Armutsrisiko von jungen Deutschen steigt wieder

12. Mai 2016, 07:00
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In Deutschland sind wieder mehr Jugendliche auf Sozialleistungen angewiesen. Die Chancen, aus dieser Lage herauszukommen, stehen schlecht

"Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Deutschland weit niedriger als in vielen Nachbarländern": Mit diesem grundsätzlich positiven Befund beginnt eine Studie, die der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) soeben veröffentlicht hat. Doch ein Blick ins Detail zeigt, dass viele junge Menschen in Deutschland von dieser Situation nicht profitieren können.

Erstmals seit einigen Jahren ist die Zahl der sogenannten Hartz-IV-Bezieher unter den 15- bis 24-Jährigen wieder gestiegen: um 8.600 auf 746.000. Hartz IV wird in Deutschland jene aus Steuergeldern finanzierte staatliche Grundleistung genannt, die Menschen bekommen, die länger als ein Jahr arbeitslos sind (Arbeitslosengeld II).

Hartz IV als staatliche Grundsicherung erhalten aber auch jene, die nicht erwerbsfähig, aber dennoch hilfsbedürftig sind – etwa weil sie noch zur Schule gehen und die Eltern zu wenig Geld haben oder weil sie selber schon Kinder betreuen müssen. Laut DGB sind 300.000 Jugendliche in Deutschland schon seit vier Jahren auf diese Stütze angewiesen. Und sie haben deutlich schlechtere Chancen, aus diesem System wieder herauszukommen, als junge Menschen, die das Arbeitslosengeld I bekommen. Das ist jene Leistung, die aus Beiträgen der Arbeitslosenversicherung maximal zwölf Monate nach dem Verlust des Jobs bezahlt wird.

Kurze Beschäftigungsverhältnisse

Schon ein Drittel jener "Hartzer", die einen sozialversicherungspflichtigen Job finden, sind nach drei Monaten dort nicht mehr regulär beschäftigt, nach einem Jahr ist es nicht einmal mehr die Hälfte. "Ihre Eingliederungschancen sind drei- bis viermal ungünstiger als die der Gleichaltrigen im Versicherungssystem", heißt es in der DGB-Studie. Das bedeutet also: Junge Menschen, die auf staatliche Fürsorge angewiesen sind, können sich daraus nur schwer wieder befreien, zumal ein Viertel von ihnen überhaupt keinen Schulabschluss hat.

Annelie Buntenbach, Mitglied im DGB-Vorstand, fordert mehr Unterstützung für diese benachteiligten Jugendlichen. So müssten Bund und Länder bessere Möglichkeiten schaffen, damit junge Menschen ihren Hauptschulabschluss nachholen können. Auch die Vermittlung von Ausbildungsplätzen müsse für Kinder von Familien, die der staatlichen Fürsorge bedürfen, verbessert werden.

Neue Regeln für Leiharbeit

Die große Koalition in Berlin hat sich zunächst einem anderen Kapitel des Arbeitsmarkts zugewandt und schärfere Regeln für die Leiharbeit aufgestellt. In Deutschland gibt es derzeit rund eine Million Leiharbeiter, sie sind schlechtergestellt als die Stammbelegschaft einer Firma.

Der Gesetzesentwurf von Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) sieht nun vor, dass Leiharbeiter grundsätzlich nach neun Monaten Beschäftigung Anspruch auf die gleiche Bezahlung wie die Stammbelegschaft haben. Davon dürfen Arbeitgeber und Gewerkschaften aber abweichen, wenn es Tarifverträge gibt, in denen Zuschläge für Leiharbeiter geregelt sind, sofern diese Zuschläge den Einstiegslohn schon nach sechs Wochen erhöhen – wie etwa in der Chemie- und Metallbranche.

Leiharbeiter dürfen auch nur noch 18 Monate lang in einem Betrieb arbeiten. Danach müssen sie gehen oder von dem Betrieb fest übernommen werden. Abweichungen sind in Abstimmung von Arbeitgebern und Gewerkschaften möglich. Zudem dürfen Leiharbeiter nicht eingesetzt werden, wenn im Betrieb die Stammbelegschaft streikt. (Birgit Baumann aus Berlin, 12.5.2016)

  • Jugendliche in Deutschland, die auf staatliche Fürsorge angewiesen sind, finden oft schwer einen Arbeitsplatz – auch weil viele von ihnen keinen Schulabschluss haben.
    foto: apa/dpa/julian stratenschulte

    Jugendliche in Deutschland, die auf staatliche Fürsorge angewiesen sind, finden oft schwer einen Arbeitsplatz – auch weil viele von ihnen keinen Schulabschluss haben.

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