Stan Douglas: Terrorismus, der Stabilität erzwingen will

9. Mai 2016, 17:15
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Joseph Conrads Roman "Der Geheimagent" verlegte Künstler Stan Douglas ins Portugal von 1975. Seine Schau im Salzburger Kunstverein gibt Anlass, über Terror und die Konstruktion von Geschichte zu sprechen

Salzburg – Am 15. Februar 1884 scheiterte ein Anschlag auf das Königliche Observatorium in Greenwich. Beim Versuch, das Observatorium, das seit jenem Jahr auch den Nullmeridian definiert, mit einer Bombe in die Luft zu sprengen, starb der Attentäter, der Franzose Martial Bourdin. Er war, wie die Polizei später herausfand, Mitglied eines anarchistischen Clubs. Seine Motive wurden jedoch nie geklärt.

Eine Episode, die Schriftsteller Joseph Conrad (1857-1924) zu seinem Spionageroman Der Geheimagent (1907) inspirierte: Ein eher schlummernder, lediglich Berichte aus anarchistischen Kreisen liefernder Agent namens Adolf Verloc wird in die Botschaft eines nicht näher genannten, aber Assoziationen mit Russland zulassenden Landes zitiert; der Auftrag – ein Anschlag auf das Greenwich-Observatorium – reißt ihn aus seinem beschaulichen Leben.

Hitchcock verfilmte den Stoff 1936 in Sabotage. Aktuell hat sich der kanadische Künstler Stan Douglas, der die Romanvorlage erstmals kurz nach 9/11 gelesen hatte, The Secret Agent vorgenommen. Es ist nicht die erste literarische Vorlage, die der für seine hochkomplexen, aufwändig ausgestatteten Film- und Videoarbeiten bekannte Douglas bearbeitet hat – darunter E. T. A. Hoffmanns Sandmann oder die Märchen der Brüder Grimm; Letztere hat er allerdings mit Marx' Gespenstern des Kommunismus verschränkt.

david zwirner

Schürt das Misstrauen

Das einfach zu Entschlüsselnde, das linear Erzählte war bisher nicht die Sache des dreifachen Documenta-Teilnehmers, der Dauergast auf den wichtigsten Biennalen der Welt und seit kurzem auch Träger des wohl wichtigsten Preises für Fotografie – des Hasselblad-Awards ist. Douglas zerlegt seine Vorlagen, rearrangiert die Fragmente in immer neuen Reihenfolgen oder Kameraperspektiven, manchmal sogar in Endlosschleife: Die Narration wird zur Ungewissheit, so als müsste man jeder Erzählung mit Anfang und Ende zutiefst misstrauen. Es scheint, als suche Douglas in Erzählungen mit Schlagseite nach einer Objektivierung des Blicks.

"Geschichte entsteht im Nachhinein", so Douglas im Standard-Gespräch über deren Konstruktion. Sie entstehe dann, wenn Leute darüber entscheiden, was wichtig sei, was nicht – oder was passiert sein muss, um aus der Gesellschaft das zu machen, was sie gegenwärtig ausmacht. Oft würden dabei aber Dinge vergessen. "Ich interessiere mich immer für die Dinge, die vom generellen Konzept verdrängt werden."

In Helen Lawrence (2014) blickte Douglas etwa auf die Zeit zwischen 1945 und 1949, auf eine Phase, in der mit Blick auf den Krieg noch vieles akzeptabel gewesen sei, was normalerweise als unmoralisch gegolten hätte. "Dann setzt die Hypermoralität der Fünfzigerjahre ein. Wie ist dieser Übergang vonstattengegangen?" Eine Zeit des Übergangs beleuchtet er auch in seiner Conrad-Adaption, die aktuell im Salzburger Kunstverein zu sehen ist.

In der 54-minütigen Sechskanalvideoprojektion hat sich Douglas, "um nicht zu sehr zu verwirren", doch für eine Chronologie entschieden (allein die variierende Musik ändert Lesarten). "Trotzdem wird niemand das Gleiche gesehen haben". Der Betrachter wende sich bewusst den Projektionen zu, der Körper überwinde den Raum. "Der Betrachter übernimmt die Montage. Der Körper wird zum Schnittprogramm."

Douglas verlegte Conrads Handlung ins Jahr 1975 und von London nach Lissabon, sprich in den "heißen Sommer" nach der Nelkenrevolution, in dem zahlreiche Anschläge – von rechter und linker Seite – für Unruhe sorgten.

Portugal wurde Douglas vor Ort als "langweiliges, rückwärtsgewandt regiertes Land" beschrieben. "Nichts sei hier passiert. Ja, sie hätten eine Revolution gehabt, und die Faschisten, die fast 50 Jahre an der Macht waren, rausgekickt." Für Douglas erschien diese Phase, in der es unklar war, wie sich das Land weiterentwickeln würde, aber als spannende Zeit, als "Chance die eigene politische Kultur völlig neu zu denken".

In diesen Moment der Offenheit und des Ungewissen verlegt Douglas die Handlung: Diesmal gilt die Sabotage aber dem transatlantischen Telefonkabel, keinem Sinnbild von Wissenschaft und Rationalität, sondern des Netzwerks: Portugal wird kommunikationstechnisch vom Rest der Welt isoliert. Was ist das Interesse der Drahtzieher, die diesmal in der amerikanischen Botschaft hocken? "Es ist das, was man eine Strategie der Spannung nennen würde: eine Art Panik in der Bevölkerung zu erzeugen, die die Mittelklasse einer autoritären Regierung zutreibt", damit wieder Sicherheit einkehrt. "Auf eine seltsame Art ist es ein Beispiel für Terrorismus, der beabsichtigt, das absolute Gegenteil von dem zu erzielen, wogegen er sich ursprünglich gerichtet hat."

Historische Geschichten sind für Douglas oft Allegorien auf die Gegenwart. Die Ähnlichkeit zwischen Portugal 1975 und heute sei die Art, wie sich gesellschaftliche Hierarchien darstellen: "Die Leute sagen: Ich verstehe, wie die Welt tickt, du solltest tun, was ich sage. Und die ultimativste Hierarchie ist jene der Terroristen, die sagen: Meine Botschaft ist wichtiger als dein Leben." (Anne Katrin Feßler, 9.5.2016)

Bis 10. 7.

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Salzburger Kunstverein

  • Die Unruhe in Lissabon in der Zeit nach der Nelkenrevolution 1974 und vor der Ratifizierung einer neuen Verfassung, dient Stan Douglas als Folie für seine Joseph-Conrad-Adaption "The Secret Agent".
    foto: stan douglas, david zwirner, new york/london and victoria miro, london

    Die Unruhe in Lissabon in der Zeit nach der Nelkenrevolution 1974 und vor der Ratifizierung einer neuen Verfassung, dient Stan Douglas als Folie für seine Joseph-Conrad-Adaption "The Secret Agent".

  • Künstler Stan Douglas wurde 1969 in Vancouver geboren.

    Künstler Stan Douglas wurde 1969 in Vancouver geboren.

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