Kaufen für den Sondermüll

12. Mai 2016, 06:00
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Nicht nur Defekte, auch psychologische Komponenten bringen Käufer dazu, häufiger ihre technischen Geräte auszutauschen. Das zeigt eine Studie des deutschen Bundesumweltamts

Viele Elektrogeräte haben eine zu kurze Lebensdauer, und Konsumenten nutzen sie auch freiwillig kürzer als noch vor wenigen Jahren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Öko-Instituts und der Universität Bonn im Auftrag des deutschen Umweltbundesamts (UBA) zu Obsoleszenz. Damit ist die Alterung eines Produktes durch natürliche oder künstliche Bedingungen gemeint. "Das Ergebnis war in den Produktgruppen unterschiedlich. Insgesamt waren aber 30 Prozent bei einer Online-Befragung mit rund 1000 Teilnehmenden mit der Lebensdauer ihrer Geräte nicht zufrieden", sagt Studienkoordinatorin Ines Oehme.

Grundlage für die Studie waren eine Befragung der Gesellschaft für Konsumforschung von 15.000 Haushalten, Daten von Sammelstellen, Laboruntersuchungen und Lebensdauertests der Stiftung Warentest aus 20 Jahren.

Die Gründe für die kürzere Nutzungsdauer haben nicht immer mit Verschleiß zu tun. Zuletzt wurde aber vor allem die geplante Obsoleszenz heftig diskutiert: Damit ist eine Designmanipulation gemeint, die die Lebensdauer eines Geräts absichtlich verkürzt. Diese konnte in der Studie aber nicht nachgewiesen werden.

Laut Studie sind auch Defekte nicht der Hauptgrund, warum Geräte häufiger ersetzt werden. Denn nur elf Prozent der Befragten gaben an, dass das Produkt viel zu kurz gehalten habe. Ein Beispiel in einer Produktgruppe ist, dass jede zehnte Waschmaschine keine fünf Jahre funktionierte. Weitere 19 Prozent kritisierten, dass sie sich eine längere Nutzungszeit erwartet hätten. Bei der Waschmaschine entspricht das acht Jahren.

Billig und "altmodisch"

Die Gründe für häufigeren Gerätetausch liegen in einer billigeren und qualitativ schlechteren Produktion und der "psychologischen Obsoleszenz" . Bei Letzterer wird die Nachfrage nach neuen Waren künstlich angefeuert. General-Motors-Präsident Alfred P. Sloan war in den 1920er-Jahren ihr Erfinder. Fast jedes Jahr wurde ein leicht verändertes Design der Autos vorgestellt. Noch funktionsfähige Modelle wirkten plötzlich altmodisch.

"Psychologische Obsoleszenz tritt heute gerade bei Produkten auf, wo noch eine starke Entwicklung stattfindet", sagt Oehme. Bei Fernsehern wurden 2012 von 60 Prozent der Verbraucher neue Flachbildfernseher gekauft. Das alte Gerät war rund 5,6 Jahre alt und hat noch funktioniert. "Das war zu einer Zeit, als größere Bildschirmdiagonalen, 3-D und höhere Auflösung kamen", so die Expertin.

Ein anderes Beispiel ist das Notebook: 2004 tauschten rund 69 Prozent ihre funktionsfähigen Geräte aus. 2012/2013 war es nur noch ein Viertel. "Der Effekt ist sichtbar. Das Notebook war technisch ausgereifter, die psychologische Obsoleszenz ging stark zurück", sagt Oehme. Andererseits trat 2012/2013 nur bei 27 Prozent der Notebooks ein Defekt auf. "Bei dem Rest handelte es sich oft um eine funktionale Obsoleszenz. Dabei ist etwa die Hardware nicht mehr für neue Programme geeignet, oder der Support wird eingestellt", so Oehme.

"Handlungsbedarf"

"Die Ergebnisse zeigen, dass es nicht an erster Stelle wichtig ist, geplante Obsoleszenz nachzuweisen. Allein aus den Daten ergibt sich Handlungsbedarf", sagt die Wissenschafterin. Die Ressourcenverschwendung durch kurze Verwendung ist enorm. Ein politischer Hebel ist die EU-Öko-Designrichtlinie, die seit 2009 gilt. "Sie ermöglicht, auf die Besonderheiten des Produkts einzugehen und zu prüfen, ob eine Mindestforderung zur Lebensdauer möglich ist", so Oehme. Bei Staubsaugern gibt es bereits die 500-Stunden-Motorlebensdauer. Auch die Reparierbarkeit müsste verbessert werden. So sei es wichtig, herstellerunabhängigen Reparaturwerkstätten den Zugang zu Ersatzteilen zu ermöglichen.

"Das Dilemma ist aber, dass oft kostengünstig, etwa in Asien, produziert wird", so Oehme. Gerade Notebooks, Waschmaschinen und TV-Geräte werden billiger, aber die Qualität leidet. Eine Reparatur wird von den Konsumenten häufig schon allein durch Anfahrt und Arbeitszeit der Handwerker als zu teuer bewertet. "Diese Kostendiskrepanz wird man leider auch mit Politikinstrumenten zur Verbesserung der Reparierbarkeit nicht wegbekommen", so Oehme. (Julia Schilly, 12.5.2016)

  • Selten sind geplante Defekte, sondern meist Modewelle und Geiz für eine immer kürzere Nutzung von technischen Geräten verantwortlich.
    foto: apa / max vetrov

    Selten sind geplante Defekte, sondern meist Modewelle und Geiz für eine immer kürzere Nutzung von technischen Geräten verantwortlich.

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