Trending Topics: Facebook soll Auswahl der Artikel manipuliert haben

10. Mai 2016, 08:48
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Ehemalige Mitarbeiter werfen dem Konzern außerdem chaotische Arbeitsverhältnisse und Ausbeutung vor

Facebook präsentiert seiner Milliarde an Nutzern permanent eine Übersicht darüber, welche journalistischen Artikel momentan auf Facebook "trenden". Die Reihung verschafft den Medien, die vorkommen, eine Welle an Zugriffen und wird für die öffentliche Meinung immer wichtiger. Ehemalige Mitarbeiter des IT-Konzerns haben nun erstmals enthüllt, unter welchen Umständen diese Berichte ausgewählt werden. Es sei keinesfalls so, dass ein "neutraler" Algorithmus die wichtigsten Trends identifiziere, so ehemalige Angestellte laut Gizmodo. Vielmehr hätten bei dem Projekt Chaos, Ausbeutung und Manipulation regiert, lautet der Vorwurf.

Willkürliche Themenauswahl

Im Grunde soll es sich bei jenem Team, das für die "Trending Topics" zuständig war, um eine Reihe an jungen Journalisten gehandelt haben, die im Keller des New Yorker Facebook-Büros versammelt waren. Sie saßen in einem großen Raum; hatten das Gefühl, jederzeit gekündigt werden zu können, und beugten sich über eine Masse an Daten, die ihnen von Facebook zur Verfügung gestellt worden ist. Ihre Vorgesetzten hätten willkürlich entschieden, was ein "Thema" sei und was nicht – und beispielsweise Berichte über die Republikaner oder andere konservative bis rechte Themen aus ebensolchen Medienquellen unterschlagen, so der Mitarbeiter.

Eilmeldungen und "Hard News"

Im Umkehrschluss sollen Vorgesetzte die Kuratoren dazu angehalten haben, Eilmeldungen in die Trending Topics einzufügen. Um "natürlich" dort aufzuscheinen, hätte es lange gedauert, da die Berichte erst auf Facebook "sickern" müssen. Außerdem wurde die Auswahl offenbar dahingehend manipuliert, dass "komplexe Themen" in die Trending Topics gelangten, um Facebook als Ort für politische Konversation erscheinen zu lassen. Während unklar ist, inwieweit höhere Ebenen auf Facebook über diese politische Manipulation Bescheid wussten, kam eine andere Order offenbar aus dem Silicon Valley: So ignorierten die Kuratoren bewusst alle Meldungen, die von Facebook selbst handelten. Das ist zumindest mittlerweile nicht mehr der Fall: Die Gizmodo-Meldung tauchte schnell in den Trending Topics auf.

Menschliche Auswahl nötig

Dass Algorithmen kein "Wunderding", sondern eine Krux sind, argumentiert das Social Media Collective, das von Microsoft finanziert wird. In einem Artikel über Facebooks Trending Topics geben sie zu bedenken, dass der Algorithmus alleine natürlich keine Auswahl treffen kann. So müsse manuell entschieden werden, was sich als Thema qualifiziere: Etwa, ob die Vorwahl in einem US-Bundesstaat, das dortige Abschneiden eines Kandidaten oder ob der Vorwahlkampf insgesamt ein Thema sei. Allein durch diese Auswahl könnten Vorwürfe der "Manipulation" entstehen.

Transparenz

Abgesehen davon sei allerdings klar, dass Facebook dringend mehr Transparenz durchsetzen muss. Während bei traditionellen Medien, über deren Auswahlmechanismen man auch diskutieren sollte, immerhin verschiedene Anbieter bestehen, hat Facebook im Bereich sozialer Netzwerke eine klare Monopolstellung. Medienhäuser greifen außerdem auf eine lange Tradition an Regeln zur "neutralen" Berichterstattung zurück oder deklarieren sich in ihrer Blattlinie einer politischen Richtung zugehörig. Facebook müsse nun nachholen.

Dementi

Das Unternehmen selbst gab nach langem Schweigen bekannt, dass es sich um Objektivität bemühe. Der Abteilungsleiter für Trending Topics, Tom Stocky, stritt alle Vorwürfe in einem Facebook-Posting vehement ab. Allerdings sei klar, dass die Kuratoren etwa Falschmeldungen identifizieren müssten. "Wir werden uns bemühen, nach Verbesserungen zu suchen", so Stocky. (fsc, 10.5.2016)

  • Facebook wehrt sich gegen die Vorwürfe. Mit "Trending Topics" will die Plattform weiter beitragen, eine Quelle für Medienkonsum zu werden
    foto: apa/afp/schwarz

    Facebook wehrt sich gegen die Vorwürfe. Mit "Trending Topics" will die Plattform weiter beitragen, eine Quelle für Medienkonsum zu werden

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