Eingehängt spazieren gehen

12. Mai 2016, 15:00
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Bilaterales Auffangnetz oder eingeschränkte Richtungsentscheidung

foto: dpa / maurizio gambarini

Pro
von Mia Eidlhuber

So ein Leben ist hart und nicht immer ein Spaziergang. Was spricht also dagegen, es angesichts des rauen, eisigen Windes, der einem auf der Welt manchmal entgegenbläst, und der Stolpersteine, die da sicherlich, aber unvermutet überall herumliegen, ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen? Jawoll, ganz und gar altmodisch eingehängt: Arm in Arm.

Die Vorteile liegen reichlich auf der Hand. Weil man nämlich im Leben nie so sicher sein kann, wer da gerade wen stützt, ist beim eingehängten Gang ein gemeinsames Hinfallen fast ausgeschlossen. Sozusagen: Einer hält immer.

Und ganz abgesehen vom bilateralen Auffangnetz: Romantisch ist es allemal, so ein galant und großzügig dargebotener Arm – besonders angesichts der rücksichtslosen Ellbogentechniken, die im gesellschaftlichen Miteinander mehr und mehr zum Einsatz kommen. An so einem außergewöhnlichen Arm spaziert man gerne durch ein Leben – oder zumindest durch einen Lebensabschnitt. Und Gott bewahre: Es muss ja nicht immer gleich durch den Mittelgang eines Kirchenschiffs sein.

Kontra
von Sigi Lützow

Wer sich mir nichts, dir nichts einhängt, kann sich bald ganz leicht ziemlich anhängen, im schlimmsten Fall derart, dass man sich, wenn schon nicht gleich aufhängen, so doch regelmäßig einen umhängen will. Vom Ein- oder Unterhaken zu sprechen ist hierorts nicht so üblich, ja verpönt, "haken" steht aber sicher nicht zufällig hinter "Ein" und "Unter".

Es gibt auch andere Gründe, von dieser Vertraulichkeit besser Abstand zu nehmen, diesen also zu wahren. Spazieren, Sich-Ergehen, Umherschweifen, Schlendern braucht für den vollkommenen Genuss die Freiheit der Richtungsentscheidung. Die ist mit Einhängsel naturgemäß eingeschränkt. Dies ins Treffen zu führen kann aber leicht als Unhöflichkeit, ja Lieblosigkeit missverstanden werden. Ganz bitter ist es umgekehrt, wenn der dargebotene Arm etwa mit den Worten "So alt bin ich noch nicht" ausgeschlagen wird. Dabei kann die Ablehnung aus ganz praktischen Gründen erfolgen. Das Argument, dass Eingehängte im Stolperfall unabhängig von der Verschuldensfrage beide auf der Nase liegen, ist nicht von der Hand zu weisen. (RONDO, 13.5.2016)

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