Android am Desktop, Virtual Reality: Was zur Google I/O kommt

12. Mai 2016, 17:03
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Zentrale Google-Konferenz des Jahres startet in wenigen Tagen – Künstliche Intelligenz ebenfalls im Fokus

Wirklich still steht die Entwicklung bei Google eigentlich nie. Die breite Palette an Produkten, der sich das Unternehmen – und der Mutterkonzern Alphabet – mittlerweile widmen, führt dazu, dass es fast jede Woche Neuerungen zu verkünden gibt. Die wirklich großen Ankündigungen hebt sich Google aber für einen Event der besonderen Art auf: Die jährliche Entwicklerkonferenz I/O, deren aktuelle Auflage am Mittwoch in Mountain View, Kalifornien startet.

Keynote

Aus Nachrichtensicht ist dabei vor allem die einleitende Keynote von Interesse, nutzt Google diese – heuer auf zwei Stunden ausgelegte – Veranstaltung doch üblicherweise für zahlreiche Neuvorstellungen. Was dort präsentiert werden könnte, ist entsprechend schon Wochen vorab Quell zahlreicher Spekulationen – und doch ist heuer so manches anders. Und das liegt vor allem an einem Thema, das traditionell einen Schwerpunkt der Konferenz bildet.

Android: Bereits da.

Denn während Google die I/O in den letzten Jahren immer dazu genutzt hat, um die jeweils kommende Android-Version erstmals der Öffentlichkeit zu präsentieren, wird dies heuer mit Sicherheit nicht so sein, und zwar aus einem simplen Grund: Bereits vor zwei Monaten hat der Softwarehersteller die ersten Preview-Versionen von Android N veröffentlicht, die Besitzer aktueller Nexus-Geräte sowie des Xperia Z3 aktuell bereits auf ihren Geräten testen können.

Android + Chrome OS = ?

Dass die I/O ganz ohne Android-Ankündigung auskommt, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Aus diesem Blickwinkel ist ein Bericht des üblicherweise wohl informierten Wall Street Journal interessant, der vor einigen Monaten erstmals die Runde machte. Demnach soll Google intern an einer Zusammenführung von Android und Chrome OS arbeiten. Eine erste Testversion sei für Mitte 2016 geplant, hieß es damals, die fertige Version solle dann erst 2017 folgen.

Halbes Dementi

Eine vollkommene Verschmelzung der beiden Betriebssysteme sollte man sich allerdings nicht erwarten. Android- und Chrome-OS-Chef Hiroshi Lockheimer hat mittlerweile mehrfach betont, dass das im Bildungsbereich sehr erfolgreiche Chrome OS keinesfalls aufgegeben werden soll, wie manche Beobachter vorschnell prognostiziert hatten. Es geht hier also wohl eher um die Schaffung einer gemeinsamen Basis. Die Ankündigung eines solch zentralen Umbaus würde jedenfalls auch gut erklären, warum man Android N bereits im Vorfeld vorgestellt hat, immerhin wäre die Präsentation zweier unterschiedlicher Vorschauversionen im selben Event eine eher verwirrende Message.

Chrome OS + Android = ?

Selbst wenn eine entsprechende Ankündigung auf der I/O – noch – nicht erfolgt, so scheint doch unausweichlich, dass sich Android und Chrome OS immer näher kommen. So bereitet Google derzeit den Start des Play Stores für Chrome OS vor, damit würden umgehend praktisch alle Android-Apps auch auf dem zweiten Betriebssystem des Softwareherstellers laufen. Da entsprechende Spuren bereits in Testversionen von Chrome OS zu finden sind, scheint eine Präsentation im Rahmen der I/O äußerst wahrscheinlich. Abzuwarten bleibt, ob damit auch Play Store und Chrome Webstore verschmolzen werden, oder ob diese zumindest fürs erste getrennt bleiben.

Virtual Reality

Ein Blick auf das Programm der Google I/O 2016 zeigt, wo ein anderer Schwerpunkt der diesjährigen Konferenz liegen wird: Beim Bereich Virtual Reality. Was vor zwei Jahren mit dem ersten Cardboard als kleines Experiment gestartet wurde, wird mittlerweile in einer eigenen Abteilung bei Google mit gehörigem Nachdruck weiterentwickelt. In einem aktuellen Interview ließ Googles VR-Chef Clay Bavor bereits durchblicken, woran man arbeitet.

Android-Anbindung

Die mit Cardboard eingeschlagene Low-Cost-Ausrichtung soll dabei bleiben, allerdings will Google die Möglichkeiten sowohl durch Soft- als auch Hardwareoptimierungen erweitern. Während auf der Softwareseite klar scheint, dass es sich um spezifische Erweiterungen für Android handeln dürfte, ist noch unklar, was auf Hardwareseite gemeint sein könnte. Vor kurzem tauchten dann noch Berichte auf, dass Google ein eigenes Headset mit Android VR präsentieren will. Qualitativ soll dies nicht als Konkurrenz zu Oculus Rift oder Vive verstanden werden, aber doch einen deutlich besseren Eindruck vermitteln als es bisher Cardboard oder auch Samsungs Gear VR vermögen. Vor allem aber soll es ohne externen Computer oder Smartphone auskommen, und sämtliche notwendigen Komponenten gleich mitliefern.

Tango?

Bekannt ist zudem, dass Google derzeit mit Lenovo an einem Smartphone arbeitet, in das die Technik des Projekt Tango einfließen soll, mit dem Räume über ein Set an Kameras dreidimensional erfasst und verarbeitet werden können. Eine passende Ankündigung im Rahmen der I/O ist aber nicht zu erwarten, hat Lenovo doch für Anfang Juni einen eigenen Launch-Event angesetzt.

Künstliche Intelligenz, überall

In einem Blogeintrag hat Google-Chef Sundar Pichai erst vor wenigen Tagen ein Thema hervorgehoben, in dem er die Zukunft des Unternehmens sieht: Künstliche Intelligenz. Nicht nur deswegen sind auch in dieser Hinsicht einige Ankündigungen zu erwarten. So wurde schon vor Monaten gemunkelt, dass Google – wieder einmal – an einem neuen Messenger arbeitet, bei dem Bots eine zentrale Rolle spielen sollen. Ähnlich wie Facebook oder Microsoft sieht man also in solch intelligenten Assistenten, über die allerlei Alltagsaufgaben abgewickelt werden können, die Zukunft. Bleibt abzuwarten, wie man sich hier von der Konkurrenz abheben will, immerhin arbeitet mittlerweile fast jeder Messenger-Anbieter an solchen Services und den zugehörigen Bot-Stores.

Neuronale Netzwerke

Wenn das letzte Jahr eines gezeigt hat, dann dass Google die Möglichkeiten des Maschinenlernens auf so viele Bereiche wie möglich anwenden will. Insofern könnte es auch für andere Produkte aus dem weiten Google-Universum wieder entsprechende Upgrades geben, Google Photos oder der Mail-Client Inbox nutzen solche Funktionen ohnehin schon eine zeitlang. Auch für die Sprachsuche von Google könnte es weitere solcher "intelligenten" Updates geben – also zumindest wenn die KI des Konzerns nicht all zu sehr mit dem Lesen von Herz-Schmerz-Schmonzetten beschäftigt ist.

Enterprise und Cloud

Neben Künstlicher Intelligenz hegt Google noch in einen zweiten Bereich große Hoffnungen, soll dieser doch die finanzielle Abhängigkeit vom Werbegeschäft reduzieren: Die Enterprise-Sparte und hier vor allem das Cloud-Geschäft. Allerdings hat Google Ankündigung für diese Ecke seiner Angebote üblicherweise jenseits der I/O vorgenommen. Insofern sollte man in dieser Hinsicht nicht all zu viel von der Konferenz erwarten.

China?

Seit gefühlten Ewigkeiten steht ein anderes Thema auf der Warteliste von Google. Bereits im Vorjahr hatte Sundar Pichai ganz offiziell zu Protokoll gegeben, dass man an einer – teilweisen – Rückkehr in den chinesischen Markt arbeitet. Vor allem den Android Play Store würde Google auch in China gerne anbieten. Angesichts der bekannt schwierigen Verhandlungen mit dem chinesischen Staat ist es allerdings praktisch unmöglich zu prognostizieren, wann – und ob überhaupt – Google einen solchen Schritt verkünden kann.

Viele offene Fragen

Ebenfalls für Neuankündigungen sind andere Bereiche des Google-Geschäfts wie Android Wear, Google Cast / Android TV oder auch Youtube gut. Bisher gibt es aber keinerlei konkrete Hinweise in diese Richtung. Unklar ist einmal mehr, wie es mit Googles Bestrebungen im Bereich Smart Home weitergeht, vielleicht liefert die Konferenz auch auf diese Fragen eine Antwort. Ein Konkurrent zu Amazons Echo würde sich jedenfalls geradezu aufdrängen, mit Google Now und dem OnHub-Routern hätte man die nötigen Komponenten auch bereits weitgehend zur Hand. Zuletzt hieß es denn auch tatsächlich, dass Google unter dem Codenamen "Chirp" an einem solchen Gerät arbeitet, allerdings solle dies erst in den Monaten nach der I/O vorgestellt werden.

Alphabet

Auch muss sich erst zeigen, ob Google die I/O wirklich als reine Google-Konferenz anlegt oder doch auch Schwesterunternehmen aus dem Alphabet-Universum einlädt. Wäre das nämlich der Fall könnten noch einige andere Themen auf der Agenda stehen – von der globalen Internetversorgung bis zu selbstfahrenden Autos.

Mitschauen, vormerken, dabei sein.

Einen Vorteil hat die ungewohnt dünne Informationslage im Vorfeld jedenfalls: Die I/O 2016 verspricht deutlich mehr Überraschungen als die letzten Ausgaben der Konferenz. Insofern lohnt es sich für an diesen Themen interessierte Leser und Leserinnen natürlich um so mehr, die Berichterstattung dazu genau zu verfolgen. Da trifft es sich gut, dass der STANDARD auch heuer wieder vor Ort ist, um in aller Ausführlichkeit über all die Neuvorstellungen zu berichten. Dabei übernehmen wir auch wieder den Live-Stream der Keynote (Mittwoch 18. Mai, 19:00 MESZ) um die Möglichkeit zu bieten, die Ankündigungen gleich mit anderen live im Forum zu diskutieren. (Andreas Proschofsky, 12.5.2016)

  • Die Google I/O findet heuer erstmals direkt neben Googles Konzernzentrale in Mountain View statt.
    foto: reuters/stephen lam

    Die Google I/O findet heuer erstmals direkt neben Googles Konzernzentrale in Mountain View statt.

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