Film über Peggy Guggenheim: Kunst im Bett

17. Mai 2016, 09:00
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Sie drehte sie einen Film über die Kunstsammlerin. Ein Treffen mit Regisseurin Lisa Immordino-Vreeland

La americana pazza" wurde sie genannt – die amerikanische Verrückte. Als Peggy Guggenheim kurz nach dem Zweiten Weltkrieg von New York nach Venedig zog und dort in einem Palazzo aus dem 18. Jahrhundert ihre Zelte aufschlug, war die Lagunenstadt um eine Attraktion reicher. Die Bootsanlegepfosten ihres Domizils ließ sie in Dior-Blau streichen, der Farbe ihres Lieblingsmantels. Venezianer verwenden normalerweise die Farben ihres Familienwappens.

Es sind Geschichten wie diese, die sich bis heute um Peggy Guggenheim ranken: die amerikanische Erbin, deren Onkel Salomon sich mit dem spiralenförmigen Museum am Central Park ein Denkmal setzte, aber die Kunst, die seine Nichte sammelte, nie ernst nahm; die Kunstversteherin und Männerverschlingerin, deren Amouren das Who's who der damaligen Kunstwelt umfasst; die Lhasa-Dog-Liebhaberin und Trägerin exzentrischer Sonnenbrillen.

Im dicken Pelzmantel saß sie im Garten ihres venezianischen Palazzo – umringt von einer der eindrucksvollsten Sammlungen zeitgenössischer Kunst. Stilikone hat man sie genannt, doch wenn man den Film, den Diana Immordino-Vreeland über Guggenheim drehte, sieht, dann rätselt man, ob diese Bezeichnung wirklich hinhaut.

Immordino-Vreeland ist für ein paar Tage nach Europa gekommen, um ihren Film zu promoten. Jetzt sitzt sie in einem nüchternen Sessel in den schmucklosen Räumen des Filmverleihs in Berlin und windet sich angesichts des Wortes "Stilikone".

Diana Immordino-Vreeland: Ich denke nicht, dass Peggy Guggenheim ein sonderliches Gespür für Mode hatte. In ihrer leicht skurrilen Art sah vieles an ihr originell aus. Man muss wissen, dass sie zeit ihres Lebens über ihr Aussehen besorgt war, vor allem über ihre Figur, als sie älter wurde. Auf Filmaufnahmen sieht man, wie unsicher sie sich fühlte.

STANDARD: Aber dennoch war sie – von Max Ernst über Samuel Beckett bis zu Wassily Kandinsky und John Cage – mit einigen der spannendsten Männer ihrer Zeit liiert.

Immordino-Vreeland: Sie sprach sehr offen darüber. In ihrer Autobiografie erzählt sie, dass sie sieben Abtreibungen hatte. Ihr Umgang mit Männern entsprang einem Gefühl von Freiheit. Treue war kein Konzept, das sie kannte. Sex war eine Form der Selbstbestätigung. Es braucht viel Stärke für eine Frau, so zu leben. Aber das hatte etwas sehr Attraktives.

"Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst" ist der zweite Film, den Immordino-Vreeland in den vergangenen Jahren drehte. Wieder ist es eine Frau aus einer längst versunkenen Zeit, gleichermaßen schillernd und spleenig, die sich gegen die Konventionen einer bürgerlichen Gesellschaft stellte.

Der erste Film galt der Großmutter ihres Mannes, Diana Vreeland, der legendären Moderedakteurin des Harper's Bazaar und späteren Chefredakteurin der amerikanischen Vogue (1962-1972). Einer Vorgängerin von Anna Wintour, jener Frau, die am liebsten Prada trägt und von genau so vielen Machtallüren wie Mythen umrankt ist.

Vreeland stand ihr diesbezüglich kaum nach: Auch sie war eine sagenumworbene Impératrice des guten Stils, geistreich, unkonventionell, aus gutem Haus. Als die Jugendkultur der 1960er aufpoppte, fand sie durch Vreeland Einzug in die Vogue. "Hauptsache, nicht langweilig" war eines ihrer Mottos, "Hauptsache, anders" .

Sowohl Vreeland als auch Guggenheim ging es darum, sich neu zu erfinden. Beide kamen aus sehr traditionsreichen Familien, beide wollten aus ihnen ausbrechen. Guggenheim kam aus einer unheimlich reichen jüdischen Familie mit sehr strengen Regeln, Vreeland aus der amerikanischen High Society.

STANDARD: Die eine fand ihre Berufung in der Kunst, die andere in der Mode. Das lag alles andere als nahe, oder?

Immordino-Vreeland: Frauen aus dieser Schicht hatten damals nicht zu arbeiten. Sie wurden auf die Rolle von Gesellschaftsdamen reduziert. Als Carmen Snow, die Chefredakteurin des Harper's Bazaar, Vreeland bei einer Tanzveranstaltung sah, gefiel ihr deren Outfit. Das war der Grund, warum sie ihr einen Job anbot. Die Reaktion von Vreeland war bezeichnend: Vor dem Mittagessen, sagte sie, habe sie sich noch nie angezogen.

STANDARD: Gab es so etwas wie Vorbilder?

Immordino-Vreeland: Nein, Frauen hatten damals keine Ambitionen zu haben.

STANDARD: Wurden sie selbst zu Vorbildern?

Immordino-Vreeland: Wenn, dann wohl eher Vreeland, sie war eine Frau, die andere stark inspirierte. Ich habe vor ein paar Tagen Lauren Hutton in einem Restaurant in New York getroffen. Sie erzählte mir, dass sie bei Partys in ihrer Jugend Vreeland nicht von der Seite wich. Aus dem einfachen Grund, weil Vreeland das schillernde Zentrum jeder Gesellschaft war. Guggenheim mag vielleicht heute ein Vorbild für Frauen sein, damals sicher nicht.

Persönlich kennengelernt hat Immordino-Vreeland weder Guggenheim (gestorben 1979) noch die Großmutter ihres Mannes (gestorben 1989). Der Film über die große Kunstmäzenin basiert auf dem letzten, bisher unveröffentlichten Interview, das Guggenheim gegeben hat, jener über Vreeland auf einem Gespräch mit ihrem Biografen. Beide Dokumentationen sind keine Mode- oder Stilfilme geworden. Es geht darum, wie Frauen einer, ihrer Leidenschaft an der Grenze des gesellschaftlich Erlaubten frönen.

Immordino-Vreeland hat viele Jahre selbst in der Mode gearbeitet, ihr Mann war lange für die Kommunikation bei Ralph Lauren zuständig. Ihre Doku über die Großmutter ihres Mannes kann als Kritik an einem von Konglomeraten dominierten Modesystem gesehen werden, jener über Guggenheim als Kritik an einem von Geld korrumpierten Kunstsystem.

Immordino-Vreeland: Vreeland war anders als Modejournalisten heute. Sie hatte Geschichtswissen, sie besaß Intelligenz und Humor. Ich frage mich, wie viel Geschichtsbewusstsein wir heute noch haben.

STANDARD: Was würde Vreeland über die heutige Modewelt denken?

Immordino-Vreeland: Sie würde versuchen, damit zurechtzukommen. Das war immer ihr Ansatz. Ich bin sicher, dass sie bei den großen Modekonzernen äußerst beliebt wäre. Sie war eine tolle Kommunikatorin, und darum geht es in diesem Business.

STANDARD: Und was hätte Guggenheim über die heutige Kunstwelt gedacht?

Immordino-Vreeland: Sie würde angesichts der Preise mit den Augen rollen. Bereits in den 60ern beklagte sie sich über die Summen, die für Kunst verlangt wurden. Sie konnte das nicht verstehen, ihr Fokus lag auf dem Kunstwerk selbst. Als Andy Warhol sie eines Tages bat, ihre Sammlung in Venedig besuchen zu dürfen, sagte sie Nein. Er verkörperte eine Entwicklung, die sie nicht mochte.

Guggenheims Sammlung steht für eine andere Zeit: Es war Marcel Duchamp, der Guggenheim die Avantgarde näherbrachte und sie bei der Eröffnung ihrer ersten Galerie in London (1938) beriet. Sie zeigte Cocteau, Kandinsky, Tanguy. Als sie während des Krieges nach New York zurückkehrte und die legendäre Galerie Art of This Century eröffnete, war dort auch das erste Mal Jackson Pollock zu sehen. Ihn stattete sie mit einem kleinen Stipendium aus, auch wenn sie im Film freimütig bekennt, dass sie keine Ahnung hatte, wie er von der kleinen Summe leben konnte.

So großzügig Guggenheim im Umgang mit Geld war, so kleinmütig war sie als Gastgeberin. Bei Abendessen schenkte sie den billigsten Wein aus. In ihrem Palazzo in Venedig kredenzte sie die knausrigsten Speisen. Spleen und Originalität gingen bei Guggenheim Hand in Hand.

"Sie tat das, worauf sie Lust hatte", sagt ihre Film-Biografin. Sie kaufte die Kunst, die ihr gefiel – und schlief mit den Männern, die die Kunst geschaffen hatten. (Stephan Hilpold, RONDO, 17.5.2016)


nfp marketing & distribution*

"Peggy Guggenheim – Ein Leben für die Kunst" läuft ab 13. Mai in ausgewählten Kinos.

Diana Vreeland: "The Eye has to Travel" ist über Amazon beziehbar

Die Reise nach Berlin wurde teilweise vom Verleiher finanziert.

  • Ausnahmsweise ist sie hier ohne ihre geliebten Hunde abgelichtet – und in unauffälligem Äußerem: Peggy Guggenheim.
    foto: polyfilm

    Ausnahmsweise ist sie hier ohne ihre geliebten Hunde abgelichtet – und in unauffälligem Äußerem: Peggy Guggenheim.

  • Sie gehört zu den  ungewöhnlichsten  Moderedakteurinnen aller Zeiten: Als Diana Vreeland  im "Harper's Bazaar" und  der US-"Vogue" werkte, bestimmte sie den Stil der Zeit.
    foto: getty / evelyn hofer

    Sie gehört zu den ungewöhnlichsten Moderedakteurinnen aller Zeiten: Als Diana Vreeland im "Harper's Bazaar" und der US-"Vogue" werkte, bestimmte sie den Stil der Zeit.

  • Regisseurin Immordino-Vreeland und ihr Mann haben vor kurzem mehrere Diana-Vreeland-Parfums herausgebracht. Sie sind in bei Oxa Beauty, Werdertorgasse 4, 1010 Wien, zu erwerben.
    foto: ivo kocherscheidt

    Regisseurin Immordino-Vreeland und ihr Mann haben vor kurzem mehrere Diana-Vreeland-Parfums herausgebracht. Sie sind in bei Oxa Beauty, Werdertorgasse 4, 1010 Wien, zu erwerben.

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