Jenseits der Seeufersiedlungen: Forschen rund um die Alpen

Blog12. Mai 2016, 11:00
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Regelmäßiger Austausch und kritische Diskussion zählen zu den wesentlichsten Prozessen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Auf nach Bad Schussenried!

Los geht's! Der Bus ist vollgestopft mit Taschen, Kameras, Laptops und aufgeregten Archäologen. Wir sind auf dem Weg zu einem Arbeitstreffen mit unserer internationalen Projektgruppe. Intensive Fachdiskussionen, eine faszinierende Kultur- und Naturlandschaft und eine große Ausstellung über unser aktuelles Fachgebiet erwarten uns.

Zwei Tage lang werden wir im oberschwäbischen Bad Schussenried Vor- und Nachteile unterschiedlicher Analysemethoden diskutieren, Daten austauschen, erste Forschungsergebnisse der anderen Gruppen kennen lernen und unsere Resultate vorstellen. Und – besonders wichtig – wir werden die Probleme, die sich im Zuge unserer jeweiligen Forschungsarbeiten ergeben haben, in der großen Runde in Augenschein nehmen, darüber brüten und neue Lösungsansätze entwickeln. Regelmäßiger Austausch und kritische Diskussion zählen zu den wesentlichsten Prozessen wissenschaftlicher Erkenntnisgewinnung. Dies betrifft nicht allein die Forschungsresultate, sondern beginnt bereits bei der methodischen Herangehensweise.

Prähistorische Seeufersiedlungen und jenseits davon

Im Beyond-Lake-Villages-Projekt (FWF-Projektnummer I 1693) befassen wir uns mit einer ganz besonderen Gruppe archäologischer Fundstellen. Es handelt sich um die Überreste von Siedlungen, die ab dem 5. Jahrtausend vor unserer Zeit und im Besonderen ab dem 4. Jahrtausend an den Rändern der voralpinen Seen rund um die Alpen angelegt wurden. 111 dieser Seeufersiedlungen wurden im Jahr 2011 in den Status eines Unesco-Welterbes erhoben. Diese Fundstellen werden heute im Fach als Seeufersiedlungen bezeichnet. Sie sind jedoch unter der Bezeichnung Pfahlbauten/Pfahlbausiedlungen so bekannt und berühmt geworden, dass auch dieser Name weiterhin geläufig ist. Beide Namen beschreiben typische Merkmale dieser Fundstellengruppe. So wurden diese Siedlungen in Wassernähe angelegt und häufig, aber nicht immer, in erhöhter Bauweise auf Pfahlkonstruktionen errichtet.

Spezielle Erhaltungsbedingungen

Für die archäologische Forschung sind diese Fundstellen vor allem aus einem Grund von besonderem Interesse. Im Gegensatz zum Großteil der bekannten archäologischen Fundstellen haben sich in den Seeufersiedlungen auch Objekte aus organischen Materialien erhalten, wie zum Beispiel Holzgeräte, Speisereste, Bast- und Grasschnüre.

Fundstellen mit derartigen Erhaltungsbedingungen, das heißt mit organischer Erhaltung, sind sehr selten. Sie finden sich dort, wo Mikroorganismen nicht oder nur schwer leben können und damit auch die Zersetzung organischer Objekte nur in geringem Ausmaß stattfinden kann. Dies ist etwa in Salzbergwerken, etwa Hallstatt, der Fall. Hier verhindert das Salz die Zersetzung von organischem Material. Und auch unter Wasser, das heißt unter Luftabschluss, haben organische Objekte wie verkohlte Äpfel, Brotreste oder Holzgeräte gute Erhaltungsbedingungen. Letzteres trifft auf die Seeufersiedlungen zu, denn deren Reste liegen seit Jahrhunderten unter Wasser und im besten Fall auch noch unter mehreren Metern Seekreide. Deshalb sind hier sehr tiefe Einblicke in das alltägliche Leben der prähistorischen Menschen möglich.

Wie die Menschen ihre Umwelt nutzten

Auch Wirtschaftsweise und Mensch-Umwelt-Beziehungen können hier in besonderer Genauigkeit erforscht werden. Und genau dort setzt das Beyond-Lake-Villages-Projekt an. Bislang hat die Forschung sehr stark auf einzelne Fundstellen fokussiert und sich weniger mit der Beziehung zwischen Mensch und Landschaft befasst. Dies ist nun der Fokus unseres Projekts.

Wir wollen wissen, wie die Menschen ihre Umwelt nutzten, wie sie die umgebende Landschaft prägten und wie sie durch ihre natürliche Umwelt beeinflusst wurden. Hierzu verwenden wir einen stark interdisziplinären Forschungsansatz, den ich in einem der nächsten Blogeinträge im Detail vorstellen möchte.

Forschung "unter einem DACH"

Wir sind also auf dem Weg nach Oberschwaben, aber warum gerade dorthin? Ganz einfach, einer unserer beiden Partner forscht hier und im nahe gelegenen Bodenseegebiet. Die Arbeitsstelle Hemmenhofen des baden-württembergischen Amts für Denkmalpflege ist ein Zentrum der Pfahlbauforschung. Außerdem gibt es hier die große Pfahlbauausstellung "4.000 Jahre Pfahlbauten" zu sehen. Unsere andere Partnergruppe ist in der Schweiz an der Universität Bern verankert. In Österreich sind die Universität Wien – hier arbeite ich – und die Universität Innsbruck an dem Projekt beteiligt. Es ist das internationale Forschungsförderungsprogramm DACH – Deutschland, Österreich, Schweiz –, das es ermöglicht, Forschergruppen aus diesen drei Ländern zusammenzubringen. In Österreich wird dieses Programm durch den FWF (Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung) finanziert und verwaltet, in Deutschland durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft und in der Schweiz durch den Schweizer Nationalfonds.

Drei Jahre lang forschen wir gemeinsam an einem Thema. Dabei hat jedes Land seinen eigenen Untersuchungsraum. Unser Untersuchungsgebiet liegt im oberösterreichischen Salzkammergut. Ein regelmäßiger Austausch über Methoden, Probleme und Resultate ist für den Fortschritt des Projekts und die Qualität unserer Forschung sehr wichtig. Genau das wird uns nun zwei Tage lang im oberschwäbischen Bad Schussenried beschäftigen.

Archäologie und Geoinformatik

Unser Arbeitstreffen befasst sich mit einem spezifischen Teilaspekt des Projekts, der Anwendung von Methoden der Geoinformatik auf die Erforschung prähistorischer Landnutzung. Hinter dieser sperrigen Umschreibung verbirgt sich Folgendes: Mit Hilfe von Geoinformationssystemen untersuchen wir die naturräumlichen Charakteristika archäologischer Fundstellen und versuchen hieraus Rückschlüsse auf die Nutzung der Landschaft durch den Menschen zu ziehen. Zeigen die Fundstellen unseres Forschungsgebiets regelhaft Bezüge zu bestimmten naturräumlichen Situationen? Liegen bestimmte Fundstellen häufig in Bereichen, die einen weiten Blick über die Umgebung ermöglichen oder in der Nähe zu besonders fruchtbaren Böden oder in verkehrsgünstigen Lagen oder bei topografischen Engstellen?

Um derartige Bezüge aufspüren zu können, arbeiten wir mit hochauflösenden Geländemodellen, historischen Karten und Luftbildern. Aus diesen Daten können wir sehr genaue Informationen über die topografische und naturräumliche Situation von Fundstellen ableiten. So kann etwa die maximal mögliche Zahl der Sonnenstunden an einem Ort berechnet werden oder das Sichtfeld um einen bestimmten Punkt. Die grundlegenden Daten für diese Untersuchungen wurden uns vom Land Oberösterreich für den Zweck wissenschaftlicher Forschung zur Verfügung gestellt.

Von Wien nach Bad Schussenried

Aber noch sind wir nicht angekommen. Das ist auch ganz gut so, denn wir haben noch einige Fragen zu besprechen und an der Präsentation sind noch letzte Details zu richten. Auf der Höhe von Mondsee diskutieren wir noch einmal die Zeiteinteilung. Wie stark stellen wir technische Aspekte, zum Beispiel bestimmte Berechnungsverfahren, in den Vordergrund? Wie viel Zeit wollen wir mit grundlegenden Themen verbringen, etwa prähistorischen Verkehrssystemen? Zwischenstopp am Chiemsee – toller Blick, Kaffee für alle – weiter geht's. Einige Stunden später kommen wir schließlich in Bad Schussenried an.

Zwei Tage lang rauchen nun die Köpfe. Wir können einige Probleme lösen und gemeinsam neue Perspektiven entwickeln. Natürlich folgen auf jede geklärte Frage mindestens zwei neue. Aber das gehört dazu und stellt einen wichtigen Bestandteil des Forschungsprozesses dar. Am Ende des Treffens haben wir alle neue Aufgaben auf unseren To-do-Listen.

"4.000 Jahre Pfahlbauten" – die Ausstellung

Und dann geht es zur Ausstellungseröffnung "4.000 Jahre Pfahlbauten". Beeindruckend, was die Kollegen da geschaffen haben! Großartige Forschungsresultate und Funde, die man auch als Archäologe nicht so oft zu Gesicht bekommt. Die Ausstellung präsentiert die faszinierende Welt der jungsteinzeitlichen und bronzezeitlichen Pfahlbauten an zwei Standorten im ehemaligen Kloster von Bad Schussenried und im Federseemuseum Bad Buchau. Ein Besuch dieser Gegend mit ihren vielen faszinierenden archäologischen Fundstellen und zahlreichen Kultur- und Naturschätzen lohnt sich allemal. (Kerstin Kowarik, 12.5.2016)

Kerstin Kowarik ist prähistorische Archäologin, arbeitet als Postdoc im Beyond-Lake-Villages-Projekt am Institut für Urgeschichte und Historische Archäologie der Universität Wien und ist auf landschafts- und umweltarchäologische Fragestellungen spezialisiert.

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Zum Thema

  • Ein rekonstruiertes Haus der Jungsteinzeit um 3800 vor unserer Zeit im Federseemuseum Bad Buchau.
    foto: kerstin kowarik

    Ein rekonstruiertes Haus der Jungsteinzeit um 3800 vor unserer Zeit im Federseemuseum Bad Buchau.

  • Auch im Federseemuseum, ein rekonstruiertes Haus der frühen Bronzezeit um 1800 vor unserer Zeit.
    foto: kerstin kowarik

    Auch im Federseemuseum, ein rekonstruiertes Haus der frühen Bronzezeit um 1800 vor unserer Zeit.

  • Unser Untersuchungsgebiet im oberösterreichischen Salzkammergut.
    daten: amt der oö landesregierung: dhm, geofabrik gmbh, openstreetmap. karte: julia klammer

    Unser Untersuchungsgebiet im oberösterreichischen Salzkammergut.

  • Blick in unser Untersuchungsgebiet mit unterschiedlichen Datentypen, im Vordergrund Lidar-Daten, Mitte Luftbild, Hintergrund Fanziszeischer Kataster.
    daten: amt der oö landesregierung: dhm, geofabrik gmbh, openstreetmap. karte: julia klammer

    Blick in unser Untersuchungsgebiet mit unterschiedlichen Datentypen, im Vordergrund Lidar-Daten, Mitte Luftbild, Hintergrund Fanziszeischer Kataster.

  • Hier rauchen die Köpfe.
    foto: kerstin kowarik

    Hier rauchen die Köpfe.

  • Auf dem Weg zur Ausstellungseröffnung im ehemaligen Kloster Bad Schussenried.
    foto: kerstin kowarik

    Auf dem Weg zur Ausstellungseröffnung im ehemaligen Kloster Bad Schussenried.

  • Das Federseemuseum Bad Buchau.
    foto: kerstin kowarik

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