Russlands kältester Busen als Wärmequelle

11. Mai 2016, 13:56
58 Postings

Russland will seine Reichweite als Gaslieferant vergrößern. Ein milliardenschweres Projekt im hohen Norden soll helfen. Die Herausforderungen sind gewaltig

Es ist eng geworden auf Jamal im äußersten Norden Sibiriens. Dort, wo vor wenigen Jahren noch die Rentierherden der Nomadenvölker einsam auf Nahrungssuche umherstreiften, haben sich nun Russlands Gaskonzerne breitgemacht. An Gas ist die russische Halbinsel direkt hinter dem Uralgebirge reich: Insgesamt werden auf Jamal 22 Billionen Kubikmeter Gas vermutet. Das würde reichen, Österreichs Verbrauch etwa 3.000 Jahre lang zu decken. Tatsächlich wird bereits Gas von Jamal nach Europa geliefert.

Doch Russland will seine Gaslieferungen diversifizieren. LNG (Liquefied natural gas, Flüssigerdgas) heißt die Zauberformel dafür. War Erdgas in der Vergangenheit an Pipelines gebunden, kann es nun flüssig mit großen Tankern um die halbe Welt gefahren werden. China steht als Großabnehmer schon bereit. Novatek, die Nummer Zwei unter Russlands Gasriesen, ist für das Projekt Jamal SPG verantwortlich und stampft dafür nun das gewaltige Projekt aus dem Dauerfrostboden.

27 Milliarden Dollar auf Eis

Auf 27 Milliarden Dollar werden die Kosten insgesamt geschätzt. Wegen der westlichen Sanktionen im Finanzsektor mussten die Aktionäre – neben Novatek (50,1 Prozent) sind das noch Total und CNPC (je 20 Prozent) sowie der chinesische Silk Road Fund (9,9 Prozent) – einen Großteil selbst stemmen. Hinzu kamen Gelder aus dem russischen Wohlstandsfonds und ein chinesischer Kredit, sodass die Finanzierung laut Dmitri Monakow, Vizedirektor von Jamal SPG, sichergestellt ist. Da ein Großteil des Gases bereits über Langzeitverträge verkauft sei, gebe es keine wirtschaftlichen Bedenken, versicherte er.

Die finanziellen Parameter sind nicht das einzig frappierende am Projekt: Das Gasfeld Juschno-Tambejskoje (Tambejskoje Süd), das mit 926 Milliarden Kubikmetern an erkundeten Vorräten Ressourcenbasis ist, liegt – seinem Namen zum Trotz – nördlich des 70. Breitengrades. Selbst Anfang Mai herrscht hier mit minus zehn Grad Dauerfrost. Auf dem Ob-Busen, der unweit des künftigen Hafens Sabetta in die arktische Karasee mündet, treiben dicke Eisschollen. "Erst vor einigen Wochen ist eine Eisbärenfamilie vorbeigekommen", erzählt der stellvertretende Bauleiter Roman Gurjanow.

Trotz menschenfeindlicher Bedingungen arbeiten und leben hier im Schichtbetrieb über 15.000 Menschen. Die meisten von ihnen kommen aus Sibirien, wie Alexej, den es aus Nischnewartowsk nach Sabetta verschlagen hat. "Hier ist es genau so kalt, aber noch viel windiger", sagt er. Immerhin ab minus 32 Grad und starkem Wind hat auch die Bauleitung ein Einsehen: "Wenn es darunter geht, werden die Arbeiten eingestellt", sagt Gurjanow. Zu oft ist das bisher nicht passiert, denn "Jamal SPG" liegt – für ein Großprojekt selten – zeitlich im Plan.

Versorgung als Herausforderung

Leicht ist es nicht. Allein die Versorgung der Arbeiter ist eine Herausforderung, denn in der Tundra wachsen nur Moose und Flechten. Davon werden höchstens Rentiere satt, die sich durch den Schnee graben – doch deren Zeit scheint abgelaufen. Seit die "Gasowiki", die Männer von den großen Gaskonzernen, immer mehr Platz für Bohrungen auf Jamal beanspruchen, sind Weideflächen knapp geworden. Für die neuen Herren der Tundra muss der Proviant ebenso auf dem Seeweg herbeigeschafft werden wie die Baumaterialien für die LNG-Anlage. Mehr als drei Millionen Tonnen wurden 2015 in Sabetta bereits abgefertigt.

Wenn die Anlage 2017 – zunächst mit einer von drei Produktionslinien – in Betrieb geht, soll über Sabetta auch das LNG verschifft werden. Jede Fertigungslinie hat eine Kapazität von 5,5 Millionen Tonnen pro Jahr. Die Zahl der Gastanker, die durch die Arktis dümpeln, steigt damit sprunghaft an. Im Sommer sollen sie dann durch die bis vor wenigen Jahren noch unpassierbare Nordostpassage fahren, um den Seeweg nach China von 36 (mit dem Umweg über Europa) auf 17 Tage zu drücken. Sicherheit und Umweltverträglichkeit der Transporte zu gewährleisten, dürfte eine weitere Mammutaufgabe werden. (André Ballin aus Sabetta, 11.5.2016)

Die Reise nach Sibirien erfolgte auf Einladung von Novatek.

  • Minus zehn Grad Anfang Mai: Die Arbeitsbedingungen im hohen Norden Sibiriens sind ausladend. Von hier aus sollen Tanker ab 2017 Flüssiggas in die halbe Welt verschiffen. Derzeit wird trotz großer Kälte fieberhaft an der Erschließung der Gasfelder gearbeitet.
    foto: ballin

    Minus zehn Grad Anfang Mai: Die Arbeitsbedingungen im hohen Norden Sibiriens sind ausladend. Von hier aus sollen Tanker ab 2017 Flüssiggas in die halbe Welt verschiffen. Derzeit wird trotz großer Kälte fieberhaft an der Erschließung der Gasfelder gearbeitet.

Share if you care.