Warum Österreicher trotz Zinsflaute am Sparbuch festhalten

16. Mai 2016, 09:00
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Die Vernunft spricht dagegen, das Gefühl dafür: Sparbücher werfen kaum Zinsen ab, erfüllen aber das Sicherheitsbedürfnis der Österreicher

Wien – Den Österreichern und ihrer Liebe zum Sparbuch droht eine ernsthafte Beziehungskrise – wenngleich nicht unmittelbar, denn gemäß einer Umfrage der Erste Bank bleibt das Sparbuch das beliebteste Anlageobjekt. Insgesamt 5500 Euro will demnach jeder Österreicher im Mittel in den nächsten zwölf Monaten auf die hohe Kante legen, für 57 Prozent der Befragten ist dafür weiterhin das Sparbuch das geeignete Produkt – obwohl man selbst mit den besten Zinsangeboten nach Abzug von Inflation und Kapitalertragsteuer kaum mehr als die Kaufkraft erhalten kann. Vor drei Jahren hielten freilich noch 70 Prozent dem Sparbuch die Treue.

"Das ist zweifellos keine Entscheidung der Vernunft", sagt Honorarprofessor Ewald Judt von der WU Wien über die nach wie vor hohe Beliebtheit des Sparbuchs – sofern man von einer kleinen Liquiditätsreserve für unerwartete Ausgaben absieht. "Aber im Geldleben sind Österreicher bekanntlich sehr konservativ."

Diesem Sicherheitsbedürfnis kommt Judt zufolge nicht zuletzt die Einlagensicherung entgegen, die bis zu einem Betrag von 100.000 Euro für Spareinlagen einsteht. "Bei allen anderen Produkten ist das nicht der Fall", folgert der Experte für Finanzmarketing, "darum nehmen Österreicher bewusst oder unbewusst Verluste nach Inflation in Kauf. Die Einlagensicherung passt einfach zur Gemütsverfassung der Österreicher."

Ein Viertel vor dem Absprung

Dies bestätigen Erhebungen der Direktbank ING Diba, wonach 68 Prozent der Österreicher den Großteil ihres Bestands an Ersparnissen auf einem Sparbuch bzw. -konto haben, bei Frauen beträgt der Anteil sogar 74 Prozent. Zur Begründung gibt die Mehrheit die Bequemlichkeit dieser Sparform an – wobei drei Viertel der Befragten erklärten, über Alternativen Bescheid zu wissen. Allerdings möchte nur gut ein Viertel diese künftig konkret in Betracht ziehen und genauer prüfen.

Obwohl zur Gründerzeit rund um den Börsenkrach von 1873 in Wien der größte Aktienmarkt der Welt beheimatet war, stehen Österreicher Unternehmensbeteiligungen skeptisch gegenüber – wegen des Verlustrisikos, wie Judt meint. Da sichere Staatsanleihen kaum Ertrag brächten, böten sich breitgestreute Investmentfonds als Alternative an, allerdings "haben die Banken die Österreicher bisher nicht überzeugen können, in Fonds anzulegen."

Kaum Finanzwissen

Zudem hält der WU-Professor das Wirtschafts- und Finanzwissen der Österreicher für "erschütternd, weil kaum vorhanden" – ein alpenländisches Spezifikum, das dem leicht verständlichen Sparbuch zugutekommt. "Selbst das Wort Kredit ist in Österreich negativ behaftet", meint Judt. Dabei stellt eine Sparbucheinlage genau genommen auch einen Kredit des Kunden an sein Geldinstitut dar.

Dennoch erwartet Judt bei andauernder Zinsflaute selbst in Österreich über die Jahre eine sukzessive Abkehr vom Sparbuch – etwa als Folge von Mundpropaganda, wenn Freunde, Bekannte oder Nachbarn von höheren Renditen anderer Anlageprodukte berichten. "Aber das wird nur sehr langsam vonstattengehen." (Alexander Hahn, 16.5.2016)

  • Alte Liebe rostet nur sehr langsam, dennoch kann auf lange Sicht eine Beziehungskrise drohen: Trotz Nullzins halten Österreicher ihrem Sparbuch noch die Treue – wenngleich unter ersten Vorbehalten.
    foto: apa/robert jaeger

    Alte Liebe rostet nur sehr langsam, dennoch kann auf lange Sicht eine Beziehungskrise drohen: Trotz Nullzins halten Österreicher ihrem Sparbuch noch die Treue – wenngleich unter ersten Vorbehalten.

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