Kanzlernachfolge: Lieber Zeiler als Kern

Blog11. Mai 2016, 08:56
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Weltoffenheit, Charakter und Image sprechen für den älteren der beiden Manager als SP- und Regierungschef

In der Misere, in der Werner Faymann sie zurücklässt, hat die SPÖ dennoch das Glück, auf eine Reserve von mehreren Personen zurückgreifen zu können, die politische Kompetenz mit viel wirtschaftlicher Erfahrung verbinden. Neben Medienmanager Gerhard Zeiler und ÖBB-Chef Christian Kern müsste man auch Ex-Siemens-Vorständin Brigitte Ederer dazuzählen, allerdings scheint sie nicht interessiert.

Kern gilt derzeit als Favorit für die Faymann-Nachfolge. Allerdings gibt es mehrere Gründe, die eher für Zeiler als neuen SPÖ-Chef und Kanzler sprechen.

Weltoffenheit

Zeiler und Kern haben überraschend ähnliche berufliche Werdegänge – Pressesprecher für SPÖ-Politiker, dann der Wechsel ins Management. Aber während Zeiler seine Karriere – abgesehen von seinen Jahren beim ORF – in der europäischen beziehungsweise internationalen Privatwirtschaft verfolgte, stieg Kern in der heimischen Verstaatlichten auf – zuerst beim Verbund, wo der Bund die Mehrheit hat, und dann beim reinen Staatsbetrieb ÖBB.

Der österreichische Bahnchef ist eine Art zehnter Landeshauptmann. Kerns Erfolge dort beruhen mehr auf seinem politischen Geschick als auf einem ausgeprägten Unternehmertum. Das erklärt auch seinen starken Rückhalt in zahlreichen SP-Landesorganisationen. Er hat sich über die Jahre dort viele Freunde machen können.

Als SP-Vorsitzender und Kanzler braucht man politisches Gespür – aber nicht nur. Für die ökonomischen Herausforderungen, vor denen Österreich heute steht, ist ein visionärer Manager, der wirklich in Europa zu Hause ist, einem noch so guten Logistiker vorzuziehen.

Charakter

Kern ist bei all seinen Qualitäten auch für eine ausgeprägte Dünnhäutigkeit, eine Allergie gegen jede persönliche Kritik bekannt. Nun ist eine Prise Erdoğanismus in der Spitzenpolitik weit verbreitet. Aber für offene demokratische Diskurse ist ein solcher Charakterzug problematisch.

Über Zeiler ist auch aus seiner Zeit als ORF-Generalintendant nichts Schlechtes bekannt. Er galt damals als für alle offener Chef, der Diskussionen auch über eigene Entscheidungen zuließ und nicht nachtragend war.

Image

Beide Kandidaten haben trotz ihres sozialdemokratischem Stallgeruchs – sie stammen beide aus Wiener Arbeiterfamilien – als eher wirtschaftsliberale Manager Akzeptanzprobleme im linken Parteiflügel. Kern aber vermittelt noch dazu das Image eines etwas zu glatten, geschniegelten Nadelstreifsozialisten, den mehr der Ehrgeiz als die Überzeugung antreibt.

Der zehn Jahre ältere Zeiler wirkt lockerer und authentischer. Das könnte ihm auch bei jenen Genossen und Wählern helfen, die Managern grundsätzlich kritisch gegenüberstehen.

Personalreserve Kern

Ob Zeiler das politische Geschäft packt, ist unsicher. Aber sollte er objektiv oder auch nur im eigenen Empfinden scheitern, stünde Kern immer noch als Personalreserve bereit. Für den 60-jährigen Zeiler ist das seine letzte Chance für einen politischen Topjob. Die Partei sollte sie ihm geben. (Eric Frey, 10.5.2016)

  • Medienmanager Gerhard Zeiler bleibt im Rennen.
    foto: apa / herbert neubauer

    Medienmanager Gerhard Zeiler bleibt im Rennen.

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