Frankreich will potenzielle Attentäter läutern

9. Mai 2016, 15:30
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Regierung plant Auffangzentren für radikalisierte Islamisten – 13.000 mutmaßliche Jihadisten registriert

Ein halbes Jahr nach den Pariser Terroranschlägen des 13. November mit 130 Todesopfern mehren sich in Frankreich die Initiativen, die eine Wiederholung der traumatisierenden Ereignisse verhindern wollen. Noch bis Ende Juli – das heißt, bis nach der Fußball-Europameisterschaft – gilt landesweit der Ausnahmezustand. Premierminister Manuel Valls, der in der Linksregierung als Hardliner gilt, ist sich bewusst, dass das rein polizeiliche Vorgehen nicht genügt. Im April hatte er bereits soziale Maßnahmen erlassen, um die Banlieue-Ghettos aufzubrechen. Sämtliche Gemeinden mit mehr als 3.500 Einwohnern müssen ein Viertel Sozialwohnungen bereitstellen. Und neben der geografischen wird auch die gesellschaftliche Durchmischung gefördert: Immigrantenjugendliche sollen leichter Zugang zum öffentlichen Dienst und der Privatwirtschaft finden.

Plan zur Deradikalisierung

Am Montag verkündete Valls einen Aktionsplan zur "dé-radicalisation" potenzieller Attentäter. "In unseren Gesellschaften gibt es eine Zunahme des radikalen Islamismus. Tausende Jugendliche sind radikalisiert", meinte der sozialistische Regierungschef zur Begründung. Konkret sollen in den zwei kommenden Jahren staatliche Auffangzentren im ganzen Land entstehen. Sozialarbeiter, Psychologen, Psychiater, Theologen und "grands frères" ("große Brüder" im Sinn von Bezugspersonen aus Banlieue-Zonen) sollen dort tätig werden, ohne einem genormten Verfahren zu folgen; jeder Fall soll einzeln behandelt werden.

An "Klienten" mangelt es nicht: In Frankreich gibt es 13.000 registrierte Möchtegern-Jihadisten – meist junge Männer, die vor ihrer Abreise nach Syrien festgesetzt wurden oder bereits aus einem Jihad-Gebiet zurückgekehrt sind. Zur Hälfte wurden sie von der Polizei gemeldet, zur Hälfte durch ihre eigenen Familien. Der Prozentsatz von Konvertiten ist hoch; bis zu zehn Prozent machen zudem psychiatrische Fälle aus, die sich besonders leicht als "Märtyrer" oder "menschliche Bomben" missbrauchen lassen.

Private Entradikalisierungszentren

Verstärkt werden auch die Subventionen für private Entradikalisierungszentren. Seit 2014 ist ihre Zahl in Frankreich von einer Handvoll auf 75 gestiegen. Die bekannteste Leiterin eines solchen Vorbeugezentrums, Dounia Bouzar, betreute im vergangenen Jahr mehr als 1.000 Fälle, warnt aber vor übertriebenen Erwartungen: "Kein Versuch zur 'Ausmusterung' kann Erfolg haben, solange der Jugendliche überzeugt ist, im Besitz der absoluten Wahrheit zu sein."

Genau deshalb hat der Islamische Kultusrat Frankreichs (CFCM) am Wochenende angekündigt, einen "theologischen Rat" ins Leben zu rufen, um den 2.500 Moscheen Frankreichs Leitlinien gegen radikale Predigten zu vermitteln. Vorsteher Anouar Kbibech sprach von einem "historischen Tag", da sein Gremium erstmals nicht nur administrative, sondern auch inhaltliche Empfehlungen abgebe. Die radikalsten Moscheen sind indes beim CFCM gar nicht eingeschrieben. (Stefan Brändle, 9.5.2016)

  • Frankreichs Premier Manuel Valls verkündet den Aktionsplan.
    foto: afp/eric feferberg

    Frankreichs Premier Manuel Valls verkündet den Aktionsplan.

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