Wenn Schule im Krankenhaus stattfindet

9. Mai 2016, 13:26
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Wenn Kinder Langzeitpatienten sind, kommen die Lehrer ans Bett –vor allem Kinder mit Migrationshintergrund profitieren

Rund 5.000 Kinder und Jugendliche bekommen jedes Jahr in Österreichs Spitälern, Tageskliniken oder zwischen Spitalsaufenthalten auch daheim speziellen Unterricht. Wie man dabei reflektiert mit der Sprachenvielfalt und kulturellen Unterschieden der Kinder und Jugendlichen umgehen kann, ist von morgen bis 13. Mai in Wien Thema eines Kongresses der Krankenhauslehrer mit Teilnehmern aus 23 Ländern.

"Ein Kind, das nicht beschult wird, hat auch keine Chance, sich in unserer Welt zu behaupten. Die Schule bietet ein Heranführen an unsere Kultur, es kommt in das System Österreich herein", betont Reinhard Topf, Leiter des Psychosozialen Teams am St. Anna Kinderspital, die Wichtigkeit der Krankenhausschulen speziell für junge Patienten mit Migrationshintergrund.

Beim von der Krankenhauslehrer-Organisation HOPE (Hospital Organisation of Pedagogues in Europe) organisierten Kongress wird er als einer der Hauptvortragenden vor 220 Fachleuten aus Pädagogik, Medizin, Psychiatrie, Psychologie und Krankenpflege über die Herausforderungen in der Kommunikation mit schwerkranken fremdsprachigen Kindern referieren.

Sprache im Krankheitsfall

Österreichweit sprechen mehr als 20 Prozent der Schüler nicht Deutsch als Umgangssprache, an den Wiener Volksschulen sind es fast 60 Prozent. Durch die jüngsten Migrationsbewegungen werden es laufend mehr, auch in den Heilstättenschulen in Krankenhäusern und in den Höheren Schulen im Spital. Neben den vielen Sprachen bringen die jungen Patienten auch teilweise einen anderen Umgang mit Krankheit und Krankenhaus mit, so Elke Huber-Lang, Wiener Heilstättenlehrerin und Programm-Managerin des Kongresses.

Die Schule im Krankenhaus hat eine lange Geschichte: Bereits mit der Einrichtung einer eigenen Bettenstation für Kinder 1912 im AKH Wien wurde die Forderung nach Unterricht der kleinen Patienten laut. Ziel ist es dabei, dass diese nicht den Anschluss verlieren, die Krankenhauslehrerinnen und -lehrer halten den Kontakt mit den Schulen der Kinder und Jugendlichen und helfen ihnen auch beim Wiedereinstieg. Der Unterricht bringt aber auch ein Stück Normalität in ihren Alltag.

Gerade diesen Aspekt hebt auch Topf hervor. Die meisten Kinder seien begierig, in die Beschulung hineinzukommen. "Der Aspekt der Leistung ist für alle Kinder – und auch für Kinder mit multikulturellem Hintergrund – wahnsinnig wichtig, weil sie merken, hier werden sie ernst genommen." Die Schule sei zugleich auch ein Schutzraum, in dem die Kinder einzeln oder in kleinen Gruppen von Lehrern betreut werden. "Das ist eine absolute Sondersituation mit tollen Möglichkeiten für das Kind."

Fremde Welt verstehen

Von den Krankenhauslehrern, aber auch den anderen Professionen wie Psychologen und Therapeuten erfordert die Kombination von Krankenhaus, fremder Sprache und Kultur dabei besonderes Fingerspitzengefühl. Können sich die Kinder nur schwer verständlich machen, ist die ihnen fremde Welt im Krankenhaus noch viel beängstigender, erklärt Topf.

Deshalb müsse das Personal im Krankenhaus von Anfang an versuchen zu erfassen, was in den Kindern vorgeht. Versteht das Kind nicht, was der Arzt ihm vermittelt, ist es auf seine Fantasie angewiesen, die in der Regel viel furchterregender ist als die Wirklichkeit. Mögliche Folge sind etwa psychopathologische Störungen.

Das Krankenhauspersonal muss im Kontakt mit jungen Patienten mit Migrationshintergrund gleich mehrere Übersetzungsleistungen erbringen: Es muss die medizinische Sprache so übersetzen, dass sie auch für Kinder verständlich ist. Spricht das Kind eine andere Sprache, ist zunächst ein Dolmetscher wichtig. Zusätzlich müsse aber auch der kulturelle Hintergrund berücksichtigt werden: So können in gewissen Kulturkreisen etwa religiöse Vorstellungen zu Kommunikationsproblemen führen, auch der soziale Hintergrund der Familien spielt eine Rolle.

Multikulturelle Teams, etwa mit Psychologen und Kunsttherapeuten, sollen hier helfen, auch Hilfsmittel wie Zeichnungen, Sachbilderbücher oder Videos werden eingesetzt. Es macht laut Topf auch einen Unterschied, ob ein Kind nur wegen der medizinischen Behandlung nach Österreich gebracht wurde, ob es als Flüchtling ins Land gekommen ist oder schon in der zweiten Generation hier lebt. (APA, 9.5.2016)

Veranstaltungstipp:
Der Kongress der Internationalen KrankenhauslehrerInnen-Organisation HOPE findet von 10. bis 13. Mai im Kardinal König Haus, 1130 Wien, Kardinal-König-Platz 3.

Infos: www.hope2016vienna.eu

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