Saskia Jungnikl: "Ich will einfach nicht sterben"

16. Mai 2016, 15:00
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"Papa hat sich erschossen" als Film am Dienstag um 22.25 Uhr auf 3sat, Spielfilm geplant

Wien – Eben kommt Saskia Jungnikl von einer Veranstaltung über Suizidberichterstattung. Seit dem STANDARD-Artikel "Papa hat sich erschossen" aus dem Jahr 2013, in dem sie über den Selbstmord ihres Vaters schrieb, hat sich das Leben der Journalistin und Schriftstellerin noch einmal verändert. "Ich wollte mit dem Text anderen helfen. Wie ich das wahrnehme, tut es das."

Dass Selbstmord immer noch ein Tabuthema ist, beweisen die Reaktionen auf die Veröffentlichung, die ein Buch und jetzt eine Dokumentation zur Folge hatte, die am kommenden Dienstag um 22.25 Uhr auf 3sat läuft.

"So viele Menschen haben Angst, sich zu öffnen"

Sie habe lange überlegt, ob sie zusagen soll, sagt Jungnikl, die mittlerweile als freie Journalistin in Hamburg lebt. Mit dem Filmporträt gebe sie die eigene Geschichte aus der Hand. Sie stimmte letztlich zu, "weil Öffentlichkeit zu erzeugen wichtig ist": "So viele Menschen haben Angst, sich zu öffnen. Das schadet einfach. Es schadet den Hinterbliebenen, die allein sind mit ihrer Trauer, und es schadet denen, die sich umbringen wollen."

foto: orf/inspiris haschek film

Rat- und Hilfesuchende trifft Jungnikl auf Lesereisen und in Gesprächsrunden. Das Interesse an ihrer Person, daran, was sie zu geben hat, ist so groß, dass Jungnikl mit eigenen Ressourcen haushalten lernen musste: "Am Anfang habe ich jedem Einzelnen sofort und lange E-Mails zurückgeschrieben. Das mache ich immer noch, aber jetzt nicht mehr als drei oder vier pro Woche. Weil ich Zeit brauche, die nur mir gehört. Wenn ich etwas gelernt habe durch den Tod vom Papa, dann ist es, auf mich zu hören und zu achten. Das kommt mir zugute. Wenn ich dünnhäutiger werde, gereizter, wenn sich alles in mir sträubt, dann mache ich eine Pause. Danach merke ich wieder, wie positiv die Reaktionen sind und wie es hilft. Dann ist es super. Ich kriege viel zurück."

foto: orf/inspiris haschek film

Für den Film wählten Regisseurin Dagmar Knöpfel und sie einen journalistischen Zugang: Das Porträt wird über die Person Jungnikls aufgerollt, daneben kommen Weggefährten zu Wort, etwa ihr damaliger Lebensgefährte, mit dem sie sich an den 6. Juli 2008 erinnert, als die Nachricht vom Tod des Vaters kam, oder Jungnikls Mutter Susanne Jungnikl, mit der sie die Gräber des Vaters und des verstorbenen Bruders besucht. Darüber hinaus sprechen journalistische Kollegen, Dorfbewohner bis zum Dorfpfarrer. Sie gewährleisten, dass der einstündige Film nicht zur bloßen Betroffenheitsgeschichte wird. Das war Jungnikl wichtig: "Weil ich Journalistin bin. Ich wollte schon bei meinem Artikel kein Tagebuch schreiben."

Keine Belastung

Ist die ständige Beschäftigung nicht eine Belastung? "Nicht für mich", sagt Jungnikl. "Die Trauer jetzt ist nicht mehr dieselbe, die ich früher hatte. Die Todesfälle von meinem Bruder Till und vom Papa gehören zu meinem Leben. Darüber nicht zu reden wäre genauso schwierig, wie dauernd zu reden."

Sie wehrt sich gegen gängige Trauerlehren etwa von Elisabeth Kübler-Ross, die den Trauerprozess in chronologische Phasen einteilte: Auf Isolierung folgt Zorn, gefolgt von Verhandeln und Depression, schließlich Akzeptanz. "Die Idee, wenn ich das alles schaffe, werde ich zum Schluss wieder zufrieden und glücklich sein und der Mensch, der ich vorher war, ist Unsinn und erzeugt Druck", sagt Jungnikl.

foto: orf/inspiris haschek film

Sie hält sich an William Worden, für den Trauer ein lebendiger Prozess ist. "Das Wichtige ist zu verstehen, dass ich nicht mehr der Mensch vor den Todesfällen sein kann. Aber ich kann trotzdem ein zufriedenes Leben führen, wenn ich es schaffe, die Trauer in mein Leben zu integrieren. Nachdem ich das begriffen habe, ging es mir viel besser."

In Österreich begehen jedes Jahr mehr als 1.000 Menschen Selbstmord, viermal so viele, wie Verkehrstote zu beklagen sind. Die Weltgesundheitsorganisation nennt Suizid eines der größten Gesundheitsprobleme der Welt. "Nicht darüber zu reden macht es nicht besser", sagt Jungnikl.

Drehbuch mit Wolfgang Murnberger in Arbeit

Nach Zeitungsartikel, Buch, Dokumentation ist ein Spielfilm im Werden. Jungnikl schreibt ein Drehbuch mit Wolfgang Murnberger, hat es dabei aber nicht eilig. "Ich mache es, wenn ich finde, dass ich es tun will. Manchmal habe ich Lust zu schreiben, manchmal überhaupt nicht. Ich will mich nicht bei so einem Thema zu etwas überwinden."

Im Mittelpunkt steht die Arbeit am nächsten Buch, von dem es die ersten dreißig Seiten bereits gibt. Es gehe um den Umgang der Gesellschaft mit Tod und Trauer. "Ich habe große Angst vor dem Tod, seit der Papa gestorben ist. Ich will einfach nicht sterben. Das Buch ist eine Reise gegen die Angst vor dem Tod. Der Plan ist, je mehr ich dazu weiß, desto weniger Angst habe ich." Hilft's? "Bis jetzt nicht", sagt Jungnikl. "Aber ich bin auch erst am Anfang." (Doris Priesching, 16.5.2016)

Zum Thema

Papa hat sich erschossen – Artikel im STANDARD

Saskia Jungnikl
Papa hat sich erschossen

Fischer Taschenbuch 2014
256 Seiten, 14,99 Euro

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