Unsere Koalitionswünsche prägen unser Wahlverhalten

Blog11. Mai 2016, 08:56
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Koalitionen mit der FPÖ sind nur bei FPÖ-Anhängern richtig beliebt

In parlamentarischen Systemen mit proportionalem Wahlrecht sind Koalitionen die Regel. Meist verfügt in solchen Systeme keine Partei über eine absolute Mandatsmehrheit, daher werden Regierungen für gewöhnlich aus zwei oder mehr Parteien gebildet.

Die erste Grafik zeigt, dass in Europa seit 1945 fast 70 Prozent aller Regierungen Koalitionen waren. Die meisten davon hatten eine parlamentarische Mehrheit inne, aber auch Minderheitskoalitionen, wie derzeit etwa in Schweden, sind nicht unüblich. (Die Grafik zeigt übrigens auch, dass ein gutes Drittel aller Regierungen in Europa seit 1945 Minderheitsregierungen waren – so viel zur Frage, ob es sich dabei um ein taugliches Arrangement handelt.)

Koalitionen sind deswegen eine spannende Angelegenheit, weil Parteien sich zur Kooperation entschließen, obwohl sie miteinander im Wettbewerb stehen. Welche Koalition nach einer Wahl gebildet wird, hat außerdem entscheidende Konsequenzen für das Regierungshandeln. Es ist also nur logisch, dass auch die Wählerinnen und Wähler ihre Koalitionspräferenzen in die Wahlentscheidung miteinbeziehen.

In dieser Studie etwa zeigt Franz Urban Pappi anhand von Daten zur Nationalratswahl 2006, dass Koalitionspräferenzen zusätzlich zu den Parteipräferenzen die Wahlentscheidung beeinflussen. So wählten 2006 etwa SPÖ-Sympathisanten mit höherer Wahrscheinlichkeit die SPÖ, wenn sie eine rot-grüne Koalition für wünschenswert hielten.

In einer anderen Analyse der Wahl 2006 zeigen Michael Meffert und Thomas Gschwend, dass Koalitionspräferenzen auch zu strategischem Wählen führen können, etwa wenn Anhänger größerer Parteien für kleinere Parteien stimmen, die als Koalitionspartner infrage kommen. So stieg etwa unter ÖVP-Sympathisanten in Kärnten 2006 die Bereitschaft, für das BZÖ zu stimmen, mit der Präferenz für eine Neuauflage von Schwarz-Orange stark an.

Wie aber bewerten die Wahlberechtigten bestimmte Koalitionspaarungen? In der Autnes-Vorwahlbefragung 2013 (n=3.206, www.autnes.at) wurden Befragte gebeten, vier Zweier-Koalitionen auf einer Skala von 0 (gar nicht wünschenswert) bis 10 (sehr wünschenswert) einzustufen.

Wie die zweite Grafik zeigt, ist von diesen vier Koalitionen Rot-Schwarz am beliebtesten (4,9), gefolgt von Rot-Grün (3,9). Schwarz-Blau (2,7) und Rot-Blau (2,2) sind weniger populär (die senkrechten Linien geben die Schwankungsbreiten um die Mittelwerte auf der Skala an). Diese Einschätzungen decken sich grob mit den Daten aus der oben erwähnten Studie von Pappi – wiewohl die Werte damals allesamt höher ausfielen. Die große Koalition lag bei 6,3, Rot-Grün bei 5,0 (Schwarz-Grün ebenso) und Schwarz-Blau bei 3,0.

Interessanter wird dieses Bild noch, wenn wir nach Wählergruppen differenzieren. Die dritte Grafik zeigt wenig überraschend, dass Koalitionen von den Wählern der jeweils beteiligten Parteien besser eingestuft werden. Logischerweise steht Rot-Grün bei SPÖ- und Grünen-Wählern deutlich höher im Kurs als bei Anhängern von ÖVP und FPÖ. Genauso ist die große Koalition bei Rot- und Schwarz-Wählern am beliebtesten.

Jedoch gibt es einige interessante Abweichungen von diesem Muster. Am deutlichsten zeigt sich, dass die Begeisterung für eine Regierungsbeteiligung der FPÖ auch bei den Anhängern der abgefragten Koalitionspartner gering ist. ÖVP-Wähler können sich noch halbwegs für Schwarz-Blau erwärmen, sind aber der großen Koalition gegenüber deutlich positiver eingestellt. Noch klarer ist der Effekt für Rot-Blau. SPÖ-Anhänger bewerten diese Koalitionsvariante kaum besser als Schwarz-Blau.

Nun stellt sich die Frage, ob diese Ergebnisse heute so ähnlich ausfallen würden. Gut möglich, dass sich mit dem Erstarken der FPÖ seit der letzten Nationalratswahl auch die Koalitionspräferenzen verschoben haben. Zum Zeitpunkt der Befragung 2013 war etwa die FPÖ in keiner einzigen Koalition auf Länderebene vertreten. Seit 2015 aber regieren Schwarz-Blau in Oberösterreich und Rot-Blau im Burgenland. Solche real existierenden Regierungskooperationen können das Bild einer – ansonsten fiktiven – Koalition durchaus prägen.

Wann immer auch die nächste Nationalratswahl ins Haus steht, die Frage "Wer mit wem?" wird dabei mit Sicherheit einen entscheidenden Einfluss auf das Wahlverhalten haben. (Laurenz Ennser-Jedenastik, 11.5.2016)

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