Filmfestival Cannes: Die Erstürmung des Kinopalasts

11. Mai 2016, 08:55
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In Cannes wappnet man sich für den Streamingmarkt und gegen den Terror. Am Mittwoch wird die 69. Auflage eröffnet

Der Festivalpalast von Cannes wird von Terroristen gestürmt. Auf den Treppen des roten Teppichs, wo sonst die Stars posieren, rückt ein bewaffnetes Spezialkommando nach und befreit einzelne Geiseln. Was wie ein billiger Trashfilm aussieht, der es nie ins offizielle Programm des Festivals schaffen würde, ist in Wahrheit bitterer Ernst. Bei dem zumindest nach filmischen Parametern eher laienhaft umgesetzten Szenario handelt es sich um eine Anti-Terror-Übung, die man im Vorfeld des Festivals auf Videokanälen mitverfolgen konnte.

Frankreich befindet sich schließlich immer noch im Ausnahmezustand, wenn am Mittwochabend die 69. Ausgabe von Cannes mit Woody Allens Komödie "Café Society", die im Hollywood in den 1930ern spielt, eröffnet wird. Großereignisse gelten als privilegiertes Anschlagsziel. Deshalb werden die Sicherheitsvorkehrungen so hoch wie nie zuvor sein, sogar der israelische Anti-Terror-Experte Nitzan Nuriel wurde in die Vorbereitung eingebunden. In der Parallelsektion "Quinzaine des realisateurs" haben die verschärften Protokolle den Ausfall von umgerechnet vier Filmen bewirkt.

Überraschend offen für Veränderung

Cannes, das schon immer eine geschlossene Gesellschaft war, wird außen also noch mehr einer Festung gleichen. Im Inneren zeigt sich das Festival jedoch neuerdings überraschend offen für Veränderung. Direktor Thierry Frémaux hat erstmals fünf Filme von Amazon Studios ins Programm geholt, obwohl der Onlineriese mit seinem Streamingangeboten bisher als struktureller Gegner des Kinos eingestuft wurde. Mit Titeln von Jim Jarmusch, Nicolas Winding Refn oder eben Allen demonstriere das Studio, dass es von Filmliebhabern geführt sei, lautet Fremaux' Begründung. Das sieht er beim Konkurrenten Netflix offenbar anders. Obendrein habe Amazon keine Streamingpremieren geplant. Die Filme sollen zuerst regulär im Kino laufen, versicherte Ted Hope, Filmproduktionschef bei Amazon gegenüber dem "Hollywood Reporter".

Die Öffnung von Cannes ist freilich nicht ganz uneigennützig, sondern auch eine Maßnahme zur Selbsterhaltung. Man will sich als zentraler Umschlagplatz behaupten, wo Filme noch vor dem ersten Drehtag verkauft werden. Auf dem an das Festival angeschlossenen Markt, jenem labyrinthartigen Parallelareal, von dem nur die spektakuläreren Abschlüsse an die Öffentlichkeit dringen.

Tendenziell verjüngt

Doch auch der Wettbewerb, der in den letzten Jahren vermehrt dafür kritisiert wurde, zu vielen gesetzten Meistern zu huldigen, präsentiert sich tendenziell verjüngt. Mit dem Franzosen Alain Guiraudie, der zuletzt mit dem Cruising-Thriller "L’inconnu du lac" überraschte, dem Brasilianer Kleber Mendonça Filho ("Aquarius") sowie Maren Ade, in deren "Toni Erdmann" auch ein paar österreichische Euros stecken, gibt es einige neue Namen im Rennen um die Goldenen Palme. Burgschauspieler Peter Simonischek ist in Letzterem als eigenwilliger Vater zu sehen, der seiner Tochter (Sandra Hüller) im Arbeitsleben als schrulliger Coach zusetzt.

Was in Cannes dennoch nicht fehlen darf, sind Schwergewichte wie die Dardenne-Brüder, der Rumäne Cristi Puiu, Paul Verhoeven oder der kanadische Shootingstar Xavier Dolan. Und einige vielversprechende Allianzen von Regisseuren und Stars: Olivier Assayas hat erneut mit Hollywoodstar Kristen Stewart gedreht ("Personal Shopper"), die Britin Andrea Arnold vereint in ihrem Teenagerdrama "American Honey" Newcomerin Sasha Lane mit Shia Labeouf, Bruno Dumont in "Ma loute" den fabelhaften Komiker Fabrice Lucchini mit Juliette Binoche. Albert Serra hat wiederum mit Nouvelle-Vague-Legende Jean-Pierre Léaud gedreht, der auch mit einer Palme für sein Lebenswerk ausgezeichnet wird.

Die Jury leitet der Australier George Miller, dessen gefeierter "Mad Max: Fury Road" letztes Jahr außer Konkurrenz zu sehen war. Auch das ein smartes Eingemeindungsmanöver – Cannes will das ganze Kino, von den Rändern bis zur populären Mitte. (Dominik Kamalzadeh, 11.5.2016)

  • Letzte Vorbereitungen: Arbeiter montieren einen Banner für das 69. Cannes Film Festival.
    foto: apa/afp/valery hache

    Letzte Vorbereitungen: Arbeiter montieren einen Banner für das 69. Cannes Film Festival.

  • Französische Soldaten sollen für die Sicherheit des Festivals sorgen.
    foto: apa/afp/loic venance

    Französische Soldaten sollen für die Sicherheit des Festivals sorgen.

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