Ecuador: Leben im Epizentrum

Ansichtssache8. Juli 2016, 13:40
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Der Agrarökonom Martin Schachner arbeitet derzeit als Entwicklungshelfer in Ecuador und gibt einen kurzen Einblick in das Leben nach einem Erdbeben

Am 16. April kamen bei einem großen Erdbeben der Stärke 7,8 knapp 700 Menschen ums Leben, fast alle davon in der Provinz Manabi. Es gab mehr als 1.200 Nachbeben, die die Menschen nicht mehr ruhig schlafen ließen. Zehntausende verloren ihre Häuser und lebten plötzlich auf der Straße, in Zeltlagern oder provisorischen Herbergen. Was in diesen Tagen nach dem Erdbeben in Canoa und San Isidro geschah:

foto: martin schachner

Bei einer Arbeitssitzung einige Tage vor dem Erdbeben mit dem Direktorium der Unión de Organizaciones Campesinas de San Isidro (UOCASI), dem Zusammenschluss verschiedener landwirtschaftlicher Genossenschaften der Gemeinde San Isidro, in der Mitte die Präsidentin Vilma Vélez. Durch das Erdbeben verlor sie ihr Haus: "Das Wichtigste, was uns geblieben ist, ist unser Leben – alles Materielle, was wir verloren haben, können wir uns wieder neu erarbeiten."

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Die organisierten Kleinbauern betreiben unter anderem eine Kredit- sowie eine Vermarktungsgenossenschaft. Wöchentlich werden beispielsweise etwa 15 Tonnen Maracuja gemeinschaftlich an einen Marmeladehersteller im Hochland vermarktet.

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Neben Maracuja produzieren die Kleinbauern Papaya, Bananen, Melonen, Kakao und Kaffee. Sie sind sowohl für den nationalen Markt als auch für den Export bestimmt. Im ecuadorianischen Hochland werden aus den Früchten Marmelade und Saftkonzentrat hergestellt. Macario Cusme, einer der Kleinbauern und Verantwortlicher für die Vermarktung, träumt davon, diese Fair-Trade-Produkte auch nach Österreich zu exportieren.

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Ein typischer Bauernhof mit einem Agroforstsystem aus Kakao und Bananen. Neben den Produkten für die Vermarktung bauen die Kleinbauern auch alles für den Eigenbedarf selbst an.

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foto: martin schachner

Ich wohne unter der Woche in einem kleinen Zimmer in San Isidro, manchmal auch wegen meiner Arbeit in Portoviejo, der Hauptstadt von Manabi, oder in Canoa am Pazifischen Ozean. Canoa hat wunderschöne Strände und ist eine der touristischsten Gemeinden im ecuadorianischen Küstentiefland.

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Canoa ist ein Paradies für Surfer. Während der diesjährigen Osterferien herrschte noch eine heile Welt.

Neben dem Tourismus leben die Einheimischen in Canoa vor allem vom Fischfang. In den Wochen vor dem Erdbeben war die Gegend stark vom El Niño betroffen: Überschwemmungen und schwankende Wassertemperaturen führten zu einem starken Rückgang des küstennahen Fischfangs.

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Ich schlief in Canoa meist im gerade erst fertiggestellten Hotel Jah Bless. Der Besitzer Paul hat im vergangenen Jahr viel Geld in seinen Traum investiert.

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Das eingestürzte Hotel vier Tage nach der Katastrophe. Hier befanden sich zur Zeit des Erdbebens 46 Personen, ein Großteil davon aufgrund eines gemeinsamen Betriebsausflugs zur Verabschiedung eines Mitarbeiters in den Ruhestand. Der Hausmeister und Gärtner des Hotels, Felipe, half mit, drei Überlebende aus den Trümmern zu bergen. Zwei weitere wurden nach zwei Tagen lebend geborgen. Leider starben auch vier Menschen im Hotel.

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In diesem Zimmer hatte ich die Nacht vor dem Erdbeben verbracht. Glücklicherweise fuhr ich übers Wochenende nach Quito zu meiner Familie. Mittlerweile ist nichts mehr vom Hotel übriggeblieben. Die Trümmer wurden außerhalb Canoas auf einem improvisierten Schuttplatz deponiert.

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Auch das angrenzende Hotel eines Italieners wurde vollkommen zerstört. Von den über hundert Übernachtungsmöglichkeiten in Canoa hat nur eine unbeschadet überstanden. In dieser können Touristen bereits wieder nächtigen – allerdings möchte derzeit niemand auf Urlaub in die betroffenen Gebiete kommen, weshalb die Einheimischen um ihre berufliche Zukunft bangen.

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Ein Polizist der Spezialeinheit und eine kirchliche Delegation vor einem weiteren zerstörten Hotel im Zentrum Canoas. Wegen des starken Verwesungsgeruchs und der Gefahr von Epidemien wurde das Tragen von Gesichtsmasken empfohlen.

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Die Hauptstraße von Canoa gleicht nach dem Abtransport der Trümmer einer Geisterstadt.

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Einheimische auf der Suche nach Hab und Gut.

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Das Leben geht weiter, auch wenn die Bevölkerung in Canoa großeils stark traumatisiert ist.

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Hier konnten wenigstens einige Möbel gerettet werden, bevor das Haus demoliert werden musste.

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Im improvisierten Zeltlager im höheren Teil von Canoa. Nach dem Erdbeben bestand die Angst vor einem Tsunami, weshalb hunderte Einwohner Canoas auf die umliegenden Hügel geflüchtet sind.

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Hilfsgüter werden in Canoa verteilt. Tausende Menschen leben in improvisierten Lagern entlang der Straßen und warten auf die Versorgung durch Hilfskräfte.

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Die Straße zwischen Canoa und San Isidro. Der Abtransport der Verletzten verlief aufgrund der zerstörten Straßen nur zögernd.

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Viehwirtschaft in schwierigen Zeiten. Trotzdem haben es die Landwirte einfacher, da Ackerbau und Viehhaltung weiter möglich und auch Lebensmittel für den Eigenkonsum vorhanden sind.

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Auch in San Isidro trauen sich die Menschen nicht mehr in ihre Häuser.

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Im Lager auf dem Sportplatz der Schule in San Isidro. Mittlerweile sind für die nunmehr Obdachlosen Zelte der Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen eingetroffen.

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Das eingeknickte Hotel San Isidro. Es liegt direkt neben dem Bürogebäude der UOCASI.

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Der Blick aus meinem Bürofenster auf ein Nachbarhaus. Viele Menschen sind beim Abendessen vom Erdbeben überrascht worden.

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Das Gebäude der UOCASI hingegen hat es fast unbeschadet überstanden. Während ich hier schlief, gab es mehrere Nachbeben der Stärke 6. Zur Zeit des Erdbebens wurde gerade Maracuja verladen.

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Macario Cusme koordiniert vier Tage nach dem Erdbeben bereits wieder die Anlieferung von Maracuja und den Verkauf an die Marmeladenfabrik. Die Menschen sind dankbar, dass in San Isidro niemand ums Leben gekommen ist.

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Trotz der Zerstörungen arbeiten die Mitglieder der UOCASI normal weiter. Mich hat der Umgang der Einheimischen mit der Katastrophe sehr beeindruckt. Alle glauben fest an die Zukunft in ihrem San Isidro, auch wenn die Arbeit in dieser Notstandsituation noch härter ist.

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Ich werde Canoa und San Isidro auch weiterhin die Treue halten. Mindestens noch zweieinhalb Jahre werde ich mit der UOCASI und anderen Kleinbauern-Genossenschaften in Manabi arbeiten. Bis dahin wird wohl Canoa auch wieder zum Tropenparadies, und die offenen Wunden werden hoffentlich etwas verheilt sein. (Martin Schachner, 8.7.2016)


Martin Schachner lebt seit mehreren Monaten in Ecuador, ist Agrarökonom und Entwicklungshelfer bei der Organisation Brot für die Welt. Dort berät er die einheimische Organisation FEPP (Fondo Ecuatoriano Populorum Progressio) bei der Arbeit mit Kleinbauerngenossenschaften in der Provinz Manabi.

Der Ansatz ist partizipativ: Projekte zu Lebensmittelsicherheit, zur Stärkung der Wertschöpfungsketten für die Einkommenserzielung und zum Erhalt der Umweltqualität werden direkt in den Gemeinden geplant und setzen auf integrale Ansätze, wobei auch Werte wie Solidarität, kulturelle Identität und Nachbarschaftshilfe von großer Bedeutung für die lokalen Entwicklungsprozesse sind.

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