Zentralmatura: Wider die Mathematik als Kunst des Kostümierens

Userkommentar12. Mai 2016, 16:20
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Was wurde aus der Fähigkeit, "einfach rechnen zu können"? Mathematikunterricht ist schematisch geworden, dem Diktat der Mess- und Vergleichbarkeit unterworfen

Nun, da die Matura 2016 begonnen hat, werden wie immer die Kommentatoren die gleichen Fragen beantworten wollen: Welche Pannen gab es? Wie hoch war im ersten Durchgang die Durchfallrate? Waren die Wiener Maturanten schlauer als die Vorarlberger? Haben die Mädchen schlechter als die Buben in Fächern wie Mathematik abgeschnitten? Keiner fragt sich, ob die Mädchen nicht vielleicht schlauer sind, da sie durch kostümierte Mathematikaufgaben, die jeglicher Authentizität entbehren – wie etwa die 200-Meter-Lauf-Aufgabe im Vorjahr oder die Grußkarten-Aufgabe der heurigen Matura –, eher gelangweilt sind und sich lieber interessanteren Themen zuwenden.

Die Zentralmatura hat eine öffentlichkeitswirksame Dynamik wie die österreichische Fußballmeisterschaft, genau wie im Großen das Unternehmen Pisa und die Weltmeisterschaft – man fiebert wahnhaft mit: Wer wird Sieger und wie schneiden "wir" schließlich ab? Keiner fragt mehr: Wem und welchen Zwecken dient das Ganze? Wessen Geld wird dabei verbrannt? Wie könnte es sinnvoller in die Bildung investiert werden? Eigentlich weiß oder ahnt man doch, dass landesweite Tests und die Zentralmatura als Abschlussritual politische Steuerungsinstrumente sind, die von einer staatlich implementierten Institution, dem Bifie, überwacht und kontrolliert werden.

Bildung im Hamsterrad

Über das Schulsystem sind in immer schnellerer Folge hektische Reformen hereingebrochen, die nicht verlässlich strukturiert und zum Teil überstürzt verordnet wurden – wohl in dem Vertrauen, dass die Lehrer es schon richten und ihre Schüler nicht im Regen stehenlassen würden. Dies führte insbesondere im Bereich der Mathematik zu schulspezifisch verschiedenen "Notwehrmaßnahmen". Damit wurden die Hauptakteure im Bildungsgeschehen in ein Hamsterrad versetzt und ihre eigentlich pädagogische Aufgabe ausgehöhlt.

Inszenierungen von Schockzuständen (dräuende "Bildungskatastrophe") bis hin zu Reformhektik mit Heilsversprechungen (wie: die Zentralmatura böte mehr Bildungsgerechtigkeit und verbesserte die Bildungsqualität) gehören zum Grundinventar des manipulativen Change-Management-Prozesses, der alle Akteure einschwören soll auf etwas, das sie ursprünglich eigentlich nicht wollten. Der offensichtliche Umbau zu einer totalen Kontrollgesellschaft, die alles und jeden überwachen will, Freiräume immer weiter beschneidet und glaubt, alles dem Diktat der Mess- und Vergleichbarkeit und dem ökonomischen Erfolg unterwerfen zu müssen, spiegelt insgesamt ein fragwürdiges Menschenbild wider, das unsere Kultur des Humanen miss- und verachtet.

Homöopathisch verdünnter Schulstoff

Wie sehr die Nivellierung in Bezug auf die Mathematik auch in Österreich fortgeschritten ist, zeigt eine Nachlese zur Mathematik-Zentralmatura 2015, die heuer in einem fachdidaktischen Mitteilungsblatt publiziert wurde. Da ging es zentral um die Frage, welcher aktuelle (bereits homöopathisch verdünnte) Schulstoff bis zu welcher Klassenstufe beherrscht werden musste, damit die kompetenzorientierte Mathematikmatura wenigstens bestanden werden konnte.

Die Antwort ist klar und deutlich: Eigentlich reichen schon die ersten neun Schuljahre. Nicht zuletzt ist das durch Aufgaben der Grund- und Mittelstufe erreicht, wie jener, bei der nur eine Summe von acht Gehältern anzugeben war – verschleiert durch eine unnötig künstliche Schreibweise mit Vektoren und Skalarprodukt. Schwieriger wäre die Additionsaufgabe geworden, hätte man sie auf Altgriechisch gestellt. Aber so oder so ist es keine Mathematikaufgabe für eine Matura. Und Textlastigkeit soll halt Realitätsbezug vortäuschen.

Kultur des "Teaching to the Test"

Der Niveauverlust ist, so grotesk er auch sein mag, noch nicht einmal der wesentliche Bildungsverlust in Hinblick auf die Mathematik. Durch eine Kultur des "Teaching to the Test" entsteht nämlich ein fatal reduziertes Bild von Mathematik, etwa Mathematik als Kunst des Ankreuzens, als Interpretationsübung, als Übungsfeld für Technologieeinsatz und als Trainingsstunden für schematisches Abarbeiten von Prüfungsaufgaben.

Auf der Strecke hin zur Zentralmatura dürften so manche Elemente und Aspekte geblieben sein, die eigentlich konstitutiv für einen Bildungsprozess und gelungenen Mathematikunterricht erscheinen, wie zum Beispiel (1) die Persönlichkeit des Unterrichtenden mit seinen Kenntnissen und Vorlieben abseits der sogenannten Grundkompetenzen, (2) die Berücksichtigung von Interessensschwerpunkten einzelner Klassen und einzelner Schüler, (3) die Vermittlung der historischen Dimension, in der sich die Mathematik entwickelt hat, (4) das Erleben des Scheiterns aus prinzipiellen Gründen, die bestimmten Fragestellungen innewohnen, (5) die Langsamkeit im Sinne des Verweilens und die Möglichkeit, gewissen Aspekten in Ruhe nachgehen zu können und zu dürfen und zu guter Letzt einfach auch (6) die Fähigkeit, "einfach rechnen zu können".

Schematischer Unterricht

Dieses Rechnen-Können wurde und wird in der postmodernen Mathematikdidaktik immer wieder als kalkülhaft gebrandmarkt und dem Mathematikverstehen gegenübergestellt. Dabei ist es eine Binsenweisheit, dass man Grundfertigkeiten früh und immer wieder üben muss und dass gerade ein verstehendes Rechnen hilft, dass sich ein erstes Mathematikverständnis überhaupt entwickeln kann. Im Gegensatz dazu ist der heutige Mathematikunterricht in nie gekannter Weise schematisch geworden, indem nur auf bestimmte Reizwörter adäquat zu reagieren ist, gewisse Tasten auf einem Taschenrechner zu drücken sind und längliche Textpassagen auf die Schlüsselworte hin zu durchmustern sind. Allgemeinbildung in Mathematik wird so auf Grundübungen und Textverarbeitung mit eingestreuten Zahlen reduziert und auf Employability ausgerichtet. (Hans-Jürgen Bandelt, Walther Janous, 12.5.2016)

  • Durch eine Kultur des "Teaching to the Test" entsteht ein fatal reduziertes Bild von Mathematik.
    foto: apa/hans klaus techt

    Durch eine Kultur des "Teaching to the Test" entsteht ein fatal reduziertes Bild von Mathematik.

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