichts (lacht), außer das Leben. Also das ist ganz einfach. Ich habe in Dingolfing maturiert, und dort steht der mittlerweile weltgrößte BMW-Verbund. Ich wollte nach der Schule nicht wieder auf die Schulbank, also ging ich nach Südafrika. (Margarete Affenzeller, 13.5.2016)

Christoph Nussbaumeder, 1978 in Eggenfelden in Bayern geboren, schreibt moderne Volkstheaterstücke, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Seine Texte sind bei Suhrkamp verlegt.

Uraufführung am 13. Mai, Landestheater Linz, 19.30 Uhr, Regie: Gerhard Willert

  • In "Das Wasser im Meer" werden drei Generationen einer Familie mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert. Im Bild: Stefan Riedl (Stefan Matousch) und Enkelin (Katharina Wawrik).
    foto: christian brachwitz

    In "Das Wasser im Meer" werden drei Generationen einer Familie mit ihrer Vergangenheit und Gegenwart konfrontiert. Im Bild: Stefan Riedl (Stefan Matousch) und Enkelin (Katharina Wawrik).

  • Uraufführung in Linz: Autor Christoph Nußbaumeder.
    foto: philip brunnader

    Uraufführung in Linz: Autor Christoph Nußbaumeder.

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