Lanzarote: Dramatisches Museum am Meeresgrund

Video13. Mai 2016, 07:50
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Der britische Künstler Jason deCaires Taylor versenkt lebensgroße Betonfiguren im Meer. Das ist Kunst, die Korallen wie Taucher anlockt

Sie gehen alle in dieselbe Richtung, mit geschlossenen Augen. Hier und da wachsen flaumige Algen auf Hinterköpfen oder Handrücken. Auch Kalkröhrenwürmer haben die Figuren besiedelt. Kleine, weiße Röhren überziehen Gesichter wie Denkfalten. Fische nähern sich neugierig, Kraken verstecken sich in Armbeugen.

Seit 1. März stehen die Skulpturen des Museo Atlántico, des Unterwassermuseums von Lanzarote, auf dem Meeresgrund. Schon erobert sie das Meer, die grauen Figuren werden bunter. Bald sollen auch Korallenlarven auf den versenkten Plastiken Halt finden, ein neues Riff könnte entstehen, hier, 140 Kilometer vor Marokko.

foto: cact lanzarote / jason decaires
Das Unterwassermuseum ist ein Work in Progress.

Der britische Künstler Jason deCaires Taylor spielt mit diesen Effekten. Sein Unterwassermuseum ist Work in Progress, die Natur Co-Autor. Das Endergebnis werden wohl erst unsere Nachkommen sehen. "Wir sind aus dem Meer entstanden, ich gebe ihm symbolisch etwas zurück", erzählt der 42-Jährige in seinem Studio im Yachthafen von Playa Blanca. "Die Menschen sollen erkennen, welch' heiliger Ort das Meer ist."

foto: cact lanzarote / jason decaires
60 Figuren wurden schon versenkt ...

300 lebensgroße Skulpturen sollen diese Botschaft vermitteln. 60 sind schon versenkt, in zwölf Metern Tiefe auf dem sandigen Grund vor Lanzarotes Südküste. Sie sind aus pH-neutralem Beton gefertigt, der der Umwelt nicht schadet und Jahrhunderte halten soll.

foto: cact lanzarote / jason decaires
... 300 sollen es werden.

Eine Fläche von 50 mal 50 Metern hat die spanische Küstenbehörde dem Kunstprojekt zur Verfügung gestellt, vor dem Strand Las Coloradas. Man kann sie tauchend oder schnorchelnd besuchen. Geplant sind auch Besuche in Glasboden-Booten und U-Booten. Die Insel will aber zuerst abwarten, wie sich die Besucherzahlen entwickeln. "Wir wollen keinen Massenandrang", sagt José Juan Lorenzo von der Inselregierung, "wir lassen maximal zwölf Besucher gleichzeitig runter."

Gespenstische Wirkung

Sechs Figurengruppen zeigen derzeit Szenen von der Kanareninsel, ihrer Natur, ihrer Bewohner und eigentlich der gesamten westlichen Gesellschaft. Menschen aus mehr als 30 Ländern leben auf Lanzarote. Ein Viertel der 143.000 Einwohner kommt von außerhalb. Manche Figuren vermitteln Harmonie, die meisten Spannung. Sie lassen viele erschaudern, beim Tauchen oder beim Betrachten der Fotos, wegen der gesellschaftskritischen Botschaft und der gespenstischen Wirkung.

foto: cact lanzarote / jason decaires
Eine Fläche von 50 mal 50 Metern hat die spanische Küstenbehörde dem Kunstprojekt zur Verfügung gestellt, vor dem Strand Las Coloradas.

La Balsa de Lampedusa (Das Schlauchboot von Lampedusa) zeigt ein kleines Boot, in dem afrikanische Flüchtlinge sitzen. Die Kanaren waren lange ihr Tor nach Europa, regelmäßig kamen sie von Marokko oder Mauretanien und landeten an den Stränden des Archipels. Die Skulptur Contenido (Inhalt) besteht aus einem gesichtslosen Paar, das ein Selfie macht. Es steht neben dem Flüchtlingsboot und soll "die Selbstbezogenheit unserer Gesellschaft zeigen", sagt deCaires Taylor.

foto: cact lanzarote / jason decaires
La Balsa de Lampedusa (Das Schlauchboot von Lampedusa) zeigt ein kleines Boot, in dem afrikanische Flüchtlinge sitzen.

Las Esculturas Híbridas (die Hybridskulpturen) bestehen aus Menschen, deren Unterkörper Kakteen sind. Die 16-jährige Sira Sanz aus Madrid war eine der ersten Besucherinnen des Museums. Besonders faszinierend fand sie einen kahlen Baum, zwischen dessen Ästen sich ein Schwarm kleiner Fische tummelte. "Sie sahen aus wie Blätter", sagt sie.

foto: cact lanzarote / jason decaires
Las Esculturas Híbridas (die Hybridskulpturen) bestehen aus Menschen, deren Unterkörper Kakteen sind.

Die Figurengruppe El Rubicón schließlich ist benannt nach dem Yachthafen in der Nähe des Museums. Die Hafenanlage wurde ohne Genehmigung gebaut und erst 2003, kurz vor Bauende, legalisiert. Sie zeigt 35 Menschen, die blind in dieselbe Richtung gehen: Manche lesen, andere telefonieren. Es sind Abgüsse von Menschen, die in der Marina Rubicón arbeiten oder leben.

foto: cact lanzarote / jason decaires
Die Figuren wirken gespenstisch und ...

Silvana Ciocci zum Beispiel. Die 36-jährige Argentinierin kam vor zwölf Jahren auf die Insel. Sie betreibt mit ihrem Mann in der Nähe des Künstlerstudios ein Restaurant. "Ich habe mich angeboten", sagt sie, "denn Jason kannte niemanden, keiner wollte mitmachen." Ciocci findet die Vorstellung aufregend, auf jener Insel verewigt zu sein, auf der sie sterben will.

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... surreal.

Ismael Cedrés, 68-jähriger Einheimischer, hat als Kellner gearbeitet. Auch seine Statue steht auf dem Meeresgrund. "Das Museum bringt neue Besucher", sagt er, "wir leben vom Tourismus." Er erinnert sich an seine Kindheit in dem Dorf Yaiza. "Selbst wenn wir Geld gehabt hätten, hätten wir nichts kaufen können", sagt er, "es gab keine Geschäfte." Den Wandel zur Urlaubsinsel, die fast zweieinhalb Millionen Urlauber im Jahr empfängt, findet er gut.

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Die Figurengruppe El Rubicón ist benannt nach dem Yachthafen in der Nähe des Museums.

Die Inselverwaltung von Lanzarote finanziert das Museum mit 700.000 Euro. Anfang 2017 soll es komplett sein. Lanzarote ist seit 1993 Biosphärenreservat. Die kanarische Insel hat sich, trotz einiger Touristenzentren an der Ost- und Südküste, als Region für Kunst und Natur einen Namen gemacht. In acht Orten kann man diese Symbiose besonders gut sehen. Sie haben sich zum Zentrum für Kunst, Kultur und Tourismus (Cact) zusammenschlossen und wurden zum Teil von César Manrique gestaltet. Manrique war ein einheimischer Künstler, Architekt und Umweltaktivist, der in den 1980er-Jahren gegen die Bebauung der Küsten und gegen Korruption ankämpfte. Er hat Aussichtspunkte gestaltet, Kakteengärten angelegt und in der immer noch köchelnden Timanfaya-Region an der Westküste ein Panoramarestaurant in die Landschaft eingepasst.

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César Manrique ist seit 24 Jahren tot, fast alle Besucher kennen die Insel-Highlights. Das Museo Atlántico zeigt nun eine neue Facette: Lanzarotes Unterwasserwelt. Die ist zwar schon jetzt bei Tauchtouristen beliebt, mehr 100.000 kommen pro Jahr. Nun wird die Zahl wohl noch wachsen. Rund 20 Tauchschulen haben die Zulassung, ihren Kunden das Museo Atlántico zu zeigen.

Im Riff aufgewachsen

Seit zehn Jahren baut deCaires Taylor Unterwasserskulpturen, an der Westküste der Antilleninsel Grenada, vor der Küste von Cancún in Mexiko oder nun im Zentralatlantik der Kanaren. Ein Kunsthändler habe ihn hierhergebracht, erzählt er, und die karge, dunkle Vulkaninsel habe ihm sofort gefallen. Aufgewachsen ist der Sohn eines Briten und einer Guyanerin in Südengland und Asien, wo er als Kind zwischen Korallenriffen tauchte. Studiert hat er in London an der Universität der Künste.

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Schon als Student habe er von Unterwasserkunst geträumt, aber es fehlten damals das Geld und der Auftraggeber,erzählt er in seinem Studio. Es steht auf der Felsküste, hat große Fenster und eine Veranda zum Meer hin. "Wir gehören zur Generation des Klimawandels", sagt deCaires Taylor, "wir haben eine große Verantwortung." Dann setzt er sich Kopfhörer und Mundschutz auf und schaltet den Betonmischer ein. (Brigitte Kramer, Rondo, 13.5.2016)

Anreise & Unterkunft

karte: der standard

Anreise: z. B. Direktflüge Wien-Lanzarote mit Air Berlin.

Unterkunft: z. B. Los Jameos Playa in Puerto del Carmen: www.los-jameos-playa.de

Museum: Der Besuch des Museo Atlántico ist nur in Koordination mit einem Tauchzentrum möglich, z. B. lanzaroteoceansdivers.com

Die Reise erfolgte auf Einladung von www.turismolanzarote.com und www.tourspain.es

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