Radiohead: Wehmut nach Vorschrift

9. Mai 2016, 16:27
206 Postings

Die britische Band veröffentlichte am Sonntag ihr Album "A Moon Shaped Pool". Thom Yorke und Co ergehen sich darauf in edler Klangmalerei

Wien – Das wichtigste Instrument wird nicht erwähnt. Es ist nicht die Gitarre, nicht der Laptop oder gar das Schlagzeug. Nein, wer bei Radiohead so virtuos das Marketing bedient, wird nicht auf den Tonträgern erwähnt sein. Diese erscheinen Mitte Juni, eine Spezialausgabe für die Freunde von Schellacks gar erst im Spätsommer. Den herkömmlich Süchtigen und den nicht der Haptik nachhängenden Fans schlug bereits am Sonntagabend die Stunde.

Kurzfristig bekanntgegeben

Nachdem die britische Band letzte Woche ihre Internettätigkeiten eingestellt hatte, rumorte es im Netz: Ein neues Album stehe an, hieß es. Schließlich gaben Radiohead kurzfristig bekannt, dass sie am Sonntag ein solches veröffentlichen würden, vorerst nur digital. Es heißt "A Moon Shaped Pool" und umfasst elf Lieder.

foto: apa/afp/martin bureau

Die durch das Abtauchen der Band ausgelöste Aufmerksamkeit im Vorfeld hat dann wahrscheinlich die Download-Server zum Brutzeln gebracht, doch nach ein paar Hördurchgängen muss man sagen: Die Aufregung in der Zeitrechnung vor "A Moon Shaped Pool" war größer als danach. Und jetzt wird es schwierig.

Heilige Kuh

Denn Radiohead zählen zu den Heiligen Kühen des Pop. Doch wenn Pop konfessionell gelebt wird, verschwinden die Zwischentöne zwischen Ablehnung und Zustimmung. Ihren Status als Unberührbare erarbeitete sich die Band zuerst mit konventionellen Zeitgeistwerken wie "Pablo Honey" und "The Bends", in den 1990ern war das. Gitarrenrock, veredelt durch den entrückten Gesang Thom Yorkes, dessen hängendes Augenlid das schlafwandlerische Moment und das subeuphorische Wesen der Musik unfreiwillig illustrierte. Später verleibten sie sich elektronische Musik ein – Stichwort: "OK Computer" – und überführten diese auf viel beachteten Alben wie "Kid A" oder "Amnesiac" in den Mainstream.

30 Millionen Alben

Folgewerke wie "Hail To The Thief" oder "In Rainbows" festigten ihren Status mit politischen Aussagen und positionierten Radiohead als federführende Stars im Fach des Guerillamarketing, das sie unabhängig von großen Musikverlagen machte. Mehr als 30 Millionen Alben soll die Band verkauft haben, diverse Nebenprojekte nicht mit eingerechnet.

radiohead
Thom Yorke schließt die Augen. Das gebieten die Gesetze des Wehgesangs. Davon bietet er auf dem neuen Album der Band Radiohead reichlich.

Ihr neuntes Album "A Moon Shaped Pool" ist ihr bisher stillstes Werk. Zwar bohrt sich im Eröffnungslied "Burn The Witch" eine Basslinie in den Gehörgang, während Streicher zuerst der Schönheit, später dem Unheilbringenden zuarbeiten. Das klingt aufregend, könnte man aber ebenso gut als Hausmarke bezeichnen.

Schlummeretüden

"Daydreaming" ergeht sich seinem Namen entsprechend aber schon in jenen Schlummeretüden, die einen Gutteil des Albums prägen. Diese mitunter nur knapp an der Esoterik vorbeischrammenden Klangmalereien halten sich mit den drängenderen Titeln eine Zeitlang die Waage, gewinnen aber gegen Ende des Albums die Oberhand. Da ersäuft das Werk in Gefühligkeit, sackt mit "Tinker Tailor Soldier Sailor Rich Man Poor Man Beggar Man Thief" und dem über 20 Jahre alten "True Love Waits" beträchtlich ab. Da tuckert die Wehmut nur noch vorschriftsmäßig aus der Festplatte, da falsettiert Yorke den Mond klischeeträchtig an. Am Klavier, das das finale Stück begleitet, könnte genauso gut dieser Chris Martin von Coldplay sitzen. Dann ist es aus, und man beschwert sich nicht.

Ästhetik versus Gefühl

Das Album stützen Lieder wie "Identikit" oder "Ful Stop". Sie versorgen "A Moon Shaped Pool" mit Lebendigkeit, bringen Abwechslung in das ansonsten zu sehr in seiner Atmosphäre badende Werk. Dessen Ästhetik ist bis ins letzte Detail ausgearbeitet, hübsch zwar, das Gefühl wurde darob aber vernachlässigt. Und die ewig gleichen Sehnsuchtsgesänge Yorkes erweisen sich mittlerweile auch eher als Narkotikum. Damit reiht sich "A Moon Shaped Pool" zu den letzten Veröffentlichungen der Band. Keine war schlecht, keine wirklich herausragend. (Karl Fluch, 9.5.2016)

Share if you care.