Zweites Eurovision-Semifinale: Das erwartet uns heute Abend

Blog12. Mai 2016, 10:52
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Wird die Ukraine der Favoritenrolle gerecht? Wird Aminata ein zweites Mal überraschen? Wieso schickt Norwegen zwei Songs?

Als Österreicher kann man sich heute ganz entspannt zurücklehnen, sich das zweite Semifinale des Eurovision Song Contest geben und auf Windmaschineneinsätze wetten. Eigentlich sollten heute 19 Beiträge antreten, aber die EBU hatte kurz auf das Motto "Come together" vergessen und vor drei Wochen den rumänischen Sender TVR wegen fehlender Beitragszahlungen aus der EBU ausgeschlossen. Gut, die zahlten das bereits seit Jahren nicht, aber bis zum 15. Mai zu warten wäre natürlich auch möglich gewesen.

Die Moderatoren des diesjährigen Song Contest, Måns Zelmerlöw und Petra Mede, gehören bereits jetzt zu den Siegern. Großartig, wie die beiden das machen, und in diesem Semifinale verwöhnen sie uns zu Beginn sogar mit einem Duett, in dem sie Eurovision erklären. Da darf auch Conchita nicht fehlen, und wer genau aufpasst, wird "Viennese" und "Vorarlbergish" hören. Herrlich!

Zehn Beiträge werden heute ins Finale kommen, acht können nach Hause fahren. Wer wird am Samstag gegen Zoë und Co antreten?

1. Lettland: Justs – Heartbeat

foto: thomas hanses (ebu)
Da wummert der Bass von Aminata: Justs aus Lettland.

Wer den Subwoofer noch nicht angemacht hat sollte das nun gleich tun. Wer sich an Aminata im Vorjahr in Wien erinnern kann, weiß, dass es nun ordentlich wummert. Der lettische Beitrag stammt dieses Jahr aus ihrer Feder und wird dargebracht von Justs, der eine außergewöhnliche Raubeinstimme hat. Bass und Beats machen den Song zu einem herausragenden Opener dieses Semifinales.

Chancen fürs Finale: weiter

2. Polen: Michał Szpak – Color Of Your Life

Nach der polnischen Vorausscheidung rieben sich einige die Augen. Da war mit "Cool Me Down" von Popsternchen Margaret ein R-'n'-B-Song am Start, der bei den Buchmachern für Stockholm bereits auf dem ersten Platz lag. Doch dann gewann nicht sie, sondern diese altmodische Ballade im Piratenlook. Ich wäre ja gerne 2017 nach Warschau gefahren, aber das wird nun doch nicht passieren. In fünf Proben gelang ihm der Oktavenwechsel zweimal. Zoë aber mag diesen Beitrag.

Chancen fürs Finale: Zitterpartie

3. Schweiz: Rykka – The Last Of Our Kind

Die Schweiz hat gute Erfahrungen mit Kanadierinnen. 1988 gewannen unsere Nachbarn mit einem solchen Import. Das war damals eine unbekannte Sängerin namens Céline Dion. An deren Stimme kommt Rykka nicht ansatzweise heran, sie ist eher die Gegenthese. Was ihre ständigen Verbeugungen zu bedeuten haben? Wir wissen es nicht, aber die Mutmaßungen darüber im Pressezentrum waren wirklich lustig.

Chancen fürs Finale: vermutlich letzter Platz

4. Israel: Hovi Star – Made Of Stars

Israel hat bestimmt eine der besseren Powerballaden dieses Jahr. Hovi Star hatte im Vorfeld Probleme in Russland, als Grenzbeamte in einem offensichtlich homophoben Akt seinen Reisepass zerrissen. Der Song ist klassisch ESC und stammt von Doron Medalie, der auch das im Vorjahr so erfolgreiche "Golden Boy" komponierte. Doch irgendwas fehlt, ich weiß aber (noch) nicht, was.

Chancen fürs Finale: Zitterpartie, eher weiter

5. Weißrussland: Ivan – Help You Fly

foto: : thomas hanses (ebu)
Der fast nackt mit dem Wolf tanzt: Ivan aus Weißrussland oder doch Westeros.

Kaum ein anderer Act weiß die Stockholmer Bühne so geschickt zu nutzen wie der weißrussische Beitrag. Ursprünglich wollte Ivan nackt mit Wölfen auf die Bühne, doch das ist verboten, also bekommen wir ihn immerhin auf der LED-Wand so zu sehen. Die Wölfe sind vermutlich eine Reminiszenz an den "Game of Thrones"-Hype. Es ist Trash (ja hallo!), aber es ist ganz wunderbarer Trash. Ich mag das irgendwie.

Chancen fürs Finale: weiter

6. Serbien: ZAA Sanja Vučić – Goodbye (Shelter)

Serbien begeisterte voriges Jahr mit Powerdance und dieses Jahr mit Powerballade. Sanja liefert ganz großes Kino, wie aus den besten Tagen der Balkan-Beiträge. Wer das Orchester vermisst, das bis 1998 noch Pflicht beim Song Contest war, darf sich jetzt freuen. Serbien galt vor Stockholm eher als Außenseiter für den Finaleinzug – völlig zu Unrecht. Gänsehaut-Song!

Chancen fürs Finale: weiter

7. Irland: Nicky Byrne – Sunlight

foto: thomas hanses (ebu)
Nicky Byrne, einst Boyband-Mitglied bei Westlife, jetzt ein Mann in Stockholm.

Jedes Jahr dürfen große Namen von früher mitmachen. Dieses Jahr kommt er aus Irland und war früher Mitglied von Westlife, einer der erfolgreichsten Gruppen der 90er-Jahre. Ob er sich mit dem Antreten einen Gefallen tut? Es ist ein gefälliger Popsong, aber davon gibt es heuer so viele bessere.

Chancen fürs Finale: eher raus

8. Mazedonien: Kaliopi – Dona

2012 war sie bezaubernd in jeder Hinsicht: Stimme, Ausstrahlung, Song. Diese Frau ist so voller Liebe, dass man weiche Knie bekommt, wenn man nur neben ihr steht. Ihr Beitrag in Baku, "Crno i belo", war deutlich stärker als "Dona". Große Kunst macht sie aber immer noch, und sie ist so herrlich anders.

Chancen fürs Finale: weiter

9. Litauen: Donny Montell – I've Been Waiting for This Night

foto: andres putting (ebu)
Donny Montell aus Litauen ist offenbar auch akrobatisch begabt.

Und noch ein alter Bekannter aus dem Jahr 2012! In Baku trat er mit "Love is Blind" an. Wer immer sich diese Choreografie ausgedacht hat, tut Donny leider keinen Gefallen. Der will zu viel, und die Gesten kommen allzu einstudiert statt authentisch rüber. Vielleicht bekommt er dieses Problem bis zum Abend noch hin, denn der Song hat durchaus Potenzial und ist stark. Aber ob das reicht?

Chancen fürs Finale: Zitterpartie

10. Australien: Dami Im – Sound Of Silence

foto: andres putting (ebu)
Dami Im, Superstar in Australien, demnächst auch in Europa?

Dass der Debütant vom Vorjahr gewinnen will, ist deutlich. Australien schickt eine sehr zeitgemäße Nummer und eine faszinierend charismatische Sängerin nach Stockholm. Die Inszenierung dürfte von Swarovski gesponsert sein, so wunderbar glitzert da alles. Das schönste Kleid des diesjährigen Bewerbs trägt sie zudem auch.

Chancen fürs Finale: weiter

11. Slowenien: ManuElla – Blue And Red

Jetzt muss ich etwas loswerden: Es gibt gute TV-Choreografen, wie etwa Marvin Dietmar vom ORF, der beispielsweise ein Laufband für eine Künstlerin besser fände, aber eine Künstlerin dazu nie zwingen würde, weil sie sich wohl und frei fühlen muss. Und dann gibt es Choreografen, die Sängerinnen zu Gesten zwingen. Schauen Sie sich nur die ersten Sekunden dieses Beitrags an und was die arme ManuElla mit ihrem linken Arm machen muss. Nichts davon ist authentisch, und nichts davon scheint sie wirklich tun zu wollen. Furchtbar, so was! Man müsste aus Mitleid eigentlich für sie anrufen.

Chancen fürs Finale: raus

12. Bulgarien: Poli Genova – If Love Was A Crime

In Düsseldorf schaffte sie es nicht ins Finale, 2016 will sie es noch einmal wissen – und wie! Mit einer sehr starken Popnummer kommt Bulgarien dieses Jahr daher. Hier in Stockholm mauserte sich dieser Beitrag zu einem Fanliebling, völlig zu Recht, wie ich meine. Bulgarien kehrt sehr erfreulich zum Bewerb zurück.

Chancen fürs Finale: weiter

13. Dänemark Lighthouse X – Soldiers Of Love

Die letzten zwei Male, als der ESC in Schweden stattfand, gewann Dänemark. Das wird sich 2016 ganz sicher nicht wiederholen. Erstaunlich eigentlich, dass ein Land, das es immer versteht, geschickte und zeitgemäße Beiträge zu entsenden, dieses Jahr so daneben liegt. Langweiligster Boyband-Pop, der schon 1995 überholt gewirkt hätte. Einige Fans mag es für so etwas ja noch geben, viele dürften es aber nicht sein.

Chancen fürs Finale: Zitterpartie, eher raus

14. Ukraine: Jamala – 1944

foto: andres putting (ebu)
Fesselnd, polarisierend, dramatisch, spannend: Krimtatarin Jamala singt für die Ukraine.

Kein anderer Künstler und keine andere Künstlerin konnte heuer in Sachen Haltung und Stil auch nur ansatzweise an die ukrainische Sängerin herankommen. So benehmen sich wahre Stars! Die Krimtatarin erzählt die Geschichte ihrer Großmutter, die 1944 von Stalin aus ihrer Heimat, der Krim, vertrieben wurde. Das ist noch nicht zu politisch, meinte die EBU, und gab grünes Licht für diesen Beitrag. Russland wird eher nicht amüsiert sein. Der Song spaltet. Man hasst ihn, oder man liebt ihn – nicht selten eine gute Voraussetzung für eine Topplatzierung. Mich fesselt "1944" von Beginn an und jedes Mal wieder.

Chancen fürs Finale: weiter, und ich bin mir sicher: die Siegerin des heutigen Abends

15. Norwegen: Agnete – Icebreaker

Nach der Emotionalität geht der norwegische Beitrag ziemlich unter und wirkt sehr platt. Zudem verwirrt der Song, da er eigentlich aus zwei völlig unterschiedlichen Songs besteht. Tempowechsel sind eine sehr heikle Sache. Ich bin bei diesem Beitrag etwas verunsichert, weil er in meinem persönlichen Umfeld bei einigen gut ankommt, ich verstehe nur nicht, warum.

Chancen fürs Finale: Zitterpartie

16. Georgien: Nika Kocharov & Young Georgian Lolitaz – Midnight Gold

Die ersten Töne lassen glauben, die Red Hot Chili Peppers treten auf, was ja nun keine schlechte Assoziation ist. Was gegen den Song spricht, ist etwas, das eine merkwürdige Häufung beim heurigen ESC erlebt: Der Song hat keinen Refrain! Alleinstellungsmerkmal hat der georgische Beitrag allemal. Der Schluss des Songs kommt herrlich überraschend.

Chancen fürs Finale: eher weiter

17. Albanien: Eneda Tarifa – Fairytale

Hach, Albanien! Jedes Jahr kürt ihr einen entzückenden Song bei eurem traditionsreichen Këngës-Festival, dann übersetzt ihr den Song ins Englische, wollt ihn noch etwas moderner aufpeppen, und alles ist wieder kaputt. Warum macht ihr das? Warum? Singt Albanisch! Lasst die Orchesterklänge so, wie sie waren!

Chancen fürs Finale: raus

18. Belgien: Laura Tesoro – What's The Pressure

foto: andres putting (ebu)
Belgien überrascht zum zweiten Mal in Folge mit zeitgemäßem Pop.

"Another One Bites the Dust!" Das denkt sich nun wirklich jeder zu Beginn. Der Song ist stärker als ihre Stimme, aber wieder sehr gefällig, was Belgien dieses Jahr schickt. Nach Jahren der Erniedrigung scheint Belgien 2015 und 2016 der Eurovisionsknopf wieder aufgegangen zu sein. Gut so!

Chancen fürs Finale: weiter

(Marco Schreuder, 12.5.2016)

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