Kritik an Suchtpolitik trotz sinkender Zahlen

9. Mai 2016, 17:38
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Laut Gesundheit Österreich hat sich das Suchtverhalten der Bevölkerung verbessert, doch eine Suchtexpertin übt Kritik an der Politik

Wien – Gute Nachrichten verkündete das Kompetenzzentrum Sucht der Gesundheit Österreich GmbH (GÖG) am Montag: Das Suchtverhalten der Österreicher werde moderater. Das GÖG-Kompetenzzentrum ist seit 1. Jänner die zentrale Stelle für nationale Daten über Sucht. Die am Montag präsentierten Entwicklungen fußen vorrangig auf der österreichischen Bevölkerungserhebung zu Substanzgebrauch (rund 4000 Befragte) und der Schülerbefragung ESPAD (European School Survey Project on Alcohol and other Drugs) mit 8000 Befragten.

foto: dpa/grafik: apa, gög

Gabriele Fischer, Leiterin der Suchtforschung am Zentrum für Public Health an der Med-Uni Wien, äußert an den positiven Trends im STANDARD-Gespräch ihre Zweifel. Man stütze sich ja vorrangig auf Umfragen. Die Europäische Krebs-Liga reiht Österreich etwa im Tabak-Länderranking immer noch an letzter Stelle.

Fischer fordert die Ausschreibung eines Nationalen Aktionsplans Sucht. Das sei derzeit nicht vorgesehen, sagt GÖG-Sprecher Reinhard Buchinger. Ende Jänner präsentierte das Gesundheitsministerium eine Suchtpräventionsstrategie, die am Dienstag Thema einer Tagung ist. Diese Leitlinien seien kein Maßnahmenplan, konkrete Schritte würden aber folgen.

Plan für Versorgung gefordert

Suchtexpertin Fischer zufolge müsse "ein Zusammenwirken von Epidemiologen, Präventionsexperten, Gesundheitsökonomen und Medizinern festlegen, wie die beste Versorgung in Österreich gestaltet sein soll" – etwa wie vieler stationärer, tagesklinischer und ambulanter Plätze es wo bedürfe.

Die "teuren Parallelstrukturen des Psychosozialen Dienstes auf der einen und der überbordenden Sucht- und Drogenkoordination auf der anderen Seite" brauche es nicht. Sucht müsse als Teil des psychiatrischen Krankheitsspektrums anerkannt werden. "Jemand, der gesund ist, wird nicht so schnell suchtkrank. Sucht kann man also nicht einfach von der Psychiatrie separieren", argumentiert Fischer. Dass kein Aktionsplan in Arbeit ist, belege: "Suchtkranke haben keine Lobby."

"In den Kinderschuhen"

GÖG-Sprecher Buchinger erläuterte, dass die Aussagen über erfreuliche Entwicklungen im Suchtverhalten der Österreicher nicht allein auf Umfragedaten fußten. So wisse man aus Behandlungsdaten etwas über problematischen Drogen- und Alkoholkonsum. Beim Tabakkonsum werden auch Wirtschaftsdaten herangezogen. "Wirklich in den Kinderschuhen" stecke man aber noch bei Infos bezüglich der Spielsucht.

Den aktuellen Zahlen der GÖG zufolge ging der problematische Alkohol-, Drogen- und Zigarettenkonsum zurück. Etwa zwei Drittel der Österreicher konsumieren demnach Alkohol in einem moderaten Ausmaß. Etwa 14 Prozent zeigen ein Alkoholkonsumverhalten, das längerfristig als gesundheitsgefährdend eingestuft wird (1994 waren es 18 Prozent). Männer trinken doppelt so häufig (19 Prozent) in problematischem Ausmaß wie Frauen (neun Prozent).

Weniger Raucherneulinge

Ein Fünftel der Bevölkerung raucht täglich oder fast täglich und etwa ein weiteres Zehntel gelegentlich. Bei Befragungen in Schulen gaben im Vorjahr 54 Prozent an, schon einmal eine Zigarette geraucht zu haben. 2004 waren es noch 80 Prozent.

Der Cannabisgebrauch ist stabil. Rund ein Drittel gab (wie 2004) an, damit Erfahrung zu haben. Der sogenannte "problematische Drogenkonsum" ist laut GÖG in den meisten Fällen Mischkonsum mit Beteiligung von Opioiden. Die Zahl unter 25-Jähriger, die in den "problematischen Opioidkonsum" einsteige, sinke. Behandelt würden über 60 Prozent.

Glücksspielautomaten "nur in Casinos"

Ein Drittel der Befragten gab an, in den letzten 30 Tagen an Glücksspiel oder Sportwetten teilgenommen zu haben. Bezüglich der Schätzung der Anzahl problematischer Spielerinnen und Spieler bestehe laut GÖG aber Forschungsbedarf. Fast jeder Neunte meint laut Bevölkerungsbefragung, Glücksspielautomaten sollten nur in Casinos stehen.

Die Mehrheit ist zudem für ein generelles Rauchverbot in der Gastronomie. 86 Prozent gaben an, Cannabis solle als Arznei verschreibbar sein. Nur vier Prozent sind für die unbeschränkte Freigabe, die Mehrheit aber für Straffreiheit bei Cannabiskonsum. (Gudrun Springer, 10.5.2016)

  • Die meisten Österreicher befürworten laut Befragung Cannabis aus medizinischen Gründen auf Rezept, nur vier Prozent sind aber für eine generelle Legalisierung. Die Mehrheit will Straffreiheit bei Cannabiskonsum.
    foto: apa/afp/raul arboleda

    Die meisten Österreicher befürworten laut Befragung Cannabis aus medizinischen Gründen auf Rezept, nur vier Prozent sind aber für eine generelle Legalisierung. Die Mehrheit will Straffreiheit bei Cannabiskonsum.

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