"Terror": Das verhandelte Menschenleben

12. Mai 2016, 08:00
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Ferdinand von Schirachs Stück wird derzeit im Schwurgerichtssaal des Linzer Landesgerichts aufgeführt. Es handelt von einem Major, der ein Passagierflugzeug abgeschossen hat, um Schlimmeres zu verhindern

Linz – Darf ein Major der Luftwaffe auf eigenen Entschluss hin ein von Terroristen gekapertes Passagierflugzeug abschießen, um damit das Leben von 70.000 Menschen zu retten, die in einem Fußballstadion das erklärte Ziel der Maschine sind? Ist es also rechtens, das Leben von wenigen (es sind 164 Passagiere) gegen das von vielen abzuwägen?

Vorweg: Das 2005 verabschiedete deutsche Luftsicherheitsgesetz erlaubt dieses Vorgehen nicht. Keine moralisch auch noch so richtige Einstellung darf die Verfassung aushebeln. Aber gilt es nicht in so einem Fall doch, den "übergesetzlichen Notstand" zu berücksichtigen oder die Verpflichtung zum "geringeren Übel"?

foto: reinhard winkler
Major Lars Koch (Simon Jaritz, Mi.) hat ein Passagierflugzeug abgeschossen, um Schlimmeres zu verhindern. Ist das rechtens? Verteidiger (Christian Lemperle, li.) und Staatsanwältin (Lisa Schrammel) im Widerstreit.

Die Fragen wiegen schwer. Der deutsche Strafverteidiger und Schriftsteller Ferdinand von Schirach hat nach Werken wie Verbrechen (2009), Schuld (2010) und Die Würde ist antastbar (2014) seine belletristische Auseinandersetzung mit Gesetzes- und Gewissensfragen im Vorjahr auf den alten Streitschauplatz Theater ausgedehnt. Sein Gerichtsdrama Terror zieht seit seiner Uraufführung im Oktober 2015 in Berlin weite Kreise.

Die Gruppe Theater@Work (Heidelinde Leutgöb, Alfred Rauch) hat das Stück nun erstmals nach Österreich geholt. Erstaufführung war am Dienstag im Schwurgerichtssaal des Linzer Landesgerichts. Der Andrang ist groß, alle Termine bis Anfang Juli sind ausverkauft.

Niemand überlebte

Der Fall des Luftwaffenmajors Lars Koch wird verhandelt. Er (Simon Jaritz) hat mit seinem Kampfjet das Flugzeug nach eigenem Entschluss abgeschossen, um Schlimmeres zu verhindern. Es stürzte in ein Kartoffelfeld, niemand überlebte. 70.000 Besucher eines Fußballländerspiels kamen allerdings nicht zu Schaden.

Im holzvertäfelten Gerichtssaal hat das genreübliche Personal Aufstellung genommen, von Theater nur scheinbar keine Spur. Ein Wachtmeister (Maximilian Modl) führt den Angeklagten herein. Sein Verteidiger (Christian Lemperle) schleppt Akten heran. Die Staatsanwältin (Lisa Schrammel) schwingt ihren Talar und bespricht sich mit der Nebenklägerin (Katharina Schraml). Dann erscheint der Vorsitzende (Alfred Rauch). Alle erheben sich.

Das Publikum übernimmt in dieser Inszenierung (Leutgöb) die Funktion von Laienrichtern. Jeder in den Zuschauerreihen ringt sich nach Ende der Verhandlung/Vorstellung zu einem eigenen Urteil durch. Die Stimmabgabe in Linz endete mit einem Freispruch (83 votierten für nicht schuldig, 44 für schuldig). Ein Ergebnis, das die Tendenz aller bisherigen Verhandlungen bestärkt. Insgesamt haben bis dato 59,4 Prozent aller Schöffen für einen Freispruch votiert. Die Abstimmungsergebnisse sind online nachzuschauen.

Es läuft nach der Anhörung des Angeklagten, eines Zeugen sowie der Nebenklägerin nach zweieinhalb Stunden auf die leidenschaftlichen Schlussplädoyers hinaus, in denen Schirach in rechtsphilosophische Höhen führt und wieder bei der Frage endet: Dürfen Menschen getötet werden, damit andere überleben?

Neben rechtswissenschaftlichen Erhellungen macht der Text auch mit militärischem Vokabelschatz vertraut. Die Linzer Inszenierung gleicht einer realen Verhandlung eigentlich aufs Haar. Keine szenischen Beigaben, keine emotionalen Introspektionen. Der Fokus liegt auf dem Diskurs – der ist spannend genug. (Margarete Affenzeller, 12.5.2016)

Hinweis der Theatergruppe: Sämtliche Vorstellungen sind derzeit ausverkauft, auch die Wartelisten sind voll. Eventuell gibt es am jeweiligen Vorstellungsabend die Möglichkeit auf Restkarten im Landesgericht, jedoch ohne Garantie.

Links

"Terror"-Webseite

Theater@Work

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