Halbes Jahr nach Terror: Frankreich bleibt im Ausnahmezustand

12. Mai 2016, 08:56
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Am 13. November rissen Islamisten an fünf Orten in Paris 130 Menschen in den Tod

Mit bedächtigem, schwerem Schritt patrouillieren die drei Soldaten in ihren Tarnanzügen durch die glitzernden Gänge des Einkaufszentrums. Das Sturmgewehr haben sie geschultert, den Finger am Abzug. Kein Grund für die Mädchen vor dem Burger King, von ihren Handys aufzublicken. Auf Nachfrage hin begrüßt die eine, Dany, die Militärpräsenz. "Man muss schon auf der Hut sein. Aber man darf auch nicht ständig daran denken. Sonst wird man noch paranoid."

Von einer paranoiden Stimmung merkt man nichts im Quatre-Temps, dem größten französischen Shoppingcenter hier im Geschäftsquartier La Défense westlich von Paris. Auch hier wollten die belgischen Attentäter zuschlagen. Weil ihnen die Polizei auf die Schliche kam, improvisierten sie die Attentate im März in Brüssel.

Im Quatre-Temps herrscht geschäftiger Alltag, doch die Normalität ist nur scheinbar. Unschwer nimmt man neben den Tarnanzügen weitere Uniformen wahr: die blauen der Polizei, die schwarzen der Metro-Sicherheit, dazu orange Armbinden der Türsteher, die den Inhalt der Tragtaschen mehr oder weniger sorgfältig prüfen. Im unterirdischen Bahnhof der Metro und der Vorstadtbahn RER, wo täglich 50.000 Büroangestellte ankommen, informiert ein Comic, wie im Fall eines Terroranschlags zu reagieren sei: "Fliehen, und wenn dies unmöglich ist, sich verstecken."

12.000 Einsatzkräfte

Ein halbes Jahr nach den furchtbaren Anschlägen auf das Bataclan-Konzertlokal, die Bistro-Terrassen und das Stade de France gewöhnen sich die Franzosen an das Ungemütliche: eine anhaltende Terrordrohung. 12.000 Soldaten, Gendarmen und Sicherheitsleute sind landesweit im Einsatz. Kostenpunkt: eine Million Euro pro Tag. Der Ausnahmezustand bleibt bis Ende Juli in Kraft, nicht zuletzt wegen der anstehenden Fußball-Europameisterschaft in ganz Frankreich.

In Paris merkt man kaum etwas von den über 3000 Razzien und Hausarresten, welche die Polizei ohne richterliche Kontrolle vornimmt. Sie finden meist außerhalb der Ringautobahn statt, in den Banlieue-Ghettos. Dass sich die Kritik am Polizeivorgehen im Rahmen hält, ist das Verdienst von Innenminister Bernard Cazeneuve, dem ruhenden Pol der Terrorbekämpfung. Er hat einen schweren Job: Seine Polizei muss Präsenz markieren, um die Bürger zu beruhigen. Sie soll aber gerade auch die ausländischen Reisegäste nicht abschrecken.

Mehrheit für Notstandsregime

Seit den Charlie Hebdo-Anschlägen vom Jänner 2015 hat Cazeneuve das Antiterror-Dispositiv regelmäßig verstärkt. Nach den Brüsseler Anschlägen meinte er fast verzweifelt: "Wir können doch nicht ständig erhöhen, was bereits auf einem sehr hohen Niveau ist!"

Laut Umfragen wird das Notstandsregime weiterhin von einer klaren Bevölkerungsmehrheit unterstützt. Die ehemalige Sozialistenchefin Martine Aubry gibt zu bedenken: "Die Franzosen haben Angst, das ist normal. Sie würden auch Ja sagen, wenn man sie fragen würde, ob man Terroristen foltern sollte." Die terrorerfahrenen Pariserinnen und Pariser – die ersten "Banlieue-Terroristen" schlugen 1995 zu – bleiben bemerkenswert ruhig. "Die Frage ist nur, wo und wann der nächste Anschlag erfolgen wird", meint Loïc Garnier von der französischen Antiterrorkoordination Uclat.

Ohne zu murren, nehmen die Franzosen Lautsprecherdurchsagen hin, die betreffende Metrolinie sei eine Stunde lang unterbrochen, um ein "colis suspect", ein verlassenes Gepäckstück, zu entfernen. Im Burger King des Quatre-Temps-Zentrums räumt die Verkäuferin schulterzuckend ein, sie könne nicht jedes Mal die Polizei rufen, wenn jemand seinen Plastiksack im Lokal vergesse.

Schaden für die Wirtschaft

Wie groß der Konsumeinbruch im Einkaufszentrum nach den Terroranschlägen war – und heute noch ist -, lässt sich laut einer Sprecherin nicht festmachen. In den Pariser Hotels, wo bis Jahresende vor allem ausländische Gäste ausblieben, lagen die Übernachtungen noch am Osterwochenende um elf Prozent unter den Vorjahreszahlen. Die Pariser Tourismusbehörde spricht nicht gerne darüber.

Der französische Zivildienst organisiert Erst-Hilfe-Kurse für den Fall "massenhafter Verletzungen", auch wenn er das Wort "Terroranschläge" vermeidet. Die Kurse sind gut belegt. Man will etwas tun gegen die Bedrohung, vielleicht auch gegen die Angst. Das Thema Waffenverkäufe bleibt tabu. Sicher ist: In den Köpfen der Franzosen dauert auch der mentale Ausnahmezustand an. (Stefan Brändle aus La Défense, 12.5.2016)

  • Alltägliche Szene: Ein französischer Soldat patrouilliert vor dem Quatre-Temps, einem Shoppingkomplex in La Défense
    foto: afp / eric piermont

    Alltägliche Szene: Ein französischer Soldat patrouilliert vor dem Quatre-Temps, einem Shoppingkomplex in La Défense

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