Weshalb sich Unternehmen (nicht) verändern

12. Mai 2016, 07:30
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Ein Forschungsprojekt der FH Wien untersucht, was Unternehmen dazu bringt, sich neu zu erfinden

Wien – Werden Misserfolge kritisch analysiert? Wird erkannt, wenn Arbeitsabläufe veraltet sind? Werden Stärken und Schwächen schonungslos aufgedeckt? Wird neues Wissen von außerhalb verwendet? Diese Fragen sollten nicht nur in den Parteigremien der beiden Regierungspartner gestellt werden. Denn: Es geht um Veränderung. Und die ist nicht leicht zu bewerkstelligen – weder in der Politik noch in der Wirtschaft.

Was Klein- und Mittelbetriebe (KMU) benötigen, um sich laufend zu verändern, wollen Christina Schweiger und Barbara Kump in einem Forschungsprojekt der Fachhochschule Wien der Wiener Wirtschaftskammer herausfinden. Ziel ist es, konkrete Methoden zur Diagnose und auch zur Förderung dieser Veränderungsfähigkeiten zu finden und in der Praxis zu erproben.

Die Idee zu dem Projekt haben Christina Schweiger vom Institut für Unternehmensführung und Barbara Kump (Institut für Personal & Organisation) in der Kaffeeküche ausgeheckt. Ausgestattet mit 650.000 Euro von der Forschungsförderungsgesellschaft FFG ging es in der Startphase des Projekts zunächst um die Entwicklung eines Diagnoseverfahrens, um die Veränderungskompetenz von Unternehmen beurteilen zu können – die anfangs erwähnten Fragen gehören dazu.

Kollektive Einstellung

Mit diesem Verfahren sollen unter anderem die Fähigkeiten zur Reflexion (Motto: "Wir denken über uns nach"), zur Strategieentwicklung ("Wir wissen, wo wir hinwollen") und zur Planung ("Wir können Veränderungen planen") gemessen werden. "Ergänzend zu diesem Test, der mittels Onlinefragebogen durchgeführt wird, gibt es Interviews mit den Mitarbeitern", sagt Schweiger.

Erste wichtige Erkenntnis: Jedes Unternehmen hat seinen ganz eigenen Zugang zur Veränderung – die Forscherinnen sprechen von der Veränderungslogik, die die kollektive Einstellung im Unternehmen bestimmt und beispielsweise vorgibt, wer überhaupt Vorschläge für Produktinnovationen einbringen darf.

Insgesamt 20 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen – darunter IT und Bau – haben sich bisher an dem Projekt beteiligt und einen Einblick in ihre Abläufe gewährt. Der Onlinefragebogen zur Einschätzung dieser Veränderungslogik steht KMU nun über die Website des Forschungsprojekts zur Verfügung. "Damit können jene blinden Flecken gefunden werden, die Veränderungen erschweren", sagt Schweiger.

Diese Analyse, weshalb Veränderungen in der Firma auf diese oder jene Art- oder auch gar nicht – passieren, ist aber nur die Pflicht. Die Überwindung der erkannten Blockaden ist die Kür, die folgen sollte. Und da zeigt sich, dass oftmals auf der Führungsebene begonnen werden muss.

Eine Frage des Führungsstils

"Die Adaptierung des Führungsstils ist eine wichtige Maßnahme", erläutert Schweiger. Auf gut Deutsch: Der Geschäftsführung muss bewusst gemacht werden, dass sie vorgibt, wie sich die Mitarbeiter gegenüber Veränderungen verhalten sollen. "Die Führungskräfte sind vor allem in KMU ein wichtiger Hebel." Gerade in Familienbetrieben ist aber der Spagat zwischen Bewahren und Erneuern nicht leicht.

Widerstand gegenüber Änderungen ist allerdings in allen Branchen und Bereichen so gut wie unvermeidbar – und dieser äußert sich nicht selten in Klagen über mangelhafte Kommunikation. Die Behauptung, man sei über Veränderungsprozesse nicht informiert worden, ist eine typische Reaktion und ein Zeichen der allgemeinen Verunsicherung.

Eine allgemein gültige Ableitung, wie sich Organisationen bezüglich ihrer Fähigkeiten zur Veränderung verhalten sollten, ist dennoch nicht möglich, betont Schweiger. "Ein Regelwerk lässt sich nicht aufstellen, weil jede Organisation anders tickt. Wichtig ist es, eine veränderungsfreudige Struktur zu schaffen." Diese wollen die beiden FH-Professorinnen mit Konzepten für Workshops und Trainings fördern.

Das Projekt, das noch bis Mai kommenden Jahres läuft, wird in der Lehre an der FH Wien eingesetzt und soll in ein Folgeprojekt münden. Die abschließenden Erkenntnisse sollen aber nicht nur der Wissenschaft dienen, sondern auch in der wirtschaftlichen Praxis zum Einsatz kommen. "Wir wollen konkreten Nutzen schaffen", sagt Schweiger. Schade eigentlich, dass dies nicht für die Politik gedacht ist – der Bedarf wäre mit Sicherheit gegeben. (Robert Prazak, 12.5.2016)

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