Donald Trump gegen die Parteielite

11. Mai 2016, 17:37
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Trumps Kandidatur vertieft den Riss, der bereits vor dem US-Vorwahlkampf durch die Republikanische Partei ging

Als Speaker des Repräsentantenhauses ist Paul Ryan nicht nur der ranghöchste Republikaner. Nach dem Präsidenten und dessen Stellvertreter ist er auch die Nummer drei in der protokollarischen Hierarchie der USA. Und er gilt als der republikanische Hoffnungsträger für die Ära nach Donald Trump, heiß gehandelt mit Blick auf die Wahl 2020, bei der viele dem aufstrebenden Star aus Wisconsin zutrauen, das Weiße Haus zu erobern. Neulich sorgte er für Furore, weil er vor laufender Kamera sagte, er brauche noch Zeit, er sei noch nicht so weit, Trump im Wahlkampf zu unterstützen.

Es waren Sätze, die ahnen ließen, welch tiefer Riss durch die Reihen der amerikanischen Konservativen geht, auch wenn der Speaker sie drechselte, als hätte er gerade den Lehrgang einer Diplomatenschule besucht. Am Donnerstag trifft sich Ryan erstmals mit Trump. Es ist wohl der Versuch, eine Art Burgfrieden zu schließen, bevor sich die "Grand Old Party" auf ihrem Nominierungsparteitag in Cleveland der breiten Öffentlichkeit präsentiert.

Die ungeschriebenen Gesetze amerikanischer Wahlkämpfe schreiben vor, sich in dem Augenblick um den Kandidaten zu sammeln, in dem dieser das Vorwahlrennen für sich entschieden hat. Diesmal greifen sie nicht. Diesmal sind die Republikaner nicht nur weit entfernt von jeder Scheinharmonie, sie erwecken sogar den Eindruck, als stünden sie kurz vor der Spaltung. Trump hat seine gesamte Kampagne darauf abgestellt, das politische Establishment zu einer Ansammlung notorischer Versager zu stempeln. Nun hat das Establishment zurückgeschlagen, indem es Trump zu beachtlichen Teilen die Gefolgschaft verweigert.

Breite Front der Ablehnung

Es ist nicht nur Ryan, der zögert und laviert, andere sind noch viel deutlicher in ihrem Urteil. Mitt Romney, 2012 der republikanische Bewerber fürs Oval Office, will nach heutigem Stand durch Abwesenheit glänzen, wenn der Konvent den Unternehmer aus New York im Juli offiziell zum Kandidaten kürt. Es wäre ein Affront ersten Ranges, überraschend käme es nicht. In der Hitze des Vorwahlgefechts war es Romney, der von der Seitenlinie aus die härtesten Attacken gegen Trump ritt. Auch die beiden bis dato letzten republikanischen Präsidenten, George Bush senior und George Bush junior, geben zu verstehen, dass sie dankend auf eine Teilnahme verzichten, wenn der Milliardär im Konfettiregen des Wahlparteitags ins Finale gegen Hillary Clinton geschickt wird. Jeb Bush, der chancenlos ausgeschiedene Favorit der Parteigranden, geht noch einen Schritt weiter. Im November, sagt er, wolle er Trump seine Stimme verweigern.

Es ist allerdings nicht nur, und nicht einmal in erster Linie, Trumps vulgäre, oft verletzende Art, die Ryan, Romney oder den Bush-Clan gegen ihn aufbringt. Es geht um Inhalte. Was Trump an protektionistischen Barrieren vorschlägt, etwa 45-prozentige Zölle für Waren aus China, geht gegen alles, wofür die republikanische Marke seit Jahrzehnten steht, für mehr oder weniger unbeschränkten internationalen Handel. Seine Absicht, elf Millionen illegale Immigranten rigoros zu deportieren, reibt sich an dem Plan, de facto eine Amnestie für diese Menschen im juristischen Schwebezustand anzusteuern, einem Plan, den auch konservative Senatoren eine Zeit mittrugen. Seine außenpolitischen Vorstellungen – ein Rückfall in den Isolationismus – lassen manchen Strategen konservativer Thinktanks Schauer über den Rücken laufen.

Andererseits mangelt es nicht an Prominenten, die auf den fahrenden Zug aufspringen wollen. Marco Rubio, der Senator aus Miami, war noch im März in erbitterte Wortgefechte mit Trump verwickelt. Dieser Tage hat er erklärt, ihm den Rücken stärken zu wollen. Man müsse Trump unterstützen, um Hillary Clinton zu schlagen, sagte Rubio. Was die Gerüchtebörse prompt spekulieren lässt, ob er vielleicht damit liebäugelt, sich im Herbst um die Vizepräsidentschaft zu bewerben. (Frank Herrmann aus Washington, 11.5.2016)

  • Im Trump-Dilemma: Paul Ryan (Mitte) und die Abgeordneten Kevin McCarthy und Cathy McMorris.
    foto: foto: apa / afp / getty images / chip somode

    Im Trump-Dilemma: Paul Ryan (Mitte) und die Abgeordneten Kevin McCarthy und Cathy McMorris.

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